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30. November 2010

FR-Interview mit Jonathan Akpoborie: „Mein Leben war zerstört“

„Ich war ein erfolgreicher Stürmer und sollte plötzlich ein Kinderhändler sein. Alles gelogen“, sagt Akpoborie.  Foto: W-Film

Jonathan Akpoborie erzählt im FR-Interview, wie ihn sein angebliches Sklavenschiff bis heute verfolgt und wie sein Leben nach dem Profifußball aussieht.

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Jonathan Akpoborie erzählt im FR-Interview, wie ihn sein angebliches Sklavenschiff bis heute verfolgt und wie sein Leben nach dem Profifußball aussieht.

Herr Akpoborie, „Das Schiff des Torjägers“ erzählt die Geschichte der Etireno, einer Fähre, die Ihnen gehörte und die vor neun Jahren Kindersklaven von Benin nach Gabun gebracht haben soll. Wie war es, den Film zu sehen?

Merkwürdig, fast unheimlich. Ich kannte nur die Szenen, an denen ich beteiligt war. Ich wusste nicht, in welche Richtung der Film gehen würde. Ich war sehr nervös.

Weil Sie fürchten mussten, der Film könnte Sie schwer belasten?

Nein, ich kenne die Wahrheit. Der Film muss mich auch nicht freisprechen, was er nicht will. Er liefert Fakten. Fakt ist: Wir haben an die Kinder, die an Bord waren, keine Tickets verkauft, sondern eine Agentur. Die Passkontrolleure haben die Kinder an Bord gelassen. Die Behörde hat uns die Erlaubnis zum Auslaufen erteilt. Unsere Aufgabe war es, die Passagiere von A nach B zu transportieren.

Die Vorwürfe wogen schwer. 250 Kindersklaven sollten sich nach ersten Angaben von Hilfsorganisationen auf dem Schiff befunden haben. Der Medienrummel war enorm, als es im April 2001 im Hafen von Cotonou einlief.

Alle warteten auf die Bilder von Kindern in Ketten, wie Unicef sie in die Welt gesetzt hatte. Als man die nicht fand, wurde behauptet, der Kapitän habe sie vielleicht über Bord werfen lassen. Das ist ungeheuerlich. Die Interviews mit zwei von den 27 Kindern, die an Bord waren, und die mit ihren Eltern, sind für mich die Schlüsselszenen in dem Film. Sie bestätigten, dass Unicef eine Geschichte konstruiert hat, die falsch war.

Und so Ihre Karriere beendete?

Unicef hat gelogen. Ich war ein erfolgreicher Stürmer und plötzlich ein Sklavenhändler. Mein Leben war zerstört. Die Geschichte verfolgt mich jeden Tag. Unicef ist eine angesehene Organisation. Sie hätte ihre Informationen genau prüfen müssen, bevor sie jemanden öffentlich ans Kreuz schlägt.

Für Sie ist damit der Schuldige doch gefunden. Warum haben Sie Unicef nicht längst verklagt?

Ich warte noch immer auf den abschließenden Untersuchungsbericht, und der Film hilft mir. Wir haben nun viele neue Informationen. Meine Anwälte werden sich der Sache annehmen.

Herr Akpoborie, war es nicht furchtbar naiv, Fähren zu kaufen, aber den Betrieb allein der Familie vor Ort zu überlassen?

Naiv? Nein. Die Fähren haben viele Menschen ernährt, sie sollten Geld bringen, das haben sie getan. Ich bereue nicht, dass ich sie gekauft habe. Ich würde es wieder tun.

Zu Person & Fall

Jonathan Akpoborie, 42, spielte von 1990 bis 2002 als Profifußballer, u.a. bei Hansa Rostock, beim VfL Wolfsburg und VfB Stuttgart. Heute arbeitet er als lizenzierter Spieleragent.

Der Fall der „Etireno“, eine Fähre, die Akpoborie 1998 kaufte, sorgte 2001 für Schlagzeilen. Das Schiff soll Kindersklaven von Benin nach Gabun gebracht haben. „Das Schiff des Torjägers“, das Beteiligte aufspürt und zu Wort kommen lässt, läuft ab Donnerstag im Kino. Den Fall kann und will der Film jedoch nicht lösen. (geh)

Fühlen Sie sich für die Kinder der Etireno verantwortlich?

Nicht wirklich. Wenn man sie in dem Film sieht, tun sie mir leid. Wenn ich jedoch nur die geschäftliche Ebene ohne Sentimentalitäten betrachte, hatten wir einen Vertrag und diesen erfüllt. Und noch etwas. Die Menschen in Afrika sind sehr arm, ohne Perspektive. Eltern schicken ihre Kinder zu Verwandten in etwas wohlhabenderen Regionen, damit sie dort arbeiten und zur Schule gehen können. So ist das Leben. Manchmal muss man etwas riskieren.

Wie meinen Sie das?

Als ich aus Nigeria weggegangen bin, war ich jung, meine Chancen standen fünfzig zu fünfzig. Das konnte gut oder schlecht gehen.

Verzeihung, Sie waren U16-Weltmeister, bekamen ein Stipendium in den USA. Sie können sich nicht ernsthaft mit einer Vierjährigen vergleichen, die ihr Heimatdorf nie verlassen und nie auf die Etireno wollte.

Ich kenne beide Welten, Afrika und Europa. Ihr sagt: „Das kann man nicht machen.“ Aber viele haben keine Alternative. Ich gebe Ihnen Recht. Die Kinder waren zu jung, um ihr Elternhaus zu verlassen und zu arbeiten. Sie sollten auch nicht gegen ihren Willen weggeschickt werden. Aber für junge Erwachsene ist das eine Chance, viele haben sie genutzt. Sie haben gearbeitet, ein Geschäft gelernt und als sie frei von ihrem Herrn waren, bekamen sie Geld, um auf eigenen Füßen zu stehen. Ist das Sklaverei?

Es wurde nie eindeutig geklärt, ob nicht einige Kinder auf der Etireno doch von ihren Eltern verkauft wurden. Halten Sie das für ausgeschlossen?

Ich habe noch nie gehört oder gesehen, dass Leute für Kinder Geld gezahlt haben. Ich bestreite nicht, dass es in Afrika Probleme gibt. Es gibt zum Beispiel keine starken Kontrollen an den Grenzen. Um die Wahrheit zu sagen, man läuft einfach von einem Land ins nächste. Wer ein Kind an der Hand hält, der ist automatisch der Vater oder der Onkel, geprüft wird das nicht. Organisationen wie Unicef müssen darauf aufmerksam machen. Ich arbeite nun als Spielervermittler, ich tue das bei Missständen im afrikanischen Fußball auch. Viele afrikanische Clubmanager sind schlecht. Es tut mir leid, das zu sagen, aber so ist es. Sie sind Verkäufer, das ist falsch. Sie interessiert nicht, was mit den Spielern passiert, die ihren Verein verlassen. Sie interessiert nur das Geld.

Interview: Sebastian Gehrmann

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