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Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft

04. Oktober 2010

FR-Interview mit Luc Besson: „Ich habe gekämpft wie ein Löwe“

Seit Anfang der 90er Jahre ist Besson, der viele Drehbücher selbst schreibt, als sehr erfolgreicher Produzent tätig  Foto: AFP

Der französische Regisseur Luc Besson über die Erfüllung seines größten Traums, reiche Dummköpfe im Filmgeschäft und darüber, wie er mit 14 seinen ersten Erotikfilm drehte.

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Der französische Regisseur Luc Besson über die Erfüllung seines größten Traums, reiche Dummköpfe im Filmgeschäft und darüber, wie er mit 14 seinen ersten Erotikfilm drehte.

Monsieur Besson, in Hollywood heißt ein geflügeltes Wort, dass niemand, der eine glückliche Kindheit hatte, Schauspieler wird. Trifft das auch auf Regisseure zu?

Ich war eigentlich kein unglückliches Kind, obwohl ich mich oft sehr einsam fühlte. Wohl auch deswegen, weil meine Eltern – die beide Tauchlehrer waren – beruflich in der ganzen Welt herumgereist sind. Das war auf der einen Seite natürlich sehr aufregend und interessant, auf der anderen Seite hatte ich aber nie wirkliche Freunde. Denn immer dann, wenn ich jemandem näher kam, reisten wir schon wieder ab. Was ich hatte, war die Natur um mich herum. Was tat ich also? Ich nahm einen Stein und drei Holzstückchen und erfand mir so die verrücktesten Spielzeuge.

Sie kreierten sich damit die Welt?

Ganz genau! Ich erinnere mich noch sehr gut daran, ich muss so sieben oder acht Jahre alt gewesen sein … Da hatte ich einen Stein, den ich über alles liebte. Es war ein magischer Stein: Zwei Tage lang fungierte er als Postkutsche beim Cowboy- und-Indianer-Spielen mit meinen Plastikfiguren. Dann war er ein Raumschiff, dann ein Lastwagen, ein Haus oder ein Elefant. Eines Tages hatte ich ihn verloren, was mich sehr traurig machte.

Was haben Sie ohne Ihren magischen Stein gemacht?

Ich habe einfach einen anderen gefunden. Meine Fähigkeit, mir Dinge – ganze Welten – herbeizufantasieren, hatte darin ihren Anfang. Und später, als ich so 16, 17 Jahre alt war, setzte ich mich dann vors Fenster und schaute hinaus. Ich sah Bäume, eine grüne Wiese und im Hintergrund Berge. Für mich war das wie eine Leinwand, auf die ich Geschichten aus meinem Kopf projizierte. So habe ich angefangen „Das fünfte Element“ zu schreiben. Für mich war das eine Möglichkeit, der Wirklichkeit zu entfliehen.

Und wie wurden Sie schließlich Filmemacher?

Ich war ein Träumer, ein Autodidakt. Ich hatte ja keinen familiären Background, der mich auf das Filmemachen vorbereitete. Ich war, als ich mit 17 zum Film kam, ein krasser Außenseiter. Ich hatte kaum Kino-Filme gesehen, hatte zu diesem Zeitpunkt nicht einmal einen Fernseher. Alles, was ich hatte, war meine Fantasie.

Zur Person

Luc Besson, Jahrgang 1959, drehte seinen ersten Langfilm, die surreale Endzeit-Fabel „Der letzte Kampf“, 1983. Zwei Jahre später hatte er mit dem Thriller „Subway“ den nationalen und 1988 mit dem Unterwasser-Epos „Im Rausch der Tiefe“ seinen internationalen Durchbruch.

Sein aktueller Film „Adèle und das Geheimnis des Pharaos“ läuft zurzeit in den deutschen Kinos.

Zu seinen weiteren Regiearbeiten gehören u.a. der Thriller „Léon – Der Profi“ (1994), der Fantasy-Fiction „Das fünfte Element“ (1997) und „Johanna von Orleans“ (1999).

Luc Besson ist zum dritten Mal verheiratet und hat fünf Töchter.

Wer oder was hat Sie – wenn schon nicht beeinflusst – dann wenigstens in Ihren prägenden Jahren beeindruckt?

Da gab es diesen Freund meiner Eltern. Er war Architekt. Ein einsamer Mann. Ich war um die 13 Jahre alt. Er war der erste Mensch, der mich als Erwachsener behandelt hat. Für ihn spielte Alter keine Rolle. Er gab mir Bücher über Architektur zu lesen, zeigte mir die Besonderheiten von Gebäuden und Bildern, machte mich auf Aspekte wie Perspektive und die Aufteilung von Räumen aufmerksam. Auf ganz spielerische Art und Weise und ohne mich damit zu überfordern. Das hat dann auch mein Interesse an der Fotografie geweckt. Und ich habe mir auch bald das Magazin Photo abonniert. Sehr zum Schrecken meiner Großeltern übrigens, weil da auch nackte Frauen abgebildet waren.

Was haben Sie damals denn gefilmt?

Sie werden lachen, ich habe schon damals – also mit 14, 15 Jahren – Kunst gemacht. Also nicht die Oma beim Kaffeetrinken gefilmt oder die Katze beim Mäusefangen. Nein, ich habe meine 13-jährige Spielkameradin nackt in die Badewanne gelegt und auf das Wasser Rosenblätter gestreut. Das habe ich dann gefilmt. Als meine Großeltern davon Wind bekamen, haben sie meinen Eltern geraten, mich zur Beobachtung in die Psychiatrie einliefern zu lassen.

Nun, Sie waren tatsächlich etwas jung für einen Sexfilmer …

… aber so unschuldig! Wir waren doch nur befreundet und haben nicht etwa miteinander geschlafen. Und auf dem Film hat man überhaupt nichts explizit Sexuelles gesehen. Das war die Zeit der David-Hamilton-Filme, als man gerne durch Chiffon-Schleier filmte.

Monsieur Besson, Sie sagten einmal, Kinofilme sind wie Aspirin …

… was ich damit meine ist, dass Kinofilme nicht Leben retten können. Sie sind keine echte Medizin. Bestenfalls wirken sie wie Aspirin.

Wenn Kinofilme Aspirin sind – was sind dann die Filme, die Sie machen? Prozac, Ecstasy, LSD?

Vielleicht all das – und noch ein bisschen mehr? Jetzt aber ohne Spaß: Nehmen wir meinen neuen Film „Adèle und das Geheimnis des Pharaos“. Für zwei Stunden wird der Zuschauer da in eine Fantasiewelt entführt, reist nach Ägypten, schaut Mumien beim Teetrinken zu, sieht einen Flugsaurier in Aktion und natürlich Adèle, diese junge Frau, die alles daransetzt, ihrer Schwester das Leben zu retten. Während dieser zwei Stunden ist der Zuschauer sehr weit weg von der Realität. Wenn er wieder in seine Wirklichkeit eintaucht, dann hat er vielleicht durch das, was er da erlebt hat, wieder etwas Energie aufgetankt.

Sind das die „künstlichen Paradiese“ – die Baudelaire meinte – auf Zelluloid?

Kann man sagen. Allerdings ohne Drogen. Natürlich ist ein Spielfilm immer hochartifiziell. Aber genau darin liegen auch die Schönheit und der Trost für den Betrachter.

Können Sie das bitte etwas näher erläutern?

Mir ist schon seit einiger Zeit aufgefallen, dass die meisten Menschen den Politikern, Managern oder Bankern immer weniger vertrauen. Sie sind geradezu abgestoßen von deren Affären, Betrügereien und Lügen. Und dann sind da die Sportler. Bei denen geht es doch meist nur noch ums Geld und Doping.

Sie verallgemeinern.

Ich glaube, dass viele Menschen das so wahrnehmen und deswegen die Künstler entdeckten! Und die sind ja die Schlimmsten: Die rauchen, nehmen Drogen, haben Affären – aber sie heucheln nicht. Das mögen die Menschen.

Sie meinen, dass Künstler immer mehr Verantwortung übernehmen? Eine gewagte These.

Aber sie stimmt. Ich spüre das täglich. Was wir machen, ist zwar alles Fake – aber darin steckt mehr Wahrheit als in allem anderen. Es ist jetzt an uns, diese Menschen nicht auch noch zu verprellen. Wissen Sie, was mich wirklich glücklich macht? Wenn ich vor einem Multiplex-Kino stehe und mir 15 verschiedene Filme ansehen könnte, wenn ich wollte. Diese Vielfalt ist grandios.

Vielfalt ist ja schön und gut. Nur wie steht’s um die Qualität?

Um die geht es natürlich auch. Hier „Transformers“, dort der neue Godard. Da der neue Film von Wenders. Dort der neue von Luc Besson. Es gibt zwei Freiheiten, für die ich wie ein Löwe kämpfe: für Ihre Freiheit, unter diesen 15 Filmen den auswählen zu können, den Sie sehen wollen. Und für meine Freiheit, den Film zu machen, den ich machen will.

Hatten Sie als Selfmademan eigentlich unter dem Snobismus der französischen Kinoelite zu leiden?

Das hat mich nie wirklich gekratzt.

Auch nicht, wenn Ihre Filme als „Fast-Food-Kino“ verunglimpft wurden?

Nein. Es gibt gute Filme und schlechte. Basta. Truffaut, Chabrol, Godard und wie sie alle heißen, haben ein paar ganz hervorragende Filme gemacht. Ich liebe zum Beispiel Godards „Le Mépris“. Und dann gibt es Filme von ihm, die sind Mist. Aber nur weil es Godard ist, traut sich das keiner zu sagen.

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