Endlich ist eine Dusche installiert – für den Reaktorkern. Seit ein paar Tagen nutzt der Stromkonzern Tepco im Reaktor 3 des zerstörten Atomkraftwerks Fukushima die neue Kühlmethode. Ingenieure lassen Wasser gleichmäßig auf die teilweise geschmolzenen Brennstäbe regnen, die auch jetzt, fast ein halbes Jahr nach Beginn des Super-GAU am 11. März, noch Nachzerfallswärme produzieren.
Das soll die Temperatur schneller absenken helfen. Denn in Reaktor 3 liegt sie, ebenso wie bei Block 2, noch deutlich über 100 Grad. Das Ziel ist, endlich unter diese Grenze zu kommen. Denn erst dann entsteht kein Wasserdampf mehr, der aufsteigt und mit dem radioaktive Stoffe in die Umgebung gelangen.
Das Atomkraftwerk Fukushima bestand aus sechs Reaktorblöcken mit je einem Siedewasserreaktor. Neben dem eigentlichen Reaktor befand sich in allen Gebäuden auch ein Abklingbecken zur Zwischenlagerung von Brennelementen.
Bei dem schweren Erdbeben und nachfolgenden Tsunami am 11. März liefen nur die Reaktorblöcke 1 bis 3. In diesen Reaktoren und in mehreren Abklingbecken kam es zu schweren Störfällen. Block 4 wurde stark beschädigt. Radioaktivität belastete die Umgebung, mehr als 100 000 Menschen mussten umgesiedelt werden.
Bisher ließen die Techniker die riesigen Mengen Kühlmittel einfach an den Wänden der Reaktor-Druckbehälter herunter laufen. Das funktionierte gut bei den Blöcken 1 und 2, deren Brennstäbe sich bis zum Boden des Druckbehälters durchgefressen hatten. Das Wasser suchte sich seinen Weg per Schwerkraft dorthin. Bei Block 3 klappte das nicht, weil die Brennstäbe offenbar großteils noch mitten im Kern in ihren Halterungen stecken. Die Dusche soll es nun richten.
Weit von stabilem Zustand entfernt
Es ist eine nukleare Sisyphus-Arbeit, die die Techniker und Arbeiter in der Reaktor-Ruine leisten müssen. Zwar ist die Lage inzwischen weitaus robuster als in den ersten Wochen nach Beginn der Kernschmelze, als die Notmannschaften gegen das völlige Durchgehen der Reaktoren kämpfen mussten. „Fukushima ist aber immer noch weit von einem stabilen Zustand entfernt“, sagt Sven Dokter, Sprecher der Kölner Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS), „Illusionen darf man sich da keine machen.“
Tatsächlich muss Tepco gleich an mehreren Fronten arbeiten. Nur mit der Kühlung der Kerne ist es längst nicht getan. Bis zur dauerhaften Absenkung der Temperatur unter den Siedepunkt in allen Reaktoren wird es nach Tepco-Schätzung mindestens noch vier Monate dauern.
Aktuelle Bilder von der Fukushima-Ruine zeigen die Arbeiten an dem Mega-Zelt, das den stark zerstörten Reaktor 1 komplett umhüllen soll. Ein Kran hat das vorgefertigte Stahlgerüst aufgestellt, und zum Teil haben die Techniker auch schon die Polyester-Plane über die Stahlträger gezogen. Das Zelt soll den Reaktor vor Regen schützen, der bisher die Menge des kontaminierten Wassers ansteigen lässt, immer noch in den Kellern unter den Maschinenhallen schwappt.
Zudem hofft Tepco, die Radioaktivität so von der Umgebung fernhalten zu können. Die belastete Luft im Zelt soll nur über Filter – eine Art riesige Dunstabzugshaube mit einem Kapazität von 40 000 Kubikmeter Luft – nach draußen geleitet werde. „Ob das in der Praxis funktioniert, muss man abwarten“, sagt Dokter. Das Zelt dürfte im Oktober fertig sein.Zwei weitere sind für die Blöcke 2 und 3 geplant.
Neue Filteranlage
Eine andere wichtige Arbeit ist die Dekontaminierung der stark strahlenden Brühe in den Fukushima-Kellern. Die vor ein paar Wochen neu aufgestellte Filteranlage läuft zwar besser als die alte, die zwei Monate nach dem Beginn des Super-GAU in Betrieb genommen worden war. Trotzdem wird es Monate dauern, bis die ursprünglich mehr als 100 000 Tonnen verstrahlten Wassers sauber sind.
Um das Meer vor der Reaktor-Ruine dauerhaft vor radioaktiven Einleitungen – zum Beispiel belastetes Grundwasser – zu schützen, plant Tepco zudem den Bau einer Seeschutz-Mauer. Sie soll 800 Meter breit werden und tiefe Fundamente im Meeresboden bekommen. Die Bauzeit ist auf zwei Jahre veranschlagt. Freilich hat auch dieses sicher sinnvolle Großprojekt seine Tücken. Tepco erwartet, dass die Seemauer das Grundwasser dahinter ansteigen lässt. Man werde den Pegel kontrollieren und es nötigenfalls abpumpen, teilte der Konzern mit.
Das alles sind freilich nur die Vorbereitungen der eigentlichen Aufräumarbeiten in den strahlenden Ruinen. Hauptaufgabe ist es, die mehr oder minder intakten Brennstäbe mit ferngesteuerten Robotern zu bergen. Am einfachsten ist das noch bei den Stäben, die während der Havarie nicht in den Reaktorkernen, sondern in den Abklingbecken des AKW waren. Sie könnten in ein anderes, noch intaktes Becken nahe Block 4 umgelagert werden.
Bergung festgebackener Schmelze schwierig
Aber selbst diese Arbeit wird schon auf drei Jahre veranschlagt. Die Bergung der dann teils festgebackenen Schmelze aus den Reaktoren 1 bis 3 könnte sehr schwierig und wegen der hohen Strahlenbelastung hochgefährlich sein. Damit soll nach dem bisherigen Zeitplan um 2020 begonnen werden.
Der ganze Prozess dürfte wieder eine ganze Reihe Jahre, womöglich ein Jahrzehnt oder mehr dauern. Zum Vergleich: Die Aufräumarbeiten im 1979 havarierten AKW Harrisburg dauerte vom GAU bis zum Ende 14 Jahre. Allerdings war damals der Kern zwar zu einem Drittel geschmolzen, aber im Druckbehälter geblieben. In Fukushima werden die Arbeiten viel komplexer sein. Und diesmal ist nicht nur ein Reaktor abzuwracken. Es sind gleich vier.
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