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Gene Simmons im Interview: "Alter muss Männer nicht interessieren"

10 Fragen an Gene Simmons von der Rockband Kiss: Warum die bekannteste Zunge der Welt für Frauen und Geld fast alles tut - und was den Bassisten mit Superman verbindet. ( mit Video)

Trägt  Maske und Stiefel auch beim Sex: Kiss-Bassist Simmons.
Trägt Maske und Stiefel auch beim Sex: Kiss-Bassist Simmons.
Foto: rtr

Mr. Simmons, Ihre Zunge, die Sie als Kiss-Bandmitglied aus dem schwarz-weiß geschminkten Gesicht strecken, ist die bekannteste der Welt. Es freut mich, sie heute kennen zu lernen.

Die bekannteste Zunge der Welt! Darauf können Sie Ihren Arsch verwetten. Inzwischen begegne ich meiner Zunge sogar schon. Ich war neulich in Mexiko, da ist der MTV Latin Award verliehen worden. Und wissen Sie, wie der Preis aussah? Wie meine Zunge in Rosa. Am Eingang stand sie auch, gut eineinhalb Meter hoch. Die Leute stellten sich zum Fotografieren davor. Es war das Verrückteste, was ich je gesehen habe.

Zur Person

Gene Simmons, 60, wurde als Chaim Witz in Israel geboren. Seine Mutter, eine Holocaust-Überlebende, übersiedelte in die USA, als er noch klein war. Simmons ist Gründungsmitglied der Schock-Rocker-Formation Kiss.

Die US-Musiker mit den schwarz-weiß bemalten Gesichtern haben seit ihren Anfängen mehr als 80 Millionen Platten verkauft und zählen zu den bekanntesten Bands der Welt.

Das neue Kiss-Album "Sonic Boom" ist gerade erschienen - obwohl die Band in Zeiten der Online-Piraterie kein neues Album mehr aufnehmen wollte.

Mindestens so berühmt wie die Zunge ist auch Ihre Gesichtsbemalung. Schminken Sie sich immer noch selbst oder haben Sie einen Maskenbildner engagiert?

Niemals! Wir machen das selbst. Es dauert zwei Stunden, das ordentlich hinzukriegen. Ich schaffe es auch in einer, aber dann besteht die Gefahr, dass es verläuft. Als wir ganz am Anfang in Clubs gespielt haben, konnten wir uns keine Maskenbildner leisten. Wir hatten zwar nur drei Auftritte in Clubs, bevor wir dann ziemlich schnell einen Plattenvertrag bekamen. Aber ich könnte mir nicht vorstellen, diese Aufgabe jemand anderem anzuvertrauen.

Hassen Sie Ihre Maske manchmal?

Nein! Hasst Superman sein Kostüm? Ich glaube, er ist stolz darauf, jedes Mal, wenn er es anzieht. Wir sind es auch. Wir haben 3000 Lizenz-Produkte. Kiss-Kondome, Kiss-Visa-Karten. Niemand macht das so erfolgreich wie wir. Die Maske hat nichts mit Modeerscheinungen oder Spleens zu tun. Moden ändern sich, sie können dich alt aussehen lassen. Kiss ist zeitlos. Es gibt eine Gesellschaft, die Popkultur untersucht. Die größte Pop-Ikone aller Zeiten ist demnach Kiss. Nicht Elvis.

Sie haben Sex in der Maske, tragen gelegentlich auch Ihre Riesenstiefel dazu. Fehlt Ihnen etwas ohne die Verkleidung?

Ich tue es für die Frauen. Es macht Frauen glücklich. Das ist das Ziel. Andersrum machen wir das doch genauso. Wir sagen einer Frau: Ich möchte, dass du ins Schlafzimmer kommst und dabei nur Stilettos trägst, sonst nichts. Tausende Frauen fanden Sex mit mir aber auch ohne Maske in Ordnung. Man verliert zwar die Alterslosigkeit. Aber Alter muss uns Männer nicht interessieren. Solche Sorgen sind etwas für Frauen.

Warum haben Sie dann typische Anzeichen des Alters wegoperieren lassen?

Ich habe Fett unter meinem Kinn entfernen lassen. Da war so eine Stelle, die ging trotz des ganzen Trainings nicht weg. Außerdem habe ich mir Fett am Bauch absaugen lassen. Man sollte tun, was einen im Leben glücklich macht. Wenn eine Frau größere Brüste will: Soll sie sich welche machen lassen. Gäbe es eine Operation zur Schwanzverlängerung, jeder Mann würde das nutzen.

Ist das für Sie keine abschreckende Vision: Umgeben zu sein von lauter zusammengestückelten Silikon-Wesen?

Shakespeare sagt: "Das Leben ist eine Bühne." Bevor wir das Haus verlassen, schauen wir in den Spiegel. Wir putzen uns heraus, ziehen Anzüge an, legen Make-up auf. Wir wollen die anderen beeindrucken.

Verlassen Sie die Bühne nie? Hören Sie nie auf zu spielen?

Ich spiele doch nicht. Ich bin ich. Sie hören gerade mich. Wir haben alle unterschiedliche Gesichter. Jeder hat einen Dr. Jekyll und einen Mr. Hyde in sich. Wir benehmen uns auf einer Hochzeit anders als auf einer Beerdigung und im Bett verhalten wir uns anders als in der Kirche - wenn man in die Kirche geht. Das sind alles Facetten unseres Ichs.

Seit einigen Jahren präsentieren Sie sich und Ihre Familie in nahezu allen Lebenslagen in einer Reality Show. Warum?

Ich bin stolz auf meine Kinder, auf meine Frau, mit der ich seit 26 Jahren glücklich nicht verheiratet bin. Wir haben zwei großartige Kinder, die nur Einsen nach Hause bringen, nicht rauchen, nicht fluchen, nicht trinken - weil wir es ihnen verbieten. Wenn man stolz ist auf sein Leben, lädt man Leute ein und zeigt es ihnen. Seht her, wie glücklich ich bin, wie gesegnet! Ich schütze meine Mutter. Den Rest können alle sehen. Alles. Die Leute können mich beleidigen, wie sie wollen. Sie können mich Arschloch nennen oder Penner. Ich werde dafür ordentlich bezahlt. Das ist ein guter Deal.

Sie sind als Jude in Israel geboren worden. Zurzeit läuft ein Film mit zwei jüdischen Komikern in den Kinos: Larry David und Woody Allen. Der eine ist ein lauter, extrovertierter Rumpler, der andere ein introvertierter Neurotiker. Welchem sind Sie näher?

Ich mag beide nicht. Europäische Juden sind sehr angstgetrieben. Die israelische Kultur ist direkter, aggressiver. So wie schwarzer Humor, den mag ich. Man lässt im Alltag keinen Kampf aus. Wenn dich einer schief anschaut, machst du ihn an: Was guckst du? Du bekommst nur den Respekt, den du verlangst. Für alles, was ich erreicht habe, habe ich gekämpft. Es gibt nichts umsonst.

Musikalisch haben Sie sich seit 35 Jahren kaum verändert. Beim Sex sind Sie liberal, in der Musik ein Konservativer?

Interessante Überlegung. Aber konservativ? Wir trotzen den Moden. Wir markieren unser Revier, wie Tiere, die dafür auf den Boden pinkeln. Das ist das Ehrlichste, was wir tun können. Würden wir uns nach jeder aktuellen Entwicklung richten, wären wir wie ein Hund, der seinen Schwanz jagt. So kommst du nicht vorwärts. Was die größten Bands der Welt auszeichnet: Sie machen, was sie am besten können. Und das machen sie am besten.

(Interview: Johannes Gernert)

Datum:  4 | 11 | 2009
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