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19. Dezember 2012

Flüche und Beleidigungen: Lassen Sie es einfach raus!

 Von Ina Pachmann
Beruflich Gangsterrapper, privat will 50 Cent allerdings nicht, dass sein Sohn ihn fluchen hört.Foto: ddp

Fluchen und Schimpfen gehört zu unserem Alltag. Je größer der Stress, dem der Mensch ausgesetzt ist, desto heftiger die Schimpftiraden. Jetzt gibt's das Ganze auch nachzulesen: Rolf-Bernhard Essig hat ein Buch über Flüche und das Schimpfen geschrieben.

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Fluchen und Schimpfen gehört zu unserem Alltag. Je größer der Stress, dem der Mensch ausgesetzt ist, desto heftiger die Schimpftiraden. Jetzt gibt's das Ganze auch nachzulesen: Rolf-Bernhard Essig hat ein Buch über Flüche und das Schimpfen geschrieben.

Die Antwort auf die Frage, wie oft er heute schon geflucht habe, fällt enttäuschend aus. „Eigentlich gar nicht“, sagt Rolf-Bernhard Essig. Dabei ist es schon 18 Uhr und das Wettern Essigs Leidenschaft. Die miese Bilanz versucht der Mann damit zu erklären, dass er den ganzen Tag am Schreibtisch verbracht habe. Immerhin: Ein Wikipedia-Text von ihm wurde als „unter aller ...“ befunden. Essig hofft, der Kritiker könnte vielleicht Kanone und nicht Sau gemeint haben. Womit er selbst diesen einen Fluch abschwächt.

Dass Tage selten so flucharm verlaufen, weiß jeder. Wenn unter der Dusche plötzlich das warme Wasser wegbleibt, die Bahn wieder einmal zu spät kommt oder einem jetzt in der Adventszeit der Parkplatz vor der Nase weggenommen wird, kann ein laut gerufenes „Scheiße“ oder „Mist“, gern mehrfach und kombiniert mit dem Wörtchen „verdammt“, dafür sorgen, dass der Ärger schnell verpufft. Das Fluchen gehöre zu unserem Alltag, es sei nicht zu vermeiden, erklärt der promovierte Germanist und Wortforscher Rolf-Bernhard Essig. Er hat Flüche aus unterschiedlichsten Lebensbereichen gesammelt, sie auf ihre Herkunft untersucht und ein Buch darüber geschrieben. „Holy Shit!“ ist eine Fundgrube für Meckerer, die sich an alten und neuen Sprachschöpfungen ergötzen können, ohne jedes aufgeführte Schimpfwort selbst verwenden zu müssen.

Auspufflutscher und Asphaltschnecken

Essig schreibt, dass neurologische, psychologische und soziologische Forschungen bestätigt haben, dass der Mensch hin und wieder Dampf ablassen muss. Der Mensch könne nicht anders, das Hirn ist schuld. Außerdem mache das Schimpfen Kopf und Herz frei, es wirke wie ein Ventil. Im Mittelalter gab es Schimpfspiele, heute liefern sich junge Leute in Amerika in sogenannten Diss-Battles heftige Wortgefechte und Rapper werfen mit Kraftausdrücken nur so um sich. Am meisten geflucht wird jedoch jenseits solcher Kunstformen. Alte Pissnelke, Arschloch oder Vollhorst gehören zu den gängigen Beleidigungen.

Auf den Straßen sind ganze Herden blöder Kühe und Hornochsen unterwegs, die ihrerseits von Blinkidioten, Auspufflutschern und Asphaltschnecken am zügigen Fortkommen gehindert werden. Je größer der Stress oder/und das Tempo, dem der Mensch ausgesetzt ist, desto heftiger die Schimpftiraden. Bei einer Befragung von 500 Kindern im Alter von vier bis 16 Jahren fand das Marktforschungsunternehmen „OnePoll“ heraus, dass 75 Prozent der Eltern beim Autofahren schimpfen, 41 Prozent sogar schreien, 54 Prozent miteinander streiten.

Ähnlich rau geht es im Sport zu. Vernachlässigt werden soll hier das Druckaufbauen bei Sportarten wie etwa dem Boxen, das die Kämpfer in Wettkampfstimmung versetzen soll. Auch wie sich die Fans gegnerischer Fußballmannschaften beschimpfen, soll hier vernachlässigt werden. So lange sie reden, schlagen sie – vielleicht – nicht. Aber auch auf dem Spielfeld können ausgelebte Emotionen, wenn es denn nicht bei Worten bleibt, zu einem Fiasko führen.

Essig erinnert in seinem Buch an eine Auseinandersetzung zwischen Marco Materazzi und Zinédine Zidane im Endspiel bei der WM 2006. Beide hatten ein Tor geschossen. In der Verlängerung dann provozierte der Italiener den Franzosen. Erst hielt er ihn am Trikot fest und es wurde Freistoß gepfiffen. Zidane sagte zu dem am Hemd zottelnden Materazzi, er könne ja sein Trikot haben, aber erst nach Spielende. Worauf dieser Zidane anbluffte: „Ich nehm lieber deine Nutten-Schwester!“ Das war eine Beleidigung, die der Franzose weder auf sich noch auf seiner Schwester sitzen lassen konnte. Er brachte Materazzi mit einem Kopfstoß gegen die Brust zu Fall und kassierte die rote Karte. Italien wurde Weltmeister.

Dass man in anderen Ländern anders flucht, zeigt dieses Beispiel sehr schön. Südländer etwa reagieren sich auch gern mit religiösen Flüchen ab, im arabischen Raum stehen Familienverwünschungen ganz oben auf der Fluch-Liste. In Amerika wiederum ist das F-Wort so verpönt, dass einige Szenen des britischen Films „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“ noch einmal gedreht wurden, weil Hugh Grants „Fuck“-Ausbrüche im Original von den Lippen abzulesen gewesen wäre.

Der Ton macht die Musik

Normalerweise lernt der Mensch in jungen Jahren, was man sagen darf und was eher nicht. Wenn Eltern nicht bei jedem Fäkalwort, das ihr Liebling fallen lässt, in Ohnmacht fallen und klar definieren, was wann erlaubt ist, verlieren die verbotenen Begriffe ziemlich schnell ihren Reiz für die Kleinen – um in späteren Jahren gezielt eingesetzt zu werden. 38 Jahre war Joschka Fischer alt, als er zu einer der legendärsten Beschimpfungen im Bundestag ausholte. „Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch!“, sagte der Grünen-Abgeordnete zu Bundestagsvizepräsident Richard Stücklen – so formvollendet wird selten beschimpft.

Oft entscheiden Ton und Situation darüber, ob ein Wort zum Schimpfwort wird. Wenn sich etwa zwei Freundinnen anerkennend versichern, sie hätten sich aufgebrezelt, wird keine der beiden an dem Wort Anstoß nehmen. Wenn die beiden es aber über eine Dritte sagen, das womöglich hinter vorgehaltener Hand und kichernd tun, fühlt sich die Betroffene zumindest verspottet, kann sogar tödlich beleidigt sein.

Schwieriger ist es mit Begriffen aus dem – nennen wir es – Straßen-Slang. Um „geile Fotze“ als Anerkennung für ein weibliches Wesen zu verstehen, muss man entweder diesen Kreisen angehören oder Sprachforscher sein. Jener hat selbstverständlich andere Lieblingsschimpfwörter. „Du kuttelgesichtiger Halunke!“, ein Begriff aus Shakespeare-Zeiten, gehört dazu, auch Scheibenkleister und Dreck. Nur an manchen Tagen hat er, verdammt noch mal, einfach keinen Grund zum Fluchen.

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