Die fünf Passagiere des Aeroflot-Fluges 821 Moskau-Perm, die es am Samstagabend nicht rechtzeitig zum Flughafen schafften, werden seitdem pausenlos ihrem Schutzengel danken. Denn alle anderen 82 Passagiere und sechs Besatzungmitglieder, die vom Moskauer Flughafen Scheremetjewo um ein Uhr morgens in die Stadt am Westrand des Ural flogen, starben, als die Boeing 737-500 der Aeroflot-Tochter Aeroflot-Nord über Perm abstürzte.
Anders als manch andere Katastrophe in Russland wird der Absturz von Perm länger für Schlagzeilen sorgen: Die Katastrophe traf mit der mehrheitlich staatlichen Aeroflot die prominenteste Fluggesellschaft Russlands.
Der Fluglotse des Flughafens von Perm, Irek Bikbow, berichtete im ersten russischen Fernsehkanal, der Pilot, der 34 Jahre alte Rodion Medwedew, habe beim Landeanflug die Anweisungen für den Sinkflug nicht befolgt und sei stattdessen wieder gestiegen. Dann habe die Maschine rasant an Höhe verloren.
Als sie 600 Meter Höhe erreicht hatte, hörte der Lotse einen lauten Fluch aus dem Cockpit, und die Verbindung brach ab. Dann stürzte die Boeing nur wenige Dutzend Meter neben mehrstöckigen Wohnhäusern im Stadtteil "Industrie" von Perm ab.
Der nach Perm geflogene Leiter des Ermittlerkomitees der russischen Generalstaatsanwaltschaft, Alexander Bastyrkin, sagte nach der ersten Sitzung einer Untersuchungskommission, wahrscheinliche Unglücksursache sei ein Feuer im rechten Triebwerk. Russlands Transportminister Igor Lewitin sagte, Ermittler hätten keinerlei Hinweise auf einen Terroranschlag gefunden. Das Flugzeug sei offenbar technisch mangelhaft gewesen, so der Minister.
Der Leiter der russischen Flugaufsicht, Jewgenij Batschurin, erklärte dagegen, die Boeing sei erst am 7. September in der Moskauer Flugzeugwerft Nr. 400 gründlich überprüft und für einwandfrei befunden worden.
Mehrere Augenzeugen sagten im Fernsehsender Ren-TV, das Flugzeug sei noch in der Luft explodiert. "Es sah wie ein brennender Komet aus. Dann traf es (das Flugzeug) neben dem nächsten Haus den Boden, es gab einen Feuerball, der den ganzen Himmel erleuchtete", so ein Augenzeuge. Die Wrackteile wurden über zehn Quadratkilometer verstreut. Die Untersuchungskommission prüft unterdessen auch die Möglichkeit eines Terroranschlages.
Die Daten der Flugschreiber der Unglücksmaschine sollen laut Nachrichtenagentur dpa heute (Montag) in Moskau von Experten ausgewertet werden. Im Tagesverlauf wollen die Experten der russischen Luftfahrtbehörde ihre Untersuchungen an der Absturzstelle abschließen. Für Montag hat die Verwaltung der Region Perm, knapp 1400 Kilometer östlich von Moskau, einen Trauertag angeordnet.
Internetdienst der tschetschenischen Rebellen jubelt
Spekulationen über einen möglichen Terroranschlag wurden dadurch angeheizt, dass unter den Toten der ehemals im Tschetschenienkrieg kommandierende General Gennadij Troschew ist, bis 2003 Oberkommandeur der russischen Kaukasusarmee und seitdem Ratgeber des russischen Präsidenten. "Der Kriegsverbrecher Troschew hat seinen Tod über Perm gefunden", titelte am Sonntag der Internetdienst der islamistischen tschetschenischen Rebellen kavkazorg.co.uk.
Die Rebellen übernahmen jedoch keine Verantwortung für einen möglichen Anschlag. Zuletzt sprengten die Rebellen am 24. August 2004 zwei von Moskau aus startende Passagierflugzeuge durch zwei tschetschenische Selbstmordattentäterinnen in die Luft. Damals schlossen die russischen Behörden einen Terroranschlag zunächst kategorisch aus.
Dem Gouverneur der Region Perm, Oleg Popow, zufolge sind die Toten visuell nicht zu identifizieren, Leichenfragmente so verstreut, dass sie nur mithilfe von Erbgutanalysen identifiziert werden könnten.
Viel Glück am Boden
Die Katastrophe hätte noch tödlicher ausfallen können: Die Boeing stürzte nur wenige Dutzend Meter neben mehrstöckigen Wohnhäuser im Stadtteil "Industrie" von Perm ab. Die Trasse der Transsibirischen Eisenbahn wurde durch Wrackteile und Feuer auf hundert Metern zerstört, Züge werden seitdem umgeleitet.
Aeroflot-Direktor Okulow versuchte, den Imageschaden durch den Absturz zu begrenzen. Schon ab Montag verliere "Aeroflot-Nord", die Firma, die den Unglücksflug nach Perm ausführte, das Recht auf das Führen des Aeroflot-Namens. Früher hieß die Fluggesellschaft "Archangelsk-Fluglinien", 2004 wurde sie mehrheitlich von Aeroflot übernommen in "Aeroflot-Nord" umbenannt: Aeroflot gehören 51 Prozent ihrer Aktien - und damit die uneingeschränkte Kontrolle über Aeroflot-Nord.
Alte Maschinen auf innerrussischen Strecken
Auf seinen westlichen Auslandsflügen setzt Aeroflot fast ausschließlich neue Maschinen von Airbus und Boeing ein. Anders ist es bei Flügen in ehemalige Sowjetrepubliken und auf innerrussischen Strecken. Die abgestürzte Boeing 737-500 wurde Aeroflot zufolge im September 1992 gebaut und von Aeroflot-Nord am 28. Juli 2008 von der Dubliner Gesellschaft Pinewatch für fünf Jahre geleast. Zuvor flog die Boeing bei der chinesischen Fluggesellschaft Xiamen Airlines.
Der bislang jüngste Absturz einer Aeroflot-Maschine ereignete sich im März 1994 in Sibirien. Damals starben, nachdem der Pilot seinem Sohn im Teenageralter das Steuer übergeben hatte und dieser irrtümlich den Autopilot abschaltete. Am 24. August starben 56 Menschen beim Absturz einer Boeing 737-299 in Kirgistan. Russland und die ehemaligen Sowjetrepubliken bilden der International Air Transport Association zufolge das weltweite Schlusslicht in Sachen Flugsicherheit.
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