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06. Januar 2013

Gérard Depardieu Steuerflucht: Ziemlich falsche Freunde

 Von Christian Esch
Der russische Präsident Wladimir Putin (r.) empfängt seinen neuen Landsmann Gérard Depardieu mit offenen Armen.  Foto: AFP

Der französische Schauspieler Gérard Depardieu drückt sich erfolgreich vor der geplanten Reichen-Abgabe. Seit dem Wochenende hat er einen russischen Pass. In Frankreich geraten derweil weitere Kinogrößen in die Kritik.

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Was tut man nicht alles, um als Ausländer an eine amerikanische Greencard zu kommen! Das hat uns Gérard Depardieu vor vielen Jahren gezeigt, in einer romantischen Komödie. Der Held – ein armer Franzose – muss sich in „Greencard“ verbiegen und verstellen, um in New York eine Aufenthaltsbewilligung zu bekommen, und scheitert am Ende.

Einen russischen Pass zu kriegen, ist für den echten Depardieu da viel einfacher gewesen. Am Sonnabend hat Gerard Depardieu, 64, im Badeort Sotschi seine neue Identität ausgehändigt bekommen. Der Neubürger wurde dabei persönlich vom russischen Präsidenten begrüßt, dem er seine Einbürgerung verdankt. Wladimir Putin und Depardieu, die sich als Freunde bezeichnen, aßen gemeinsam und tauschten sich über die Filmkunst aus. Es ging, so hieß es, um Depardieus verdienstvolle Rolle als Rasputin in einem Film, der in Frankreich schon gezeigt wurde, nun aber auch in die russischen Kinos kommen soll.

13 statt 75 Prozent Steuer

Aber die Leichtigkeit, mit der Depardieu den Pass erhielt, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch hier Verstellungskunst aufzubringen war. Das legt sein überschwänglicher Dankesbrief nahe, in dem er Russland als „Große Demokratie“ lobt. Ansonsten ist darin viel von der Liebe zu Russland die Rede.

Dabei beschränkt sich Depardieus Liebe gar nicht auf Russland, er liebt den ganzen Osten. In der Ukraine etwa ist er ein oft gesehener Gast; er besitzt Weingüter auf der Krim, pflegte eine Freundschaft mit Ex-Präsident Viktor Juschtschenko und war im Gespräch für eine Verfilmung des Nationalepos Taras Bulba. Ein gern gesehener Gast ist Depardieu aber auch in Usbekistan. Die älteste Tochter des Diktators Islam Karimow, die unter dem Künstlernamen Googoosha auftritt, hat gerade erst mit ihm ein Duett aufgenommen. Außerdem hat die mächtige Diktatorentochter ihn für eine Rolle in einem Film über den Eroberer Tamerlan vorgesehen. Die Anbiederung an ein Regime, das seit Jahren die Menschenrechte verletzt und Kinder auf den Baumwollfeldern ausbeutet, hat den vor der geplanten Reichensteuer aus Frankreich fliehenden Depardieu harsche Kritik eingetragen.

Das gilt auch für Depardieus jüngsten Auftritt in Tschetschenien, der diktatorisch regierten russischen Teilrepublik im Nordkaukasus. Im Oktober 2012 reiste Depardieu zum 36. Geburtstag von Republikoberhaupt Ramsan Kadyrow. Dieser liebt es, westliche Show-Größen zu seinen Geburtstagen einzuladen, die als Tag der Stadt Grosny getarnt werden. „Ruhm sei Grosny, Ruhm sei Tschetschenien, Ruhm sei Kadyrow“, rief Depardieu damals in gebrochenem Russisch von der Bühne.

Wie hoch solche Auftritte im Einzelnen vergütet werden, ist unbekannt. Zweifellos aber ist für alternde westliche Filmstars die ehemalige Sowjetunion eine gastfreundliche Gegend und die Versuchung groß, den eigenen Ruhm umzurubeln. Nicht immer geschieht das so harmlos wie in der Werbung, die Depardieu für die Sowjetski-Bank macht. Da sieht man ihn auf Plakaten Autokredite bewerben, mit dem handschriftlichen kyrillischen Slogan: „Deshalb sowjetisch. Gerard Depardieu.“

Seine Bewunderung für Russland sei alt, hat Depardieu gesagt – schon sein Vater sei ja Kommunist gewesen. Das ist eine merkwürdige Begründung für jemand, der vor einer Reichensteuer daheim geflohen ist, und der den russischen Einheitssteuersatz von 13 Prozent bevorzugt. Ob dem Mann, der als reichster Schauspieler Frankreichs gilt, unbekannt ist, dass die Sieger der Oktoberrevolution Spitzenverdiener nicht mit 75 Prozent besteuert haben, wie es Frankreichs Premier plante, sondern mit 100 Prozent?

Nicht einmal um einen Wohnsitz muss sich Depardieu Sorgen machen. Kadyrow hat ihm „jedes beliebige Grundstück“ in Grosny angeboten. Nach Auskunft des Senders Rossija-Eins hat Depardieu allerdings vorgezogen, sich eine Neubauwohnung im mordowischen Saransk schenken zu lassen. Dort sei er am Sonntag aufgetaucht, habe das Heimatmuseum besucht und einen Menschenauflauf verursacht. Die Gegend hat wenig Sehenswürdigkeiten und ist bekannt für ihre vielen Arbeitslager. In einem sitzt Nadeschda Tolokonnikowa von der Punkband Pussy Riot derzeit eine zweijährige Haftstrafe wegen ihres Putin-kritischen Auftritts ab.

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