Es ist gerade mal eine Woche her, da erhob die Staatsanwaltschaft Erfurt Anklage gegen zwei junge Frauen. Der Vorwurf: "Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten." Die 19- und die 20-Jährige hatten im November mehrere E-Mails an die Integrierte Gesamtschule von Erfurt verschickt. Eine lautete: "Jetzt ist es so weit. Nun werdet ihr alle sterben." Bei der Ankündigung blieb es. Aber sie reichte doch aus, um überall in Thüringen wieder die Bilder von damals hochkommen zu lassen.
Damals, das ist der 26. April 2002. An diesem Tag marschierte der 19-jährige Schüler Robert Steinhäuser ins Erfurter Gutenberg-Gymnasium und tötete binnen zwölf Minuten erst 16 Menschen und dann sich selbst. Das hatte es in Deutschland noch nicht gegeben. Dass es das in Deutschland nicht noch einmal geben darf, wurde anschließend von Amtsstuben, Lehrerzimmern, Polizeirevieren aus verkündet. Der 26. April 2002 war auch der Tag, an dem man sich zu wappnen begann.
Die Polizei etwa, sagt Hans-Dieter Volkmann, habe damals ihre Strategie "komplett neu überdacht". Bis Erfurt, so der Direktionsleiter des Polizeipräsidiums Münster, war man davon ausgegangen, dass Streifenpolizisten im Ernstfall immer Sondereinsatzkräften (SEK) das Kommando überlassen. Dann aber brauchte Steinhäuser nicht mal eine Viertelstunde für sein Blutbad. So schnell bekommt man kein SEK. Seither lautet die Regel für Streifenbeamte: rein gehen, Täter identifizieren und notfalls erschießen.
Jeder Uniformierte in Nordrhein-Westfalen muss seither einmal im Jahr an einem "Amoklagen-Training" teilnehmen. Gelegenheit, ihr neues Wissen anzuwenden, hatten die Münsteraner Polizisten bereits: Im November 2006 stürmte ein schwer bewaffneter 18-Jähriger die Geschwister-Scholl-Realschule in Emsdetten, verletzte etliche Schüler und tötete sich selbst. Volkmann war damals Einsatzleiter. Er sagt, dass so wie in Münster im Grunde in ganz Deutschland Polizisten auf Amokläufe vorbereitet werden.
Auch an Schulen wandte sich die Polizei seit Erfurt verstärkt. Im Februar hatten sie in Münster 84 Schulleiter zu Gast, um zu diskutieren, was zu tun ist, bevor einer austickt, und wie man einschätzen kann, ob eine Kritzelei auf der Schulbank nur ein Jux oder schon eine Drohung ist. An unzähligen Schulen in Deutschland wurden Krisenteams gebildet, mal mit, mal ohne Polizei. Andernorts wurden Eltern aktiv und engagierten kommerzielle Anbieter. Auch deren Geschäft boomte nach Erfurt.
All das aber reichte offenbar nicht dazu aus, das Thema Amoklauf an Schulen wieder aus dem Bewusstsein zu verdrängen. Im Gegenteil, sagt Rudolf Egg, der Direktor der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden: "Die Zahl der Drohungen nimmt stetig zu." Genaue Daten kennt niemand, aber in den großen Bundesländern soll es pro Jahr 60 bis 80 ernstzunehmende Amokankündigungen geben. Allein in Volkmanns Dienstort Münster beschäftigten 2008 neun ernste Drohungen die Polizei. Im September versetzte ein 14-jähriger Gymnasiast Eggenfelden in Aufregung, im Januar ein Realschüler Hameln. Im Februar war es wieder Erfurt, wo ein 19-jähriger Gymnasiast Rachepläne entwarf. Rolf Busch, der Vorsitzende des Thüringer Lehrerverbandes, sagt denn auch: "Wir haben seit 2002 nicht viel geschafft."
Trotz allem gebe es in den Gemeinden noch immer kein Netzwerk, mit dem man auffällige Schüler auffangen könne, sagte Busch der FR. "Immer erklärt sich einer für nicht zuständig." Wie wenig ernst Versprechungen zu nehmen seien, sehe man auch im Bereich der Schulpsychologie: Während in Finnland, wo Schüler 2007 und 2008 Amok liefen, "an jeder Kleinstschule" regelmäßig ein Schulpsychologe wirke, gebe es in Thüringen dafür nicht einmal 20 Stellen. "Prävention kostet eben auch Geld", sagt Busch. Er bezweifelt, dass es demnächst auftauchen wird. Man könne eher darauf wetten, dass auch jetzt wieder passiert, was meistens passiere: "Wenn das lange genug vorbei ist, kehrt man wieder zur Normalität zurück." Und hofft, dass alles nur ein Einzelfall war.
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