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Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft

29. Oktober 2011

Freitod: Die letzte Reise

 Von Lea Söhner
Jahre der Neugier und Lebenslust: Irmgard mit 68 Jahren.  Foto: Privat

Irmgard C. ist 93 Jahre alt, als sie beschließt, mithilfe einer Sterbehilfe-Organisation aus dem Leben zu gehen. Ihre Schwiegertochter hat sie begleitet und erzählt die Geschichte einer starken Frau.

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Sie wirkt filigran und zerbrechlich, als sie an der Hand ihres groß gewachsenen Sohnes aus dem Flughafengebäude kommt. Ihr Schritt scheint unsicher, aber sobald die fast blinde alte Dame mit dem vornehmen Hut das vor ihr liegende Terrain erfasst hat, geht sie entschlossen und leicht.

Mit dieser ruhigen Entschlossenheit hat sie am Morgen zum letzten Mal ihre Haustür hinter sich geschlossen. Die Wohnung am Eilbek-Kanal in Hamburg war seit 53 Jahren ihr geliebtes Zuhause gewesen. Sie hat die Nacht zum letzten Mal in ihrem elektrisch verstellbaren Bett geschlafen, sich zum letzten Mal die Zähne in ihrem Badezimmer geputzt. Was mag wohl in ihr vorgegangen sein?

Hier in Stuttgart steigt sie zu mir ins Auto, um den letzen Abschnitt ihrer Lebensreise anzutreten. Nach Zürich – zum Sterben.

Hilfe zur Selbsttötung

In der Schweiz, aber auch in Holland oder etwa im
amerikanischen Bundesstaat Oregon ist es erlaubt, Menschen durch die Gabe eines Mittels bei der Selbsttötung zu helfen. Die in der Schweiz ansässige Organisation Dignitas tut dies.

Die Beihilfe zur Selbsttötung ist auch in Deutschland nicht strafbar, die dafür geeigneten Wirkstoffe dürfen aber zu diesem Zweck nicht verordnet werden.

Irmgard ist 93 Jahre alt, vital und geistig klar. Ihre Lebendigkeit steht in seltsamem Gegensatz zu den Gebrechen, die sie hat. Knochenschwund im Kiefer, Makula-Degeneration, Schlaganfallfolgen, Herzprobleme. Bis zum Schluss lebt sie alleine, einige Menschen unterstützen sie. Aber ihre Selbstständigkeit hängt am seidenen Faden: ein weiterer Schlaganfall, der Bruch ihres Kiefers, die unaufhaltsame Erblindung könnten sie über Nacht zum Pflegefall machen. Für eine Dame wie Irmgard C. wäre das undenkbar. Sie hat – so scheint es – bis zum letzten Moment gewartet. Solange sie reisefähig ist, solange sie nicht durch einen Schlaganfall sprechunfähig ist, kann sie ihren Tod selbst bestimmen.

Preußische Disziplin, perfekte Manieren

1917 wurde Irmgard in das kaisertreue, wohlhabende Bildungsbürgertum hineingeboren. Aufgeklärt, aber mit präzisem Standesbewusstsein. „Wohne über Deinem Stand, kleide Dich gemäß Deinem Stand und iss unter Deinem Stand“ – dies zeichnet das Lebensgefühl dieser Familie aus. In der großen Wohnung in Berlin ist ein Dienstmädchen selbstverständlich. Man ist vornehm genug, nicht auf andere herabzuschauen. Es liegt ein Hauch Arroganz in dieser Toleranz. Preußische Disziplin, perfekte Manieren, Eigenständigkeit, Freiheit im Denken, Vernunft und Pflicht sind essenzielle Eigenschaften.

Irmgard ist eine humorvolle, lebendige, neugierige, quirlige und sehr aufgeschlossene Persönlichkeit. Der Freitod gehört zu ihrem Lebensentwurf, ist Teil ihres Selbstausdrucks.

Seit ich meinen Mann Gerhard kenne, telefonieren die beiden jeden Sonntagvormittag. Für ihn ist sie weniger Mutter als gute Freundin. Sie erzählen sich alles Erlebte, diskutieren und kommentieren. Dann ist meist wieder Sendepause bis zur nächsten Woche.

Irmgard war Kriegswitwe. Auf ihren einzigen Sohn passte tagsüber ihre Schwägerin auf, während sie selbst arbeiten ging, als Sekretärin. Man wohnte unter einem Dach, Irmgard mochte ihre Schwägerin nicht besonders und wollte doch, dass diese ihren Sohn nicht nur betreute, sondern auch erzog. Gerhard sollte kein Muttersohn werden. Wie viel sie diese Disziplin gekostet hat, kann ich nur ahnen. Bei all ihrer Liebe hat sie immer Distanz zu ihrem Sohn gehalten. Mit 19 Jahren schickte sie ihn weg. Er sollte auf eigenen Füßen stehen, hinaus in die Welt ziehen, kein Stubenhocker werden. Als es ihr in den letzten Wochen vor ihrem Tod immer schlechter ging, riet ich Gerhard, seine Mutter täglich von Stuttgart aus anzurufen. Das war ihr bald zu viel. Jeden zweiten Tag würde auch reichen, beschied sie.

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