Die französische Feministin Elisabeth Badinter besitzt das seltene Talent, nicht nur Männer, sondern immer wieder auch Frauen gegen sich auf die Barrikaden zu bringen. Und vielleicht muss man sagen: Sie ist die einzige Feministin des Landes, die für derartige Skandale sorgt.
Begonnen hat das alles vor 30 Jahren, als die heute 66-jährige Badinter den Mythos der Mutterliebe demontierte. "Mutterliebe" war auch der Titel des Buches, in dem sie behaupte, es gäbe ihn nicht, den Mutterinstinkt. Sie beschrieb lediglich die "Geschichte eines Gefühls" und lieferte so eine klare Botschaft an die Gesellschaft, die da lautete: Es gibt keinen Grund, warum sich Mütter für ihre Kinder aufopfern sollten.
Elisabeth Badinter, 66, ist Schriftstellerin und Professorin für Philosophie an der Pariser Eliteschule Ecole Polytechnique. Sie veröffentlichte zahlreiche Studien zur Soziologie und Familie, zuletzt "Le conflit. La femme et la mère (Der Konflikt. Die Frau und die Mutter) bei Éditions Flammarion.
In Frankreich hat Badinter eine neue Diskussion über die Entwicklung der Emanzipation ausgelöst. Am 23. März erscheint die deutsche Übersetzung "Der Infant von Parma oder Die Ohnmacht der Erziehung" im C.H. Beck-Verlag. (geh)
Als Badinter das Buch veröffentlichte, war sie 35 Jahre alt und bereits Mutter dreier Kinder, die sie innerhalb von nur vier Jahren bekommen hatte. Das erste mit 22. Sie hatte als ausgebildete Philosophin und Soziologin einen Lehrstuhl an einer Universität inne und zog wenige Jahre später auch in den Aufsichtsrat der Werbegruppe Publicis ein, deren Präsidentin sie inzwischen ist. Kurz: Badinter ist eine jener Frauen, um die alle Welt Frankreich beneidet, weil sie alles zu vereinen scheinen, Kinder und Karriere.
Nun tritt Badinter an, diese Illusion zu zerstören. "Der Konflikt. Die Frau und die Mutter" heißt ihr jüngstes Buch, in dem sie nicht nur die Zerreißprobe beschreibt, der berufstätige Mütter ausgesetzt sind, sondern mit ihren Thesen erneut für einen handfesten Skandal sorgt. Sie greift eine Allianz aus Reaktionären und Ökologen an, die eine neue Mütterlichkeit predigen: Stillen so lange es geht, die Windeln wieder waschen und am besten den eigenen Bio-Brei kochen. Das schmeckt Madame Badinter ganz und gar nicht.
Tyrannei der Mütterlichkeit
In dem gefährlichen Diktat eines neuen Naturalismus und im Lobbyismus der Leche Liga, der Stillberaterinnen, sieht Badinter nichts weniger als eine Gefahr für die Freiheiten, die sich die Frauen mühsam erkämpft haben. Von Regression ist die Rede. Denn während die Feministen der ersten Stunde "Ich zuerst!" riefen, komme jetzt das Baby an erster Stelle, dessen Wohl gehe über alles. In der "süßen Tyrannei der Mütterlichkeit" sieht sie die größte Gefahr für die Gleichberechtigung.
Als "Steinzeit-Feministin" ist Badinter daraufhin beschimpft worden. Frankreichs Umweltpolitikerinnen, die sie direkt angegriffen hatte, waren außer sich. Cécile Duflot, Chefin der Grünen, Mutter dreier Kinder, ist empört. Und Nathalie Kosciusko-Morizet, die als Umweltministerin für eine Ökosteuer auf Wegwerfwindeln plädiert und im Sommer ihr zweites Kind bekommen hatte, schrieb in ihrem Blog: "Ich werde mich nicht um die Freiheit des Stillens bringen, nur weil Madame Badinter das reaktionär und darin weiteres Material finden könnte, den Mythos der "perfekten Frau" zu denunzieren."
Badinter ist, das sei erwähnt, nicht prinzipiell gegen das Stillen. Sie plädiert vielmehr für die Entscheidungsfreiheit und gegen den gesellschaftlichen Druck, der auf junge Mütter ausgeübt wird. Besonders provokativ wird ihr Buch in dem Augenblick, da sie das "unschuldige Baby" als den neuen Unterdrücker der Frau sieht. Und mehr noch, der Nachwuchs wird, so Badinter, dank der neuen Ideologie des Zurück zur Natur "zum besten Alliierten der Unterdrückung durch die Männer".
Auf den ersten Blick wirken ihre Thesen unhaltbar skandalös. Doch auf den zweiten stellt sich die Frage, wie viel Realität in dem Szenario der Elisabeth Badinter steckt? Ehrlicherweise muss man ihr zugestehen, dass von Müttern tatsächlich immer mehr verlangt wird. Je kleiner die Geburtenrate, desto perfekter muss sie sein. Doch warum stellt Badinter solch kontroverse Thesen ausgerechnet in Frankreich auf, wo das Stillen vielmehr lediglich eine Option als etwa in Deutschland ist? Ihre Antwort fällt mau aus. Es ist mehr ein Verdacht. Es sei eine unterschwellige Revolution im Gange, sagt sie. Noch hielten Frankreichs Frauen tapfer dagegen. "Aber wie lange noch?"
Eine Lobbyistin für Nestlé?
Kritiker halten ihr diese Verschwörungstheorie entgegen. Badinter ist Aktionärin von Publicis, der Firma, die ihr Vater gegründete und die den Lebensmittelriesen Nestlé zu ihren Kunden zählt. Macht Badinter womöglich eine Art Wissenschaftswerbung? Reagiert sie deshalb so allergisch auf die Lobbyarbeit von Stillaktivistinnen, um die Babynahrungsindustrie zu stützen?
Ihr Mann widerspricht. Seine Frau, sagt Robert Badinter, ehemaliger Justizminister unter Mitterrand, betreibe die Revolution gerne wie Kant, nämlich aus der Wohnstube heraus.
Und war sie selbst eine gute Mutter? Die zeichne sich, sagt Elisabeth Badinter, durch den richtigen Abstand aus, nicht zu viel und auch nicht zu wenig: "Ich bin eine mittelmäßige Mutter, wie vermutlich die meisten Frauen. Man bildet sich ein, vieles gut zu machen und merkt erst im Nachhinein, was falsch war."
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