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Geoffrey Gurrumul im Porträt: Der Klangmagier von Elcho Island

Der blinde Aborigine-Musiker Geoffrey Gurrumul rührt jetzt auch Europa zu Tränen. Sein Debüt-Album steigt in Deutschland auf Platz eins der Newcomer-Charts ein. Von Christian Bos ( mit Video)

Geoffrey Gurrumul rührt zu Tränen.
Geoffrey Gurrumul rührt zu Tränen.
Foto: Tasso Taraboulsi

Geoffrey Gurrumul Yunupingu lebt auf einer kleinen Insel im Nordosten Australiens, zusammen mit 2000 anderen Ureinwohnern vom Stamm der Yolngu. Er ist blind und kann weder lesen noch schreiben. Aber er kann Gitarre spielen und singen - und verzaubert mit seiner Musik jetzt auch die Menschen in Europa. Gerade ist sein Debüt-Album in Deutschland auf Platz eins der Newcomer-Charts eingestiegen. In England und Belgien sieht es ähnlich aus. Und in den Amazon-Verkaufscharts hat er Michael Jackson, dessen Alben nach seinem Tod wochenlang die Ranglisten angeführt hatten, überholt.

Schallte es bisher von überall "Billie Jean is not my lover", so singt jetzt Geoffrey Gurrumul "Warwuyu njarranha mulkana njarraku bäpawu". Nur Kenner der Aborigine-Kultur dürften wissen, um welche der vier Aborigine-Sprachen, in denen Gurrumul singt, es sich dabei handelt: Galpu, Gumatj, Wangurri oder doch Djambarrpuyngu? Auch die englischen Übersetzungen im CD-Booklet helfen wenig. Sie deuten nur an: Gurrumul singt von seinen Ahnen, von Wind und Wolken, von Vögeln und Schlangen, die wahrscheinlich auch für die Ahnen stehen. Alles darüber hinaus wäre Spekulation. Denn der 38-Jährige gibt keine Interviews.

Zur Person

Geoffrey Gurrumul Yunupingu, 38, lebt auf Elcho Island im Nordosten Australiens. Der von Geburt an blinde Musiker wurde dort von dem australischen Produzenten Michael Hohnen entdeckt.

Gurrumuls Debüt-Album "Gurrumul" ist in Deutschland auf Platz eins der Newcomer-Charts eingestiegen. Die CD ist bei Dramatico erschienen.

Stattdessen spricht sein Freund und Produzent Michael Hohnen für ihn. Der Bassist hing vor gut 15 Jahren eine Karriere als Rockmusiker an den Nagel, um sich nach Arnhemland, einem dünn besiedelten Gebiet im Norden Australiens, zurückzuziehen. Hier leben etwa 20.000 Menschen auf einer Fläche von der Größe Portugals. Die vor der Küste gelegene Elcho Island, von der Gurrumul stammt, ist noch einsamer.

Fünf Jahre später hatte sich dann auch unter den Insel-Bewohnern herumgesprochen, dass sich Hohnen für ihre Kultur und ihre Musik interessiert. Sie stellten ihm den jungen Mann vor, der seine Gitarre verkehrt herum spielte, weil er sich das Spielen als Linkshänder selbst beigebracht hatte. Jenen Mann, der blind zur Welt gekommen war und dessen Ohren gewissermaßen seine Augen wurden. Gurrumul, der als Fünfjähriger ein Keyboard geschenkt bekam, lernte nicht nur, sich in der Klangwelt zu bewegen. Er spielte Basketball und fuhr mit dem Fahrrad über die schmale Insel. Seine Verwandten riefen ihm, wenn er an ihren Häusern vorbeifuhr, zu: "Mehr nach rechts." Oder: "Jetzt nach links abbiegen."

Schon als junger Mann kannte Gurrumul jedes überlieferte Lied, jede Legende der Yolngu. Was Hohnen jedoch am meisten erstaunte: Gurrumuls eigene Songs waren geprägt von westlichen Einflüssen. "Für Indie- oder Grunge-Rock interessierte er sich nicht, aber er liebt Mark Knopfler, die Eagles und vor allem ,Hot August Night’, das Live-Album von Neil Diamond."

Gurrumuls Texte mögen für die meisten Menschen ein Geheimnis bleiben, seine Musik versteht jeder. Über seine eingängigen Melodien legt Gurrumul seine hohe, unverwechselbare Stimme, die Kritiker reflexartig als "engelsgleich" beschreiben. "Viele Menschen fühlen sich einfach sofort von dieser Stimme angesprochen", sagt Hohnen, "wohl weil sie nostalgische Gefühle in ihnen hervorruft. Wie eine verflossene Liebe, an die man plötzlich wieder erinnert wird." Dabei singt Gurrumul gar keine Liebeslieder.

Doch Hohnen wusste sofort, dass er ein Album mit Gurrumul aufnehmen wollte. Hohnens Kleinst-Label "Skinnyfish" ist spezialisiert auf Aborigine-Musik, die sich für gewöhnlich in Hunderter-Einheiten verkauft. Ihm sei von Anfang an klar gewesen, sagt Hohnen, dass es Jahre dauern würde, mit dem schüchternen, fast verschlossenen Musiker eine Platte zu produzieren - doch er nahm sich die Zeit. Das Album "Gurrumul" erschien Anfang 2008 in Australien, jetzt erobern der Labelchef und sein Star auch die nördliche Halbkugel.

Wie aber verkraftet jemand, der auf einer einsamen Insel aufgewachsen ist und nur ein paar Brocken Englisch spricht, diesen Erfolg? "Man kann einem Yolngu nicht vermitteln, was es heißt, in einem anderen Land in den Top Ten zu stehen, Verkaufszahlen bedeuten ihm nichts", erklärt Hohnen. "Die Yolngu denken nicht über die Zukunft nach."

Erst vergangene Woche habe ihm Gurrumul am Frankfurter Flughafen gesagt, dass er bis vor drei Jahren fest davon überzeugt war, dass niemand seine Musik würde hören wollen. "Aber statt mir das zu sagen, beschloss er einfach, mir trotzdem zu vertrauen." Bevor das jedoch allzu sehr nach "Papalagi"-Kitsch klingt, fügt der Produzent hinzu: "Außerdem ist Gurrumul nicht über Nacht zum Star geworden." Er spielte lange bei der in Australien sehr populären Aborigine-Band "Yothu Yindi" Keyboard und Percussion. "Die sind in ihrer besten Zeit vor 50.000 Zuschauern aufgetreten."

Das war Anfang der 1990er Jahre. Gurrumul ist inzwischen auch schon mit anderen Stars aufgetreten, etwa im Vorprogramm von Elton John auf dessen Australien-Tour 2008. Björk und Sting schwärmen für den blinden Musiker. Unzählige Menschen besuchen seine Konzerte, brechen ob der Schönheit seiner Musik in Tränen aus. All das mache Gurrumul natürlich stolz, sagt Hohnen. Auch, weil die Welt jetzt vielleicht mehr über die Kultur der Yolngu erfährt.

Aber: "Egal welches Level von Erfolg er erreichen wird, das wird ihn nicht berühren oder verändern." Das Einzige, was Gurrumul laut Hohnen wirklich berühren würde, wäre, "wenn sich seine Stellung in der Hierarchie seiner Gemeinschaft verändern würde."

Autor:  Christian Bos
Datum:  20 | 8 | 2009
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