Ob ich plane, über die Feiertage abzunehmen? Na klar! Ist doch überhaupt keine Frage. Schließlich habe ich darin Übung: Ich plane seit rund 30 Jahren, über die Feiertage abzunehmen. Das gilt übrigens für alle Festtage des Jahres. Und für die Tage dazwischen eigentlich auch. Wie gesagt: Ich plane es.
Sicher, man könnte Zimtsterne (560 Kilokalorien pro 100 Gramm), Weihnachtsgans (340) und Dresdner Butterstollen (410) dieses Jahr einfach mal weglassen. Man könnte auf Marzipan (450), Schoko-Sterne (520) und Käsefondue (260) verzichten und statt mit Sekt (170 je 0,2 l) oder Glühwein (210) mit einer Cola Light (1) anstoßen. Aber wären das dann noch Feiertage? Bevor es dazu kommt, werfe ich lieber vor Heiligabend den geschmückten Christbaum zum Fenster hinaus und zertrete öffentlich auf dem Weihnachtsmarkt meine geliebte CD mit den Pop-X-mas-Liedern. Dann wird "Last Christmas" von Wham! endlich wirklich zum allerletzten Mal gespielt.
George Deffner, Jahrgang 1950, ist freier TV-Autor, Moderatoren-Coach und Berater. Er lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Ammerland am Starnberger See.
Deffner ist außerdem Autor des Buches "Ein Mann - Ein Bauch; Mein umfangreiches Leben mit der Problemzone - von der Ehefrau kommentierte Ausgabe" (Wunderlich-Verlag, Reinbek, 2009, 14,90 Euro).
Vielleicht hat es der ein oder andere schon mitbekommen: Ich bin rein ernährungstechnisch vorbelastet. Weil ich Bauchträger bin. Ganzjähriger Bauchträger. Wohlgemerkt, kein schwabbelrunder Fettsack oder unförmiger Doppelpack, keine adipöse Kugel auf zwei Beinen oder einbetonierte Halbinsel auf der Couch - nein, lediglich Bauchträger. Das heißt, bei mir wölbt sich etwas über dem Gürtel, was da so nicht hingehört. Wobei der Gürtel auch nicht mehr der alte ist, weil er irgendwann zu kurz wurde.
Der Leberkäs' - ein Weihnachtsangebot
Ich bin also einer von denen, die vorzugsweise schwarze Klamotten tragen, Querstreifen vermeiden, Badehosen scheuen und den Bauchnabel weiter vorne haben als viele in meiner Altersklasse fifty & more. Eigentlich alles kein Problem, jedenfalls nicht für mich. Für andere aber schon. Zum Beispiel für meine Frau. Sie hatte ursprünglich einen völlig entgegengesetzt designten Mann geheiratet: halbwegs attraktiv, ganz gut in Form, Konfektionsgröße 102, schlanker eben. Meine Frau mag meinen Bauch nicht. Mich schon noch, hoffe ich jedenfalls!
Dabei besitzt so ein vorstehendes Symbol für raumgreifende Machtfülle unbestreitbar Vorteile, speziell zur Weihnachtszeit. Erst vor kurzem habe ich in unserer Dorfmetzgerei von der Verkäuferin eine aufgespießte Scheibe Wurst mit kleinen seltsamen Flecken über die Theke angereicht bekommen. "Den Leberkäs´ müssen Sie probieren. Mit Raclettekäse und Basilikum, neu im Angebot und nur an Weihnachten!" Okay, die blass-braune Masse mit den seltsamen Einsprengseln schmeckte eher nach nichts, aber ich fühlte mich reich beschenkt. Denn für Sekunden wurde ich zurückgebeamt in jenes Alter, wo sie mir im Metzgerladen als Vierjährigem noch Wiener Würstchen und Gelbwurstscheiben in rauen Mengen verabreicht haben, absolut gratis, bis auf das von der Mutter mit "Wie sagt man?" laut eingeforderte "Danke!". Raclette und Basilikum waren damals übrigens in Würsten noch nicht in.
Überraschungen dieser Art passieren mir nur, weil ich eben so aussehe, als ob ich immer und überall probieren müsste. Stimmt ja auch: Vanillekipferl und Lebkuchen, Nougatriegel und Spritzgebäck, Dominosteine und mit Zuckerguss lackierte Printen - das ist meine Welt. Gottlob eine Welt ohne Mangel, denn schon seit Ende August brüllen diese Köstlichkeiten aus den Wühltischen der Supermärkte heraus ihre frohe Botschaft: Seht her, seht her, das Fest der Freude, es ist nahe! Und wie ich mich freue! Auf all die Geschenke, die sich meine rührende Umgebung für einen Bauchtypen wie mich ausgedacht hat. Ich rechne dieses Jahr ganz fest mit folgenden sinnhaltigen Präsenten:
- einem zeltähnlichen Norweger-Pullover in Triple-X ("Du, der geht beim Waschen null ein!"),
- einem Standfahrrad mit digitalem Pulsfrequenzmeter ("Aber lass es langsam angehen, Junge!"),
- einem Nordic Walking-Set für Absolute Beginners ("Nehmen Sie den mit L markierten Stock in die linke Hand und den mit R in die rechte - ist das nicht ein gutes Gefühl?") und
- der aktuellen Ausgabe der Rentner-Bravo, also der Apotheken-Umschau (Titelgeschichte: "Jetzt aber ran an den Speck!").
Giga-Christbaumkugel unterm Hemd
Mental bereite ich mich sogar auf eine in Leder gebundene Kalorientabelle ("Von Aal bis Zwieback") vor, inklusive gehässiger persönlicher Widmung. Und so, wie ich die Seelenlage meiner geliebten Frau in Bezug auf meinen Bauch einschätze, wird noch ein digitaler Bilderrahmen dabei sein. Auf dessen Display werden mindestens 500 Fotos von mir in stetem Wechsel beweisen, dass ich mit meiner Frau nicht durch dick und dünn, sondern nur von dünn nach dick gegangen bin. Bisher jedenfalls.
Weihnachten - kein leichtes Fest für jene, die standhaft und unverrückbar an ihren Werten festhalten wollen. Zumindest an den Werten, die frühmorgens die Waage im Badezimmer ausspuckt. Aber vielleicht kommt ja doch noch alles anders. Vielleicht erkundigt sich dieses Jahr weder meine Schwiegermutter noch sonst jemand aus der Verwandtschaft nach meinem aktuellen Gewicht. Es wäre eine echte Premiere - wo sie doch eh Probleme beim Rechnen mit dreistelligen Zahlen haben! Vielleicht ätzt dieses Jahr zur Abwechslung auch niemand mehr hinter meinem Rücken, zum Beispiel über die Giga-Christbaumkugel, die ich angeblich unter meinem Hemd versteckt halten würde. Und wer weiß, vielleicht hängen die Kinder wieder alle Spiegel in unserer Wohnung ab, damit Papa nicht überall mit den irdischen Konsequenzen konfrontiert wird, die so ein himmlisches Fünf-Gänge-Menü am ersten Weihnachtsfeiertag hat.
Das wird schon alles werden. Also wenn Sie mich fragen, ich habe ein gutes Bauchgefühl, dass Weihnachten 2009 ganz wunderbar wird! In diesem Sinne, alles Gute und frohes Fett!
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