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Georg Kreisler im Interview: "Provokation ist noch keine Kunst"

Georg Kreisler, der große alte Grantler des Musikkaberetts, will sich mit 87 endlich mit der Welt versöhnen - aber es klappt nicht. Im FR-Interview schimpft er nicht nur auf mutlose Fernsehleute.

Der Komponist und Schriftsteller Georg Kreisler neulich auf der Bühne des Rostocker Volkstheaters.
Der Komponist und Schriftsteller Georg Kreisler neulich auf der Bühne des Rostocker Volkstheaters.
Foto: ddp

Herr Kreisler, haben Sie mal überlegt, ob Ihr altes Unternehmer-Schmählied heute nicht wieder aufgeführt werden sollte: "Deine Freiheit muss noch lang´ nicht meine Freiheit sein"?

Eher nicht, seit den 68ern ist viel Zeit vergangen. Damals hatte man das Gefühl, man stachelt etwas an mit solchen Liedern.

Zur Person

Georg Kreisler, 1922 in Wien geboren, ist mit geistreich-zynischen Liedern wie "Tauben vergiften" bekannt geworden. Er floh 1938 als Jude vor den Nazis in die USA, wo er seine musikalische Karriere begann. 1955 kehrt er nach Österreich zurück. Heute lebt er in Salzburg.

Seine Memoiren "Letzte Lieder" sind jetzt im Arche- Verlag erschienen. Kreislers tragikomische Oper "Das Aquarium oder Die Stimme der Vernunft" läuft zurzeit als Uraufführung im Rostocker Volkstheater. Das Hamburger Abendblatt lobte die "ergötzlichen Typen" des Stücks sowie Kreislers "tempo- und anspielungsreiche Partitur".

Nächste Vorstellungen: 9.12., 18.12., 28.1.

Heute stachelt man mit solchen Provokationen niemanden mehr an?

Ich glaube nicht. Man hört nicht mehr auf das, was Künstler schreiben. Diejenigen, die heute provozieren, Schlingensief zum Beispiel, das Regietheater, tun das nur noch zum Selbstzweck. Aber Provokation an sich ist ja noch keine künstlerische Beschäftigung.

Ihre Provokationen haben Ihnen doch erst Ihren Ruf als galliger Liedermacher eingebacht.

Ich wollte nie provozieren. Ich habe nur geschrieben, was mir einfällt. Ist es dann provokant, ist das Zufall! Man darf nicht, wie viele Regisseure heute, kalkulieren: Wenn ich provokant bin, komme ich in die Zeitung. Ich habe gelesen, der Regisseur vom "Don Giovanni", den er total anders inszeniert hat, als es überhaupt sinnvoll ist, habe die Buh-Rufe lächelnd entgegengenommen. Das ist Quatsch! Wenn man inszeniert, dann fürs Publikum und nicht, um das Publikum bös´ zu machen. Wo ist da der Respekt, auch vorm Autor?

Muss man Shakespeare 400 Jahre später nicht aktualisieren, um ihm gerecht zu werden?

Entschuldigen Sie mal, Shakespeare war schon alt, als ich ein Kind war. Da hat man ihn ganz werktreu aufgeführt. Die Kunst der Inszenierung besteht ja gerade darin, dass man werktreu ist, aber dass es das Publikum als modern empfindet. Früher hatte ich bei "Romeo und Julia" durchaus das Gefühl, das ist modern. Das Thema ist doch zeitlos! Warum muss das in Brooklyn spielen, wenn es im Original in Europa spielt? So gescheit ist das Publikum, dass es das selbst in die heutige Zeit übertragen kann. Und sowas wie der Einfall, Romeo sei schwul, solche Regiemätzchen kann ich Ihnen zehn in einer Minute sagen. "Hamlet" wird doch nicht moderner, wenn er im Schwimmbad spielt!

Als Altmeister der Provokation können Sie nicht leugnen, dass manche Tabus aus Prinzip gebrochen werden müssen.

Ich bleibe dabei: Ich habe nie absichtlich Tabus gebrochen. Meine Platten sind nie irgendjemandem übel aufgestoßen. Das ist doch eine Erfindung der Fernsehanstalten: "Das können wir nicht bringen, sonst sind ja die Leute bös´." Unsinn! Die Leute sind überhaupt nicht bös´!

"Wie schön wäre Wien ohne Wiener"? Das ist doch die reine Provokation der Lokalpatrioten.

Ach iwo! Ich habe das unlängst ohne Musik bei einem Leseabend vorgetragen: Die Leute haben gejubelt. Kein Mensch beschwert sich darüber. Noch niemals.

Oder das Lied über den "General": Ihre Verunglimpfungen dieses Berufs als kindisch und minderwertig sahen sicher viele Konservative als Wehrkraft-zersetzend.

Die Einzigen, die sich darüber beschwerten, waren die Funktionäre in der DDR. Ich sollte da spielen, als ich noch in West-Berlin wohnte, und vorher sagt einer: "Aber das Lied vom General können Sie nicht bringen." Gut, sagte ich, dann mache ich den ganzen Abend nicht. Also durfte ich doch, aber es wurde vorher eine Ansage gemacht, dass der Text für den Arbeiter- und Bauernstaat nicht zutrifft. Ansonsten hat sich nie jemand provoziert gefühlt.

Die Band Rammstein singt heute aus der Sicht von Josef Fritzl: "Komm mit auf mein Schloss, da wartet Spaß im Tiefgeschoss". Die CD ist indiziert - zu Recht?

Bei einem Tabubruch kommt es immer darauf an, ob er einen tieferen Sinn hat. Es ist ein Unterschied, ob ich sage: Ich sage nicht "Ficken", weil es provoziert, oder ob ich sage, ich tue es nicht, weil es hier nicht hergehört. Ich habe vor Jahren ein Programm begonnen mit dem Wort Scheiße: "Scheiße, die ganze Welt ist hinüber!" Das fand niemand provokant, weil es da hingehörte. Wenn man über Fritzl singt, muss man auf etwas hinauswollen. Wenn Sie sagen wollen: Hinter den Mauern der Spießerwelt liegen Abgründe, ist die Aussage richtig. Dann liegen die falsch, die sich provoziert fühlen, wenn man darüber singt. Wie bei meinen Tauben: Wenn Sie das Lied an die Ermordung der Juden erinnert, dann, weil darin das Verbrechen liegt.

Sie haben sich oft mit Antisemitismus beschäftigt. Er machte Sie erst zum Juden, sagen Sie.

Ich stamme aus einer sehr unfrommen Familie und hatte mit Religion nie viel am Hut. Aber man wird als Jude eben verfolgt, ausgeschlossen, gekennzeichnet. Das erzeugt eine Art Trotz, ich habe mich gerade deshalb zum Judentum bekannt.

Wie hat dieses Bewusstsein Ihre Texte, Ihre Musik geprägt?

Wenn man unter Juden aufwächst, nimmt man gewisse Dinge an. Empfänglichkeit für einen speziellen Witz, fürs Verfolgtsein. Die Juden wären anders ohne den Antisemitismus, so wie die Schwarzen anders sind, weil sie verfolgt werden. Ich war noch ein kleines Kind, als meine Mutter mir gesagt hat, "Schrei nicht so, wir sind Juden, wir sollen nicht so auffallen". So was prägt.

Wie wichtig ist das für Ihr Selbstverständns?

Man ist doch immer auch ein Kind seines Geburtslandes. Gerade die amerikanischen Juden fühlen sich sehr amerikanisch. Und meine Familie, mein Vater, war total wienerisch.

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Datum:  27 | 11 | 2009
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