Am 17. August 1786, dem Tag, als Friedrich II. starb, schrieb der Graf Mirabeau aus Berlin nach Paris: „Jedermann ist bedrückt, niemand trauert. Jedes Gesicht zeigt Erleichterung und Hoffnung: nicht ein Bedauern, nicht ein Seufzer, nicht ein Wort des Lobes. Das ist also das Ergebnis aller seiner Siege und seines Ruhms, einer Regierung von beinahe der Dauer eines halben Jahrhunderts, erfüllt mit großen Ereignissen. Jedermann ersehnte sich ihr Ende und begrüßte es, als es da war.“
Der Friedrich-Fan-Club stöhnt auf: Mirabeau! Der Mann, dessen „Geheime Geschichte des Berliner Hofs“ doch nichts sei als eine Hetzschrift gegen Friedrich den Großen, gegen die schon die Zeitgenossen Sturm liefen. Mirabeau, der Spion! Der Volksaufhetzer, der auf der Gehaltsliste des Königs stand! Nichts davon ist falsch. Aber mit all dem ist keine der Einsichten Mirabeaus widerlegt.
Die Armee hält sich einen Staat
Die eine, die man nicht oft genug zitieren kann, lautet: „Preußen ist kein Staat, der sich eine Armee, sondern eine Armee, die sich einen Staat hält.“ Die herausragende Rolle der Armee für die spezifisch preußische Form der Staatlichkeit ist nicht zu leugnen. Der Begriff des Militarismus, hier hat er seinen historischen Kern. Was ein moderner Staat, was eine moderne Verwaltung ist, das wurde den preußischen Bauern und Bürgern von der Armee vorexerziert und eingebläut.
Auch das Deutsche Reich von 1871 war ein Produkt der preußischen Armee. Das war freilich nicht mehr die Friedrichs des Großen. Die war von den napoleonischen Heeren eingestampft worden. Den späteren Sieg über Napoleon errang nicht die preußische Armee, sondern das Volk in Waffen. Die Mobilisierung der Bürger. Immer – auch bei Friedrich II., nach der verheerenden Niederlage in der Schlacht bei Kunersdorf (1759) – müssen am Ende die von den Regierenden verachteten und schon darum nur unter Druck gefragten Bürger die Zeche zahlen.
Aber auch die hätten es 1815 nicht ohne den russischen Winter geschafft. Wie wohl auch schon Friedrich es nicht geschafft hätte, wäre die Zarin Elisabeth nicht gestorben und Russland so aus dem antipreußischen Bündnis mit Frankreich und Österreich herausgefallen.
"Das Werk" sagt man so
Der Aufstieg Preußens in den Kreis der großen europäischen Mächte ist das Werk nur zweier Generationen. „Das Werk“ sagt man so. In Wahrheit ist es Glück. Oder Unglück. Jedenfalls kein Werk. Hätte Elisabeth von Russland keinen Schlaganfall gehabt, hätte sie ein paar Jahre länger gelebt – Preußen wäre geschlagen, die preußische Armee und der preußische Staat zerschlagen worden. Schon damals. Nicht erst 1918.
Friedrichs Fluchtversuch ist das Drama, das seiner Lebensgeschichte Kinoqualität verleiht. Vom Vater aufs Schlimmste kujoniert, beschließt der empfindsame Sohn, sich für immer seiner Fuchtel zu entziehen. Im süddeutschen Steinsfurth, wohin ihn als Kronprinz eine Inspektion an der Seite des Königs führt, macht er sich in der Nacht vom 4. auf den 5. August 1730 in seinem roten Reisemantel auf die Socken. Allerdings kommt er nur bis zur Dorfgasse, wo er, auf seinen Pagen und die Pferde wartend, festgesetzt wird. Sein Mitverschwörer und Freund Hans Herrmannn von Katte, der in Berlin zurückgeblieben war, ist das Opfer dieser dilettantischen Aktion. Ein im Köpenicker Schloss tagendes Kriegsgericht aus 15 Offizieren verurteilt ihn zum Tode. Der Hinrichtung in der Festung Küstrin muss Friedrich auf Befehl des Vaters beiwohnen. Bevor das Schwert fällt, wird er ohnmächtig.
Nach der Ersten polnischen Teilung 1772, die für Friedrich durch die Annexion Westpreußens einen immensen territorialen Gewinn brachte, ließ der aufgeklärte Potentat 60000 sogenannte Betteljuden aus deren angestammten
Siedlungsgebieten zwischen den Städten Danzig und Thorn vertreiben. In einem Staat, in dem angeblich jeder nach seiner Fasson selig werden durfte, galt selbiges nicht für Juden. Friedrichs Judenpolitik war von persönlichen und konfessionellen Ressentiments geprägt, die in einem Erlass Ausdruck fanden, der die preußischen Juden in sechs Klassen mit unterschiedlichem Niederlassungsrecht einstufte. Gleichwohl konnte die jüdische Bevölkerung im Kernland Brandenburg unter Friedrichs Herrschaft ihre Zahl fast verdoppeln. Im Jahr 1800 lebten 7 637 Juden in Brandenburg, die Hälfte davon in Berlin.
... die eine geschälte Kartoffel beim Verzehr zu bieten hat, machen gegenüber einem Anteil von 78 Prozent Wasser nicht viel her. Nun ist es allerdings ein derart hochwertiges Eiweiß, wie man es bei keiner anderen essbaren Pflanze findet. Das macht den Erdapfel, der im 16. Jahrhundert mit den spanischen Seefahrern von Südamerika aus nach Europa fand, ernährungsphysiologisch so wertvoll. Im von Hungersnöten geplagten Brandenburg erkannte Friedrich alsbald das Potenzial der Kartoffel und dekretierte am 24. März 1756 deren Anbau in Preußen: „Es ist Uns in höchster Person in Unsern und anderrn Provintzien die Anpflanzung der sogenannten Tartoffeln, als ein nützliches und so wohl für Menschen, als Vieh auf sehr vielfache Art dienliches Erd Gewächse, ernstlich anbefohlen.“
Es gibt viele Bonmots aus Friedrichs Herrschaftszeit, zu den berühmtesten zählt jenes des französischen Denkers Marquis de Mirabeau, der einst schrieb, dass Preußen kein Land mit einer Armee sei, sondern eine Armee mit einem Land. Da lag er ganz richtig. Betrug die Mannschaftsstärke der friderizianischen Streitmacht beim Amtsantritt des Königs 80000 Mann, so waren es am Ende 193000. Das nennt man Aufrüstung.
Zutaten des Königlichen Abendessens mit Gästen am 27. November 1741 zu Berlin: 2 Kälber, ein halber Hammel, 40 Pfund Rindfleisch, 49 1/2 Pfund Speck, 58 Hühner, 36 Tauben, 18 Enten, 12 Pfund Schinken, 1 Fass Austern, 68 Sardellen, 20 Bücklinge, 9 Hamburger Capaune, Hamburger Poularden, Trüffel, Hummer, Kirsch-Confect, Tourteletts à la Creme, Florentiner aus Mandeln.
So groß ist er in etwa gewesen, der große Friedrich. Fünf Fuß, zwei Zoll. Naturgemäß können die historischen Daten bloß Näherungswerte liefern, denn selbst sein Leibschneider dürfte nur an ausgewählten Partien Maß genommen haben. Der royale Brustkorb wird von einem Zeitzeugen „breit“ und „erhaben“ genannt. „Sein Kopf hing ein wenig nach der rechten Seite, wozu Er vermutlich durch das Flötenspiel war gewöhnt worden.“
...hat Preußen bei Friedrichs Thronbesteigung. Am Ende seines Lebens regiert er über 5,43 Millionen. Zwar kostet der Siebenjährige Krieg seinen Staat fast eine halbe Million Menschen. Aber die Geburtenrate ist hoch und Friedrich gelingt es, 300.000 bis 350.000 Einwanderer nach Preußen zu locken. Bei der ersten polnischen Teilung gewinnt er zudem 356.000 Einwohner aus Westpreußen und dem Ermland hinzu.
Die Frage, ob damit das, was uns gerne als genuin preußische Tugenden vor Augen gestellt wird – zum Beispiel der Verzicht auf Pomp, der Sinn für Effizienz – damit auch zu Grabe getragen worden wäre oder sich nicht womöglich noch besser hätte entfalten können, gehört nicht hierher, sondern in das freilich dickste Geschichtsbuch, in das über „Was wäre, wenn ...“
Das Gemälde – 142 Zentimeter mal 205 Zentimeter – auf diesen Seiten malte Adolph Menzel in den Jahren 1850 bis 1852. Also nach der gescheiterten Revolution von 1848. Seinen Realismus kann jeder Besucher des Schlosses Sanssouci in Potsdam heute noch überprüfen. Das Musikzimmer dort sieht heute aus wie bei Menzel. Ob Menzel es schon so vorfand, oder die Restauratoren es Menzel nachempfanden, weiß ich nicht. Der Maler lässt den Raum freilich etwas größer erscheinen.
Bachs Sohn am Cembalo
Die Wissenschaft hat die Teilnehmer dieses Flötenkonzerts, so wie Menzel sie zusammengestellt hat, identifiziert. Am Cembalo zum Beispiel sitzt ein Sohn Johann Sebastian Bachs, der berühmteste Cembalist der Zeit: Carl Philipp Emanuel Bach, der es fast dreißig Jahre im Dienst des Königs aushielt. Der Mann rechts außen ist Johann Joachim Quantz, der Flötenlehrer Friedrichs des Großen. Er empfahl Friedrich den neben ihm stehenden Herrn mit der Geige, den tschechischen Violinisten und Komponisten Franz Benda.
Der Herr hinter den Damen ist Hofkapellmeister und Operncompositeur Carl Heinrich Graun. Mit seiner Oper Cäsar und Kleopatra wurde 1742 die Lindenoper eröffnet. Graun starb, wie auch der an die Decke blickende, wohl etwas gelangweilte französische Mathematiker Moreau de Maupertius, 1759. Menzel malte also eine Szene, die – falls es sie so jemals gegeben haben sollte – einhundert Jahre zurücklag.
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