Die Welt muss eine andere sein, aus dieser Sicht. Wenn Udo Lindenberg, 64, unter Leute kommt, fehlt seinem Leben jedes Leuchten, alle Farbe, die Helligkeit. Auch in seinem Domizil, dem Luxushotel „Atlantic“, würde er sie nie absetzen: die dunkle Sonnenbrille. „Ein Trademark“, räumt er ein und zieht an seiner Zigarre, „aber auch mein Schutzschild“. Vor der Welt, die den Bürgerschreck von einst observiert, wo immer er auftaucht. Und er taucht oft auf, überall. So vernebelt er nicht nur seine Umwelt mit Qualm, sondern sich selbst mit einer Maskerade aus Glas und Filz, dem Schlapphut. Als wolle er die Welt gar nicht richtig sehen.
Dafür bekommt die nun ihn zu sehen, mehr als 400 Mal. Während seines Comebacks hat ihn seine Lebensgefährtin Tine Acke mit der Kamera begleitet. Vier Jahre, von 2007 bis 2010, vor allem von 2008, als nach rund 50 Alben das allererste die Chartspitze erklomm. „Stark wie zwei“ heißt es, heißt auch der Bildband mit Songtexten, Fanzitaten, Selbstbeschreibungen. Und so muss sich Udo auch fühlen, nach diesem Riesensatz aus der Versenkung auf die große Bühne.
Nun sitzt der lichtscheue Altrocker also im Rauchersalon seiner Edelherberge, und die Zeit scheint so eingefroren wie auf den Fotos vor ihm. Gerührt blättert er im Wälzer seiner Freundin, Jahrgang 1977. „Danke, Tine“, sagt er dauernd, „Wahnsinn!“ Udo mit Hund und Helge Schneider im Studio. Udo mit Otto am Mikro. Udo mit Peace-Zeichen und sechzigköpfiger Crew vor der Live-Show. Udo mit Fußbad und Nietenarmband danach. Udo mit Hut und – hoppla – sichtbaren Augen… Gleich zu Beginn von Ackes fotografierter Ikonografie wirkt die gehobene Brille fast wie ein Unfall und mag vielleicht jene erfreuen, die den Menschen hinter der Fassade suchen. Doch auch hier: die Fassade bröckelt kein bisschen.
Geplant wurde sie, als ihm „Andrea Doria“ 1973 als erstem deutschsprachigen Popmusiker einen Millionenvertrag einbrachte. Errichtet wurde sie, als Udo Lindenberg die Legende vom renitenten Panikrocker schuf. Konserviert wird sie, seit er in seiner Suite mit Alsterblick von einer Berühmtheit zehrt, die nur ab und zu der Auffrischung bedarf.
Wie man es aus Pankower Sonderzugzeiten kennt, schiebt er die Lippen vor beim Reden, kultiviert die Aura des Schnodderigen, sagt Sätze wie „Es ist ein Feierbuch, weil because: there was big party, verstehst du?“ mit jenem deutsch-englischen Singsang, der in der Krautrockära oberaffentittengeil nach Jugendsprache klang, jetzt aber nur noch nach, nun ja: Udo Lindenberg.
Zu Stein gewordenes Denkmal seiner selbst
Es ist ein Dialekt, den niemand sonst noch pflegt. Und wie sich der Hanseat aus dem westfälischen Gronau so in den Ledersessel fläzt, wie Hut und Brille jeden Blick in seine Gefühlswelt verhindern und selbst sein schwappender Tee in die Pose integriert wird, wird klar: Der Mann ist das Denkmal seiner selbst. Ein bewegliches immerhin, gut in Schuss, aber doch erstarrt. Dafür hätte es eines bildgewaltigen Folianten gar nicht bedurft: Udo Lindenberg ist zu Stein geworden.
Denn längst hat der Hobbymaler, von dem gerade zwei selbstkreierte Briefmarken erschienen sind, jene Form nostalgischer Popularität erlangt, die weniger der Inspiration entspringt, als einer Art Lebenswerk-Huldigung. Der Riefenstahlrocker Till Lindemann (Rammstein), das Popsternchen Stefanie Kloss (Silbermond), der Schmusesänger Adel Tawil (Ich + Ich), der Politprofi Siegmar Gabriel (SPD) – was sich im Licht kultureller Bedeutsamkeit sonnen will, gesellt sich gern zu Ikonen wie dieser.
Auf Ackes Bildern haben sie alle den verklärten Blick jener Kinder, die beim Länderspiel an Fußballerhänden zur Hymnen-Aufstellung geführt werden: irgendwo zwischen Audienz und Kumpanei. Die gut vermarktete Freundschaft zu Jan Delay etwa brachte dem Rapstar auf Diskofüßen (und Udo, versteht sich) nicht nur Zugang zu neuen Käuferschichten, sondern auch das Gefühl, der Vergangenheit ihren Platz in der Gegenwart freizumachen wie einer alten Frau den Sitz im Bus. Der Altrocker und sein Jungfan – kaum ein Motiv findet sich im Bildband öfter.
Man darf das nicht falsch verstehen: Lindenberg ist viril, wie wenige gleichen Alters. Er sagt: „Ein Breitensportler, kein Nischenkünstler“, der auch im Alter noch Massen erreicht. Davon zeugen all die Fotos seiner ausverkauften Sommertour 2010. Drahtig wirkt er und trotz aller Nuschelei hellwach. Seiner Haut hat das Backstagedasein mehr als dem Geist geschadet, doch den Körper scheinen zu viel Alkohol und viel zu viel Tabak konserviert zu haben wie ein Präparat in Formaldehyd.
Gut, im Vorjahrzehnt wurden wohl mehr seiner alten CDs verkauft als neue. Er nennt es seine „Sinnkrise, nicht zu wissen, wie man den Schritt vom Jugendidol zum würdevollen Rockchansonnier hinkriegt“. Doch der Bundesverdienstkreuzträger war eben auch nie ganz weg und profitiert nun vom Sehnen des Pop nach etwas, das bleibt. Und nichts anderes beliefert Tine Ackes Fotoband, obwohl kein Bild älter ist als vier Jahre. Macht nichts, Udo Lindenberg ist ja noch der Alte. Auf ewig.
Udo Lindenberg – „Stark wie zwei 2007 – 2010“. 400 Fotografien von Tine Acke, Schwarzkopf & Schwarzkopf, circa 50 Euro.
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