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Freiwilligendienst: Gute Reise

Ein weiterer grundlegender Unterschied: Mindestens sechs Monate Aufenthalt sind bei Weltwärts Pflicht, ein längerer Aufenthalt ist erwünscht. „Ein Lernzyklus von 12 Monaten ist sehr wichtig. Denn wenn Sie beispielsweise nur in der Regenzeit in Kamerun sind, wissen Sie nicht, was den Leuten in der Trockenzeit bevorsteht“, sagt Erwin Wilde von Wildemann, der bei der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit das Weltwärts-Programm betreut. Wer in Gänze die Probleme vor Ort einschätzen lernen wolle, könne nicht nur für ein paar Wochen oder Monate in ein Entwicklungsland reisen. Kein Wunder, dass sie die kommerzielle Konkurrenz eher kritisch sehen. Es dränge sich der Verdacht auf, dass sich bei solchen Angeboten Abenteuertourismus in den Deckmantel der Wohltätigkeit hülle, sagt Wilde von Wildemann. Ein anderer Weltwärts-Betreuer nennt sie sogar „Unsinn“ und „völliger Quatsch“ , und Michael Bogatzki von AFS empfiehlt: „Dann ist es in der Tat besser, man fährt einfach in den Urlaub dahin.“

Möglicherweise ist es ja genau das, was viele Kunden von Projects Abroad, Travelworks & Co. eigentlich wollen: Urlaub – aber bitte mit einem moralischen Plus. Das vermutet zumindest Sabrina: „Ich glaube, dass es Menschen oft darum geht, sagen zu können: Ich hab das gemacht! – auch einfach wegen des guten Gefühls.“ Die heute 32-Jährige arbeitete 2009 in einer Kita in Nepal.

Acht Stunden am Tag saß sie inmitten kleiner Kinder, war Ersatzmutter und Mädchen für alles in der Stadt Pokhara, „wo man unsere Alpen lächelnd als Hügel bezeichnet“, erinnert sich Sabrina. „Aus Respekt vor dem Land“ habe sie sich damals eine selbst organisierte Reise nicht zugetraut. Außerdem sorgte Travelworks neben ihrer Stelle und einer Unterkunft auch dafür, dass ihr Freiwilligendienst nicht in Arbeit ausartete. Ob Rafting-Touren, Sightseeing oder mehrtägige Ausflüge ins Gebirge: Travelworks bot einiges Programm für die 1800 Euro Gebühr.

Trotz der Rundumbetreuung: Sabrina will das nächste Mal ihre Reise allein auf die Beine stellen und auch länger bleiben. Denn fragt man die junge Frau, ist der größte Vorteil der Agenturen vielleicht auch ihr größter Nachteil: Die Anbieter machten die Organisation eines Freiwilligendienstes ganz einfach, ihre Kunden müssten sich nicht mit den kulturellen und politischen Hintergründen eines solchen Aufenthalts auseinandersetzen. Durch dieses simple Gebucht-und-weg-Prinzip hinterfragten aber viele, insbesondere jüngere Freiwillige gar nicht, was sie da eigentlich tun, glaubt Sabrina. Und die Eltern seien beruhigt, dass es einen Ansprechpartner gibt, der sich um alles kümmert und im Notfall hilft.

Auch ohne Notfall: Manche Agenturen bemühen sich nach Kräften, echtes Helfer-Gefühl aufkommen zu lassen, ohne ihre Kunden vor allzu große Herausforderungen zu stellen: So unterhält Praktikawelten in Ghana, Südafrika und Peru beispielsweise eigene Wohnhäuser. Hier können die europäischen Freiwilligen unter ihresgleichen leben. Wer des Abenteuers überdrüssig ist, schließt zwischen sich und der Fremde einfach die Haustür.

Den Weltretter spielen

Diese Möglichkeit hat Melanie beruhigt. „Diese Art der Unterbringung hat mich angesprochen, da war der Kulturschock nicht ganz so groß“, sagt die heute 23-Jährige. Mit 19 ging sie nach dem Abi für vier Monate nach Ghana, um in einem Waisenhaus zu arbeiten. Auch sie wollte raus von zu Hause, plante mit einem Freund ihr großes Abenteuer. Aber so ganz allein in der Fremde? Sie war froh, sich abends mit anderen Gleichgesinnten austauschen zu können – über die fragwürdigen Erziehungsmethoden im Heim, die ungewohnt andere Kultur und das Gefühl, als Europäerin irgendwie immer die Außenstehende zu sein.

Melanie sagt klipp und klar: „Ich hatte nie das Gefühl, dort eine große Entwicklungsarbeit zu leisten.“ Ganz anders manche anderen Freiwilligen: „Viele sind davon ausgegangen, dass sie hier den Weltretter spielen. Das fand ich eine schwierige Einstellung.“ Denn die Idealisten seien manchmal von dem Gefühl überrascht worden, trotz ihrer hohen Ansprüche plötzlich handlungsunfähig zu sein. Weil man nach vier Monaten wieder aus dem Leben der Schützlinge im Waisenhaus verschwinde, sei alles nur für den Moment – und das sei immerhin etwas, sagt Melanie: „Ich wusste, während meiner vier Monate dort werden die Kinder nicht geschlagen.“

Viele Einsatzstellen schätzen nicht nur die Arbeit der Freiwilligen, sondern auch das Geld, das sie mitbringen. Einen Hinweis darauf liefert Travelworks-Sprecherin Binnewitt: „In unseren Programmpreisen ist immer auch eine Projektspende inbegriffen“, sagt sie und spricht von einem „ganz ordentlichen Betrag“ pro Freiwilligen. Den Verdacht, die Projekte nähmen die Freiwilligen nur gegen Bezahlung auf, die über eine Unkostenerstattung hinausgeht, bestreitet sie jedoch. Das Geld sei nicht der Beweggrund der Projekte, sondern „eher ein Bonus“, formuliert Binnewitt.

„Das sind keine Spenden“, widerspricht der Mitarbeiter einer afrikanischen Einsatzstelle von Praktikawelten: „Wir beschäftigen Freiwillige, um Geld für unsere Arbeit zu verdienen. Bekämen wir kein Geld dafür, würden wir die Aufnahme von Freiwilligen einstellen“, sagt der Angestellte, der den Namen seines Projektes lieber nicht in der Zeitung lesen möchte.

Solche Bezahlung mag die Ausnahme sein. Dennoch bestehe die Gefahr, dass auf dem Markt für Freiwilligendienste nur das gute Gefühl der Freiwilligen eine Rolle spiele – unabhängig vom Effekt ihrer Arbeit für die Hilfsbedürftigen, sagt Annika Gerigk. Sie betreut für den deutschen Verein Neia e.V. ein Waisenhaus in Ghana. „Der Freiwillige wird so zum Pauschaltouristen: Er kommt, bezahlt und isst das Buffet leer“, kritisiert sie. Es mache viel mehr Sinn, auf eigene Faust zu reisen – und so einen echten Schritt in die Selbstständigkeit zu tun, sagt Gerigk.

Trotz aller Kritik, AFS-Mann Bogatzki will die kommerziellen Anbietern nicht grundsätzlich verdammen. Sie könnten als Einstieg in eine ernsthaftere Beschäftigung mit dem Thema Entwicklungszusammenarbeit dienen, sagt er. „Ich will über niemanden den Stab brechen, der diese Angebote annimmt. Die Schwelle für solche Aufenthalte ist sowieso sehr hoch – und ich kann Leute gut verstehen, die sich erst mal an einem Freiwilligendienst light ausprobieren wollen.“ Nur mit Entwicklungshilfe habe das eben herzlich wenig zu tun.

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Autor:  Torben Klausa
Datum:  29 | 7 | 2011
Seiten:  1 2
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