Westdeutschland, Anfang der 1980er-Jahre. In einem konservativen Gymnasium versucht der Geschichts- und Lateinlehrer, ein Preußen-Fan, im Frontalunterricht seine Neuntklässler für Themen wie die „Peuplierung Brandenburgs“ oder die „Schlesischen Kriege“ zu gewinnen. Die jedoch haben beim Thema Geschichte eher lustige Filme im Kopf – Monty Pythons „Ritter der Kokosnuss“ oder Mel Brooks „Die verrückte Geschichte der Welt“. Preußen-Begeisterung will sich nicht so recht einstellen.
Und wie sieht es heute aus mit Friedrich II. an den Schulen? „Seine Geschichte gehört nicht mehr zum Kanon, wie noch bis in die 1970er- Jahre“, sagt Peter Lautzas, Vorsitzender des Verbandes der Geschichtslehrer Deutschlands. „Heute spielt er in den Lehrplänen keine große Rolle mehr“, was der 70-jährige Lautzas prinzipiell richtig findet. „Als ich noch zur Schule ging, wurde Preußens kriegerische Machtpolitik nicht infrage gestellt – und auch nicht die preußischen Tugenden.“
Was die Lehrpläne des Landes Berlin angeht, findet Lautzas allerdings, dass „Friedrich II. fast schon skandalös zurückgedrängt ist, wenn man bedenkt, welche Rolle er für die Stadt und ihre Umgebung gespielt hat“. Was aber ließe sich machen im Unterricht mit dem großen Fritz? „Die Frage des gerechten und des ungerechten Krieges kann man gut an seinem Beispiel debattieren“, sagt er. „Und auch die Frage, wie weit der philosophische Anspruch und das reale politische Handeln auseinanderliegen können.“ Auch Stichworte wie Abschaffung der Folter, Toleranz und Bildung nennt er.
Friedrich II. habe erkannt, dass „von der Bildung der Wohlstand eines Landes abhängt“, sagt Lautzas. Tatsächlich wurden während seiner Regentschaft viele Schulen auf dem Land gebaut. Als Lehrer ließ der König allerdings ehemalige Unteroffiziere einsetzen, die des Schreibens und Rechnens selbst meist nur lückenhaft kundig waren. Auch kamen die Kinder in der Erntezeit oft nicht zum Unterricht. „Immerhin“, so Lautzas, das waren die schüchternen Anfänge unseres Schulsystems.“
Und vielleicht war es auch der Anfang des Frontalunterrichts. Der preußenbegeisterte Geschichtslehrer, von dem zu Beginn die Rede war, griff irgendwann zu einer ungewöhnlichen Maßnahme. Er brachte einen wertvollen KPM-Teller von zu Hause mit in den Unterricht. Doch Pubertierende interessieren sich auch nicht für Porzellan. Der Lehrer hatte wieder verloren. Nicht so heftig wie Friedrich II. bei Kunersdorf – doch machte er ein langes Gesicht, als er seinen königlich-preußischen Teller wieder einpackte.
Von Hans-Hermann Kotte
Zur ordentlichen Ausbildung des Adels gehörte stets auch Musik. Selbst der Soldatenkönig, der an Kultur sparte, wo er konnte, ließ seine Kinder musikalisch unterweisen. Allerdings nur im geistlichen Genre: Der Berliner Domkantor Hayne unterrichtete Friedrich im Choralsatz und Generalbass. Richtig Feuer für die Musik fing der Prinz erst, als er in Dresden den prachtvollen Musenhof Augusts des Starken besuchte. Dort traf Friedrich auf seinen Flötenlehrer Johann Joachim Quantz, den er später zum Gehalt eines hohen Hofbeamten anstellen sollte.
Die Wahl der Flöte ist ungewöhnlich, Blasinstrumente galten wegen der Gesichtsverzerrung beim Spielen als unwürdig für Aristokraten. Die Querflöte jedoch war in ihrer damaligen Form ein französisches Instrument, mit dem der frankophile König dem deutschen Musikleben seines Hofes einen besonderen Akzent gab. Er hatte das Instrument auch bei seinen Feldzügen stets dabei und übte zwischen den Kampfhandlungen. Friedrich wurde ein virtuoser Flötist – bis ihm im Alter ein ausgefallener Frontzahn beim Spielen zu schaffen machte.
Friedrich verstand es auch, bedeutende Komponisten wie Carl Philipp Emanuel Bach oder Franz Benda an seinen Hof zu binden. Sie verfolgten ein kompositorisches Projekt: Die Formeln des Spätbarock sollten subjektiv neu belebt und zum Sprechen gebracht werden – und der König mischte mit. Gewiss war ihm das Komponieren in erster Linie ein gedankenreicher Zeitvertreib, dessen Früchte immerhin 120 Flötensonaten, vier Flötenkonzerte und vier kurze Sinfonien sind. Konzerte, Sinfonien und eine Auswahl der Sonaten sind nun in historisch informierten Interpretationen von Musikern um den Berliner Flötisten Christoph Huntgeburth auf drei CDs beim Label „Studios Berlin“ erschienen.
Sie zeigen, dass Friedrich sehr regelgerecht komponiert, aber nicht übermäßig kunstvoll. Aber das wollte man damals auch nicht: Der Ton seiner Musik strebt nach Leichtigkeit und Eleganz. Friedrichs Hang jedoch, fast jede seiner schlichten Phrasen sogleich zu wiederholen, lässt die flüchtigen Gesten trüb im Kreis laufen – selten nur gelingt ihm ein Ausbruch in weiter gespannte musikalische Gedanken.
Am freiesten wirkt Friedrich in den langsamen Sätzen der Flötensonaten: Der oft melancholische Ton dieser Stücke schwingt frei aus und wirkt weniger angestrengt als die Fröhlichkeit der schnellen Sätze; hier und da entwickelt er sogar eine gewisse rhetorische Originalität. Seine Grenzen als Komponist waren Friedrich indes klar: Er beförderte seine Kompositionen weder zum Druck, noch führte er sie öffentlich auf.
Von Peter Uehling
Der Kontrast muss in den 1780er-Jahren überwältigend gewesen sein: Da war der preußische König Friedrich II., gekrümmt von Gicht, der Rock abgetragen und mit Speiseresten bekleckert. Ein surreales Wesen, das durch die nach dreißig Jahren Nutzung etwas abgewohnten, aber immer noch hinreißend eleganten Rokokodekors von Schloss Sanssouci zuckelte, auf die zierlichen Gemälde eines Watteau oder Lancret hinaufsah, seine schlankbeinigen Hunde herumschweifen ließ, die antiken und modernen Klassiker studierte, aber auch fast alle aktuellen Architektur- und Dekorationshandbücher seiner Bibliothek.
Zwar gehört es bis heute, man sehe sich Prince Charles an, zur Grundausbildung eines Königs, die Regeln der Baukunst zu beherrschen. Dass Friedrich II. aber auf eigenhändigen, etwas krakeligen, aber höchst präzisen Skizzen seinem Architekten Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff 1744 die Grundrisse seines Schlosses vorgab, war etwas Besonderes. Noch auffallender und auch von den Zeitgenossen registriert, war, dass er gegen den Rat dieses erfahrenen Fachmanns den Bau des Schlosses ohne Sockelgeschoss durchsetzte.
Knobelsdorff wollte ein Schloss, das man ansehen kann. Friedrich eines, aus dem man nach angenehmem Getafel mit Freunden über nur wenige Stufen auf die weit ausgestreckte Terrasse treten konnte. Er selbst bestimmte auch die Dekoration, dies einzigartig flirrend-leichte Gespinst aus Stuck und geschnitztem Holz, das sich über die Wände zieht, die reich verzierten und doch so diszipliniert gestalteten Steinfußböden, die erlesenen Gemälde. Allenfalls die Münchener Amalienburg zeigt vergleichbar kostbare Rokokodekors, selbst diejenigen in französischen, in österreichischen, russischen oder polnischen Schlössern erscheinen im Vergleich oft simpel, schnell und ohne Tiefe gedacht.
Sanssouci ist immer gerühmt worden als die persönlichste, die intimste Schöpfung, die im Auftrag Friedrichs II. entstand. Aber auch dieser scheinbar so ganz dem Rückzug gewidmete Bau ist letztlich eine politische Architektur, so wie jedes Schloss. Preußen sollte nicht nur militärisch, sondern auch kulturell erstklassig sein. Dafür dienten etwa die vielen Fassadenkopien nach italienischen und französischen Architekturhandbüchern, die er skizzierte und vor schlichten Bürgerhäusern in Berlin und besonders in Potsdam aufstellen ließ. In Sanssouci hingegen zeigte der König gerade durch den Bruch mit den akademischen Architekturtraditionen: Ich bin anders. Ich wage das Neue, das Unorthodoxe. In der Kunst wie in der Politik.
Von Nikolaus Bernau
Die Namen auf den kleinen Sandsteinplaketten neben der Terrasse von Schloss Sanssouci sind nach all den Jahren kaum noch zu entziffern: Alcmene, Biche, Arsinoe, Thysbe, Phillis, Diana, Thysbe II., Diana II., Superbe, Amourette, Pax. Es sind die Gräber von Friedrichs geliebten Hunden. Bei ihnen wollte er nach seinem Tode ruhen und so ist es nun gekommen, wenn auch nach einer 205-jährigen Interimslösung. Erst 1991 sollte sein letzter Wille Erfüllung finden.
Hunde gehörten seinerzeit zum Hofleben wie Pferde und Fasanen. Den Männern dienten sie zur Jagd und den Frauen zum Wärmen des Schoßes. Friedrichs Mutter Sophie von Hannover soll immer ein kleines Rudel spanielartiger Hündchen um sich herum gehabt haben, mit denen sich sicher auch der Sohn mangels arteigener Spielgefährten die Zeit vertrieb.
Bereits auf einem der ersten Gemälde, die Friedrich zeigen, sieht man ihn als Fünfjährigen nicht nur mit seiner Schwester Wilhelmine, sondern auch mit einem schlanken Hund. Es könnte sich dabei durchaus um ein Exemplar jener Rasse handeln, der er lebenslang seine Zärtlichkeit widmete. Friedrich liebte italienische Windspiele – schon, weil sein Vater sie hasste. Denn zur Jagd, wie dieser sie so gern betrieb, waren die zierlich gebauten, sensiblen Tiere nicht geeignet.
Die von Friedrich bevorzugte Windhundart gilt als überaus treu, sehr sanft, etwas scheu, aber auch unterwürfig. Man muss kein Psychologe sein, um darin Charaktereigenschaften zu erkennen, die dem allein lebenden König gefallen konnten. Aus einer Meute von fünfzig bis achtzig Hunden, die in Sanssouci gehalten wurden, wählte er sich seine drei, vier Lieblinge aus, von denen einer bei ihm im Bett schlafen durfte. Er fütterte die Tiere bei Tisch, er gestatte ihnen, über die Kanapees zu toben, sodass deren Bezüge bald zerrissen waren. „Der König erlaubte ihnen alles“, schrieb ein Zeitgenosse.
Als seine Favoritin Alcmene starb, während ihr Herr in Schlesien dem Kriegshandwerk nachging, befahl er den Dienstboten brieflich, mit dem Begräbnis der Hündin solange zu warten, bis er wieder zu Hause war. Das Tier sollte in einen Sarg gebettet und in seiner Bibliothek aufgebahrt werden. Bei der Rückkehr aus der Schlacht, die Tausende Menschen das Leben gekostet hatte, warf sich der König auf das verwesende Tier. Die Tränen, die er seinen Soldaten versagte, schenkte er seinem Hund.
In der Nacht seines Todes leistete ihm Superbe Gesellschaft. Es heißt, die Getreue habe in seinen Armen gezittert. Der sterbende König gab noch die Anweisung, sie mit einem Kissen zuzudecken, bevor er sich entschloss, die Welt zu verlassen.
Von Frank Junghänel
In der patriarchalischen Clan-Rhetorik von heute würde Friedrich II. wohl zu folgender Botschaft neigen: „Alles Schlampen, außer Mutti“. Von den Damen seiner Zeit zeigte er sich im Wesentlichen ennuyiert. Verschont von dieser Geringschätzung, die man auch kalte Verachtung nennen kann, blieb außer der Mutter Sophie Dorothea von Hannover nur seine drei Jahre ältere Lieblingsschwester. Mit Wilhelmine von Bayreuth, wie er versessen auf Voltaire und die Musik, tauschte Friedrich über tausend Briefe aus, sein letzter enthält die Zeilen „Du, Schwester, die zur Göttin ich erhob“.
Alle anderen Auslassungen von Frauen fielen allerdings unter das Verdikt „Weiberwirtschaft“ – und die, die sich in die Politik einmischten, fand er am allerschlimmsten: Seine Rivalinnen, Zarin Elisabeth I., Kaiserin Maria Theresia und Marie Antoinette, einflussreiche Mätresse des französischen Königs, nannte er ohne jede höfische Geschmeidigkeit die „drei Erzhuren Europas“.
Immerhin aber schenkte er ihnen so etwas wie grimmige Aufmerksamkeit – mehr, als seiner Gattin Elisabeth Christine von Braunschweig-Wolfenbüttel-Bevern in der Summe zuteilwurde. Nach den ersten, einigermaßen friedlichen Ehejahren in Rheinsberg führten Friedrich und Elisabeth eine Nicht-Beziehung in getrennten Schlössern, sie in Schönhausen wie in der Verbannung.
Als König musste sich Friedrich II. nicht länger dem Willen seines Vaters beugen, der die Verbindung arrangiert hatte. Er fühle in sich „weder genug Beständigkeit noch genug Liebe zum weiblichen Geschlecht“, hatte er vor der Heirat geschrieben; das darf wohl als sein Lebensmotto betrachtet werden. Und Elisabeth war gewiss nicht die Richtige, um ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Da ihr von Friedrich ein Mangel an Bildung attestiert worden war, und sie sogar ihren eigenen Namen falsch als „Elisabeht“ zu schreiben pflegte, galt sie Schwägerin und Schwiegermutter – beide so fies, wie es im Märchenbuch steht – schnell als „dumme Gans“, welche zudem „erbärmlich röche“.
Nun. Der König mag auch nicht der beste Fang zur Familiengründung gewesen sein. Am Hofe Augusts des Starken soll er sich mit einer Geschlechtskrankheit infiziert haben, die gewisse Deformationen nach sich zog. Die Ehe blieb kinderlos.
Von Carmen Böker
Das Lied, das deutsche Fußballnationalspieler vor Niederlagen bei großen Turnieren hören, die spanische Nationalhymne, die Marcha Real, wurde von Friedrich II. komponiert. Er schrieb erotische Gedichte („Göttliche Wollust! Herrin der Welt!“) und seine Ehe blieb kinderlos. Musisch, sublimierend, kinderlos: aha!
Gibt man folglich bei Google „Friedrich der Große“ ein, so bietet einem die treue Suchmaschine unverzüglich an, doch noch das Wort „schwul“ hinzuzufügen. Die häufigste Suche nach dem Preußenkönig beschäftigt sich also mit seiner Sexualität. Nun wird bei jedem Fußballprofi außer Oliver Kahn gefragt, ob er denn schwul sei, und doch liegt beim Alten Fritz ein besonderes Missverständnis vor; denn schwul kann er nicht gewesen sein. Weil es damals noch keine Schwulen gab.
Der große Sexualforscher Volkmar Sigusch schrieb dazu „Schwule im Sinne von selbstbewusst auftretenden Homosexuellen gibt es erst seit den Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts.“ Jemand, der als Mann Männer liebte, konnte von sich gar nicht als Homosexuellen denken. Er konnte in sich etwas spüren, was ihm unheimlich war und dem entweder nachgeben oder es bekämpfen. Aber niemals hätte er sagen können: Guten Tag, Friedrich mein Name, ich vermenge mitunter mein Fleisch widernatürlich.
1731, da war Friedrich 19 Jahre alt, ersetzte sein Vater Friedrich Wilhelm I. der Stadt Potsdam die durch die Verbrennung des Andreas Lepsch, der sich, der Klageschrift zufolge „in Potsdam vor dem berlinischen Thore wider Gott auf eine mehr als Sodomitische Art versündiget hatte“, entstandenen Kosten für drei Haufen Stroh, Holz und Teer.
Unzucht war nicht einfach ein Verbrechen gegen die Sitten, sie war ein Bruch der Gemeinschaft mit Gott. Die Ablehnung von gleichgeschlechtlichem Sex wurzelte so tief und ging mit so schrecklichen Szenarien einher, dass die Idee, jemand, selbst ein König, hätte sich frei fühlen können, naiv ist. Es hat wenig Sinn, jemanden, der seine sexuelle Identität so vollständig hätte verleugnen müssen, mit einem modernen, eben genau auf diese Identität abzielenden Begriff zu belegen. Homosexuell zu sein heißt eben, sich selber so bezeichnen zu wollen.
Ob nun, und das ist ja, wollen wir nicht erbsenzählerisch sein, der Kern der Frage, Friedrich Penisse Vulven vorgezogen hat, das werden wir wohl nicht mit Sicherheit sagen können. Anders als bei Ludwig II., der sich Stallburschen per Brief bestellte, als habe es ein eBay für haarige Jünglinge gegeben, ist von Friedrich derlei nicht mit letzter Sicherheit bekannt. Vielleicht hat er so gut fellationiert wie komponiert, vielleicht war er ein frigider Fritz.
Von Malte Welding
Anton Friedrich Büsching muss ein unerschrockener Mann gewesen sein. Angst vor der Größe seines Gegenstands kannte der Theologe und Geograf jedenfalls nicht. Neben einer unvollendet gebliebenen elfbändigen „Erdbeschreibung“ nahm er sich unter anderem den „Charakter Friedrichs des Zweyten, Königs von Preußen“ vor, zwei Jahre, nachdem dieser gestorben war. In elf knappen Kapiteln („Körperliche Stärke“, „Schlaf“, „Speise und Trank“) nähert er sich Friedrich II. mit der Sachlichkeit eines Zoologen, der Beobachtungen über eine von ihm erforschte Tierart notiert. Als Leser von heute bleibt man in Erwartung von Unappetitlichem gleich hängen am Kapitel „Verhalten in Ansehung der Reinigkeit“.
Man wird nicht enttäuscht. Friedrich II. „wischte sich zwar alle Morgen mit einer nassen Serviette das Gesicht und die Hände ab, allein dieses wenige Wasser nahm die Unreinigkeiten, welche der viele Schweiß und Schnupftabak ansetzten, nicht hinlänglich weg“, schreibt Büsching. Zudem aß der König gern mit den Fingern, weswegen „Suppen und Brühen“ auf seine Kleidung „flossen“, und weil auch „Wein und Wasser zuweilen überflossen, und Er den Schnupftabak stark verschüttete“, war nach dem Mahl der Platz des Königs „sehr kenntlich“. Nachts schwitzte er so stark, dass sein Betttuch „nebst den Küssen, Matratzen und Bettdecken, am Feuer alle Morgen getrocknet werden mußte.“
Vielleicht hat der ungerührte Ton von Friedrichs Zeitgenossen Büsching auch damit zu tun, dass der König sich für einen Menschen des 18. Jahrhunderts gar nicht so ungewöhnlich verhielt. Sauberkeit bedeutete etwas anderes als heute. Körperpflege wurde, vor allem bei Hof, weitgehend ohne die Hinzunahme von Wasser betrieben, denn Wasser galt bis weit ins 18. Jahrhunderts hinein als Quelle von Krankheiten. Für sauber und gesund wurde gehalten, wer gut roch, weswegen von Parfums ausgiebig Gebrauch gemacht, und auch das wenige Wasser, das man an den Körper ließ, parfümiert wurde.
Weil es trotzdem schlecht roch, wurde das Riechorgan mit Schnupftabak betäubt. Reinigung hatte anders als heute nichts mit einem Bad zu tun, schreibt Michael Frey in seinem Buch „Der reinliche Bürger“, sondern mit dem Bemühen, Schmutzstoffe aus dem Körper zu befördern, mithilfe von Schwitzen und einer guten Verdauung. Wobei das gern zitierte Urinieren hinter Palastvorhängen und die Entleerung im Schlosspark fragwürdig scheint. Es gab im 18. Jahrhundert Stühle, die unseren Toiletten nicht unähnlich waren, nur Spülung und Abfluss fehlten. Das Problem der Abwasserentsorgung blieb noch eine Weile ungelöst.
Von Petra Ahne
Es bedurfte 65 Jahre und einer vereitelten Revolution, ehe Friedrich in seinem Berliner Quartier Unter den Linden zu einem Denkmal kam. Jetzt konnte für das Reiterstandbild allerdings der große Bildhauer Christian Daniel Rauch gewonnen werden, das Warten hatte sich gelohnt. Am 31. Mai 1851 wurde die Bronzeskulptur vor der heutigen Humboldt-Universität eingeweiht.
Der künstlerischen Bearbeitung des Friderizianismus war dessen politische Bewertung in der Zeit der 48er-Bürgerbewegung vorausgegangen. Die Erben sahen auf das Werk ihres Vorfahren und waren nicht unzufrieden. Es hätte alles schlimmer kommen können, zum Beispiel bei einem Sieg der Habsburger. Er hatte sich seine Verewigung verdient.
Dass nichts im Leben ewig ist, musste der bronzene Reiter hundert Jahre später erfahren. Der schrecklichste Krieg, den die Welt gesehen hatte, wurde nicht zuletzt dem preußischen Ungeist angelastet, der Alliierte Kontrollrat tilgte 1947 die historisch belastete Provinz, zwei Jahre später sollte das Denkmal dran sein. Die Stadtverordneten im sowjetischen Sektor fanden es besonders bedenklich, dass der Feldherr ausgerechnet gen Osten ritt. Im Juli 1950 wurde das Monument fachgerecht zerlegt und nach Potsdam abtransportiert, wo es in Kisten verpackt auf einem Lagerplatz am Neuen Palais in Sanssouci unterkam.
Nur Eingeweihte wussten, wo es verblieben war. Die Leute hatten auch andere Sorgen. Bald wäre es wohl völlig in Vergessenheit geraten, wäre nicht zehn Jahre später die Weisung der Berliner SED-Bezirksleitung ergangen, die Einzelteile einzuschmelzen. Ein Tieflader war schon bestellt. Der kam dann auch, die Kisten wurden raufgehoben, im Karree gefahren und am Schloss Charlottenhof wieder abgeladen. Hinter dieser Finte steckte Hans Bentzien, frisch berufener Kulturminister der DDR. Kein Wunder, dass seine Karriere fünf Jahre später bereits zu Ende war. Ab 1962 saß Friedrich dann sogar wieder im Sattel, sein Denkmal hatte in Sanssouci einen schönen Platz im Grünen gefunden, etwas abseits des Besucherstroms.
Als im Sommer 1980 auf dem als Parkplatz genutzten Mittelstreifen Unter den Linden Fundamentarbeiten begannen, wusste sich kaum jemand einen Reim darauf zu machen. Die Zeiten sollten sich mal wieder ändern, im Dezember erfuhr Friedrich sein Comeback. Er war zurück auf dem Sockel und wurde jetzt von Erich Honecker „der Große“ genannt. Die erneute Neubewertung hatte sich angebahnt, als im Jahr zuvor eine Friedrich-Biografie der Historikerin Ingrid Mittenzwei den dialektischen Blick auf das Preußentum weitete. Der Geist der Geschichte hatte wieder ein Gesicht.
Von Frank Junghänel
Heute, schrieb Sebastian Haffner vor über dreißig Jahren in seinem rasch legendären Preußenbuch, „heute, da niemand mehr von Preußen etwas zu erhoffen oder zu befürchten hat“, sei es an der Zeit, sich von „überlebten Überlieferungen freizumachen“. Dieses Überlebte jedoch, das blinde Vertrauen in Disziplin, in unnachgiebige Verbissenheit und eine tödliche Alles-oder-Nichts-Mentalität, hat die Überlieferung lange beherrscht.
Nicht ganz einfach hatte es das Überlebte von dem Tag an, als Friedrich Wilhelm II., ein Neffe, das Erbe des „Alten Fritz“ antrat. Die Nachwelt nicht nur am königlichen Hof sah Friedrich II. eher unterkühlt, trotz einiger Anstrengungen, ihm aus patriotischen Motiven ein Denkmal zu setzen. Mochte auch das denkende Deutschland diese Hingabe ans Vaterland in einer vaterlandsseligen Ära teilen – die deutsche Literatur der Klassik und Romantik hat Friedrich weitgehend ignoriert, war doch dessen Verachtung der deutschen Sprache und ihrer Literatur zu vehement gewesen, als dass man die Friedrich-Verehrung hätte teilen mögen.
Wenn die Friedrich-Verklärung nicht abriss, dann wegen populärer Anekdotensammlungen und eines krisenfesten Devotionalienhandels. In Berlin und Breslau, Stettin, Bromberg und Liegnitz schaute der Bürger in den 1850er- und 1860er-Jahren zu Reiterstandbildern des Monarchen auf, an der Idealisierung nahm die Historienmalerei ebenso teil wie die Populärliteratur, doch den fatalsten Einfluss auf eine vermeintliche Mission Preußens hatte eine deutschnationale Geschichtsschreibung.
Die preußentümelnde Geschichtsklitterung der deutschen Geschichtsschreibung prägte die deutsche Mentalität mit ihrer bedingungslosen Autoritätsfixierung und einer Opferbereitschaft für den wilhelminischen Staat. Der Glaube an eine historische Mission veranlassten Thomas Mann zu Beginn des Ersten Weltkriegs zu einem Friedrich-Essay, der vom „Drang des Schicksals“ sprach, der 1914 den völkerrechtlichen Rechtsbruch gegenüber dem neutralen Belgien mit dem Vorgehen Friedrichs im Schlesischen Krieg begründete.
Der Friedrich-Kult behauptete Kontinuitäten – und blieb einer auf Biegen und Brechen. Was dann die Weimarer Republik an falschen Friedrich-Bildern aufbrachte, und hier spielte besonders der Film eine demagogisch-demokratiefeindliche Rolle, musste von den Nazis nur dynamisiert werden. Friedrich als Patron der NS-Idee und Garant des „Endsiegs“ war immer wieder beschworene Vereinnahmung durch die Nazikaste – im „Führerbunker“ waren es für Hitler und Goebbels die Stichworte für eine monströse Durchhaltepropaganda bis zuletzt.
Von Christian Thomas
Ein Buch für Einsteiger Auch 226 Jahre nach seinem Tod ist Friedrich II. ein höchst vitaler Protagonist des deutschen Buchmarkts. Die Herausforderung für jeden Autor ist es, die alte Geschichte auf neue Art zu erzählen. Tillmann Bendikowski gelingt dies vor allem im zweiten Teil seiner Biografie, wenn er nach der obligatorischen Lebensbeschreibung der Wirkungsmacht nachspürt, die dieser Herrscher in allen politischen Systemen entfaltet hat.
Friedrich der Große, Tillmann Bendikowski, C. Bertelsmann Verlag , 19,99 Euro.
Ein Buch für Komplettisten Am Anfang war Sand, trostlose Gegend. Mit einem Wort: Brandenburg. Der britische Historiker Christopher Clark nähert sich der preußischen Geschichte wie ein Reporter. Er beschreibt die Landschaft, aus der ein Geist erwuchs, der die Welt nachhaltig beunruhigen sollte. In seinem 800 Seiten starken Buch schildert Clark den Aufstieg Preußens vom kleinen, an Bodenschätzen armen Territorium um Berlin zur dominierenden europäischen Kontinentalmacht. Wie so viele britische Wissenschaftler ist er nicht nur ein Experte seines Fachgebiets, sondern auch ein glänzender Erzähler.
Preußen. Aufstieg und Niedergang 1600–1947, Christopher Clark, Pantheon Verlag, Taschenbuch, 19,90 Euro.
Ein Buch für Neugierige Hätte es zu Friedrichs Zeiten schon die Bunte gegeben, wäre dort vermutlich zu lesen gewesen, dass seine königliche Majestät der Vater zu Tränen gerührt war, als der Sohn geboren wurde und „hernachmals nichts essen konnte“. So wusste es jedenfalls der Zeremonienmeister des Hofes zu berichten. Jens Bisky hat für seine vorzügliche Compilation Originaltexte aus allen Lebensphasen Friedrichs II. zusammengetragen, die nicht nur die Dimension seiner Herrschaft beschreiben, sondern auch ein lebendiges Bild der Persönlichkeit zeichnen – aus erster Hand, wenn man so will.
Unser König: Friedrich der Große und seine Zeit – ein Lesebuch, Jens Bisky, Rowohlt Berlin, 19,95 Euro
Ein Buch für Kenner Thorsten Becker war eine Zeit lang Stadtschreiber in Rheinsberg, dort ist die Fantasie mit ihm durchgegangen, was nun nicht verwundert. In seinem historischen Roman erzählt er, wie Thomas und Heinrich Mann einen historischen Roman über Friedrich den Großen schreiben wollen und sich zu diesem Zwecke gegenseitig ihre Kapitel zuschicken. Bruder Thomas fabuliert verschlungen und latent verklemmt, Heinrich liebt die klaren Worte und den derben Sex. Das Ganze versteht sich als literarische Parodie, in der auch noch ein Mime herumspaziert, der sich auf die Hauptrolle in dem Drama „Katte“ vorbereitet.
Fritz, Thorsten Becker, rororo, 9,95 Euro
Schräge Kandidaten, internationale Musik: Das ist der Eurovision Song Contest in Baku. Wegen der politischen Zustände in Aserbaidschan wird er dieses Jahr heftiger Kritik begleitet. Mehr dazu im Spezial.
Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.
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