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Frank Ulrich Montgomery: "Impfstoff einfach tauschen"

Bundesärztekammer-Vizepräsident Montgomery wirft der Regierung im FR-Interview Chaos in ihrer Impfpolitik vor. Sie solle auf den besseren Impfstoff für Minister und Beamte verzichten und ihn Schwangeren und Kindern geben.

Frank Ulrich Montgomery, 57, ist seit 2007 Vizepräsident der Bundesärztekammer und Ehrenvorsitzender des Marburger Bundes, der
Interessenvertretung aller angestellten und beamteten Ärzte und Ärztinnen.
Frank Ulrich Montgomery, 57, ist seit 2007 Vizepräsident der Bundesärztekammer und Ehrenvorsitzender des Marburger Bundes, der Interessenvertretung aller angestellten und beamteten Ärzte und Ärztinnen.
Foto: dpa

Herr Montgomery, die Ärztekammer zweifelt seit Monaten, ob die Länder den besten Wirkstoff für Massenimpfungen gegen Schweinegrippe bestellt haben. Nun stellt sich heraus, dass für Bundeswehr und Krisenstäbe andere Impfmittel bestellt wurden. Ein Skandal?

Zumindest hat die Bundesregierung durch ihren Dilettantismus ein fürchterliches Informationschaos angerichtet. Die Deutschen sind leider ohnehin ein relativ impfmüdes Volk. Ich befürchte, durch diese Verunsicherung wird man noch mehr Menschen davon abbringen, sich impfen zu lassen.

Zur Person

Frank Ulrich Montgomery, 57, ist seit 2007 Vizepräsident der Bundesärztekammer und Ehrenvorsitzender des Marburger Bundes, der Interessenvertretung aller angestellten und beamteten Ärzte und Ärztinnen.

Im FR-Interview fordert der Hamburger Radiologe die Bundesregierung auf, den für sie reservierten, besser getesteten H1N1-Impfstoff an die Länder weiterzugeben, wo er für Kleinkinder und Schwangere eingesetzt werden sollte.

Worin besteht die Verwirrung aus Ihrer Sicht?

Vor einem halben Jahr hieß es immer, es gebe nur zwei Impfstoffe gegen Schweinegrippe, deren Wirksamkeit durch Adjuvanzien erhöht wurde - was viele Ärzte wegen der Nebenwirkungen kritisch sehen. Jetzt erfahren wir plötzlich, dass es noch eine Reihe weiterer Produzenten gibt, die sogar zeitgerecht liefern können. Das wirft die Frage neu auf, ob man sich nicht doch von Anfang an auf den bekannten Impfstoff hätte verlassen sollen, statt auf ein Mittel zu setzen, demgegenüber es noch Zweifel gibt.

Welche Zweifel sind das? Laut Bundesregierung hat keines der Impfmittel größere Nebenwirkungen.

Der Massenimpfstoff ist vor allem nicht so umfassend getestet wie die traditionellen Mittel ohne Wirkverstärker. Ginge es allein um Nebenwirkungen wie eine juckende Stelle oder leichte Schmerzen an der Einstichstelle, was sich bei den Feldversuchen mit einigen Tausend Personen zeigte, könnte man das sicher gegenüber der Gefahr einer Pandemie vernachlässigen. Aber worüber wir nichts wissen bei wenig erforschten Impfstoffen, sind langfristige Schäden, die vielleicht nur einmal in einer Million auftreten - und die erst bei einer Massenimpfung ins Gewicht fallen.

Laut Gesundheitsministerium reicht der traditionelle Wirkstoff nicht für Massenimpfungen aus. Aber als die wirkungsverstärkte Version bestellt wurde, mussten man noch fürchten, die Schweinegrippe verläuft im Winter so tödlich wie die Vogelgrippe, an der 60 Prozent der Infizierten starben. Dass sie nun viel harmloser verläuft, konnte man damals nicht ahnen.

Das ist absolut richtig. Ich kann die Politik gut verstehen, dass sie, als wir die ersten Berichte aus Amerika bekamen über eine tödliche neue Virusgrippe, mit aller Macht versuchte, ausreichend Impfstoff zu sichern. Was ich der Politik vorhalte, ist das Chaos, das sie danach angerichtet hat, indem sie für bestimmte Kreise andere Regelungen traf und nun, da der traditionelle Wirkstoff ausreichen dürfte, ihre Entscheidungen nicht revidiert. Wenn sich mein Risiko-Nutzen-Profil nach einem halben Jahr verändert hat, muss ich nicht mit aller Macht durchdrücken, was ich damals beschlossen habe.

Die Länder sind aber nun vertraglich gebunden.

Wenn man sich jetzt darauf zurückzieht, man hätte den Impfstoff bestellt, als man das noch nichts Genaues wusste, finde ich das eine der sehr müde Erklärung. Als vorausblickender Verantwortlicher muss man langfristige Verträge so planen, dass man flexibel bleibt. Offenbar haben sich der Bund und die Länder hier komplett in die Hände der Impfstoffhersteller begeben.

Was sollte also aus Ärztesicht jetzt getan werden: Augen zu und durchimpfen?

Mein konkreter Vorschlag ist, zu tauschen. Im Moment ist der nicht wirkungsverstärkte Impfstoff für Bundeswehr und Krisenstäbe vorgesehen. Andererseits gibt es unter denen, die mit dem Massenmittel geimpft werden, zwei ungetestete Gruppen, bei denen wir Bauschmerzen haben: Kinder und Schwangere. Man wäre doch klug beraten, wenn Bundeswehr und Risikogruppen einfach tauschen: Der Bund verwendet den normalen Impfstoff und stellt seine Dosen denen zur Verfügung, die das besser getestete Mittel verwenden sollten. Allein, um klarzumachen, dass es eben nicht um eine Bevorzugung bestimmter Kreise geht.

Von aller Politik abgesehen: Raten Sie gesunden Menschen in Deutschland, sich gegen Schweinegrippe impfen zu lassen?

Wichtig ist es für Risikogruppen wie Senioren oder Berufe, die mit vielen Menschen in Kontakt kommen oder oft im Ausland sind. Am besten ist, sich bald gegen die normale saisonale Grippe zu impfen. Das hilft nicht gegen Schweinegrippe, ist aber auch wichtig - und aktiviert das Immunsystem, sodass später vielleicht nur noch eine statt zwei Impfungen gegen Schweinegrippe nötig sind.

(Interview: Steven Geyer)

Datum:  19 | 10 | 2009
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