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Geschichtstheorie: Sie müssen gehorsamer sich regieren lassen!

Während in den USA eine junge Demokratie entstand, glaubte Friedrich der Große unbeirrt daran, dass das Volk eine starke Hand braucht. Damals begann der Wettbewerb der Systeme.

Für viele der typische Friedrich: Flötenkonzert Friedrichs des Großen in Sanssouci. Das Bild von Adolf Menzel entstand 1850/52
Für viele der typische Friedrich: Flötenkonzert Friedrichs des Großen in Sanssouci. Das Bild von Adolf Menzel entstand 1850/52
Foto: DHM/Sebastian Ahlers, AKG, Archiv

Am 17. August 1786, dem Tag, als Friedrich II. starb, schrieb der Graf Mirabeau aus Berlin nach Paris: „Jedermann ist bedrückt, niemand trauert. Jedes Gesicht zeigt Erleichterung und Hoffnung: nicht ein Bedauern, nicht ein Seufzer, nicht ein Wort des Lobes. Das ist also das Ergebnis aller seiner Siege und seines Ruhms, einer Regierung von beinahe der Dauer eines halben Jahrhunderts, erfüllt mit großen Ereignissen. Jedermann ersehnte sich ihr Ende und begrüßte es, als es da war.“

Der Friedrich-Fan-Club stöhnt auf: Mirabeau! Der Mann, dessen „Geheime Geschichte des Berliner Hofs“ doch nichts sei als eine Hetzschrift gegen Friedrich den Großen, gegen die schon die Zeitgenossen Sturm liefen. Mirabeau, der Spion! Der Volksaufhetzer, der auf der Gehaltsliste des Königs stand! Nichts davon ist falsch. Aber mit all dem ist keine der Einsichten Mirabeaus widerlegt.

Die Armee hält sich einen Staat

Die eine, die man nicht oft genug zitieren kann, lautet: „Preußen ist kein Staat, der sich eine Armee, sondern eine Armee, die sich einen Staat hält.“ Die herausragende Rolle der Armee für die spezifisch preußische Form der Staatlichkeit ist nicht zu leugnen. Der Begriff des Militarismus, hier hat er seinen historischen Kern. Was ein moderner Staat, was eine moderne Verwaltung ist, das wurde den preußischen Bauern und Bürgern von der Armee vorexerziert und eingebläut.

Auf den Spuren von Friedrich II.

Bildergalerie ( 9 Bilder )

Auch das Deutsche Reich von 1871 war ein Produkt der preußischen Armee. Das war freilich nicht mehr die Friedrichs des Großen. Die war von den napoleonischen Heeren eingestampft worden. Den späteren Sieg über Napoleon errang nicht die preußische Armee, sondern das Volk in Waffen. Die Mobilisierung der Bürger. Immer – auch bei Friedrich II., nach der verheerenden Niederlage in der Schlacht bei Kunersdorf (1759) – müssen am Ende die von den Regierenden verachteten und schon darum nur unter Druck gefragten Bürger die Zeche zahlen.

Aber auch die hätten es 1815 nicht ohne den russischen Winter geschafft. Wie wohl auch schon Friedrich es nicht geschafft hätte, wäre die Zarin Elisabeth nicht gestorben und Russland so aus dem antipreußischen Bündnis mit Frankreich und Österreich herausgefallen.

"Das Werk" sagt man so

Der Aufstieg Preußens in den Kreis der großen europäischen Mächte ist das Werk nur zweier Generationen. „Das Werk“ sagt man so. In Wahrheit ist es Glück. Oder Unglück. Jedenfalls kein Werk. Hätte Elisabeth von Russland keinen Schlaganfall gehabt, hätte sie ein paar Jahre länger gelebt – Preußen wäre geschlagen, die preußische Armee und der preußische Staat zerschlagen worden. Schon damals. Nicht erst 1918.

Friedrich in Zahlen
15 Offiziere

Friedrichs Fluchtversuch ist das Drama, das seiner Lebensgeschichte Kinoqualität verleiht. Vom Vater aufs Schlimmste kujoniert, beschließt der empfindsame Sohn, sich für immer seiner Fuchtel zu entziehen. Im süddeutschen Steinsfurth, wohin ihn als Kronprinz eine Inspektion an der Seite des Königs führt, macht er sich in der Nacht vom 4. auf den 5. August 1730 in seinem roten Reisemantel auf die Socken. Allerdings kommt er nur bis zur Dorfgasse, wo er, auf seinen Pagen und die Pferde wartend, festgesetzt wird. Sein Mitverschwörer und Freund Hans Herrmannn von Katte, der in Berlin zurückgeblieben war, ist das Opfer dieser dilettantischen Aktion. Ein im Köpenicker Schloss tagendes Kriegsgericht aus 15 Offizieren verurteilt ihn zum Tode. Der Hinrichtung in der Festung Küstrin muss Friedrich auf Befehl des Vaters beiwohnen. Bevor das Schwert fällt, wird er ohnmächtig.

Die Frage, ob damit das, was uns gerne als genuin preußische Tugenden vor Augen gestellt wird – zum Beispiel der Verzicht auf Pomp, der Sinn für Effizienz – damit auch zu Grabe getragen worden wäre oder sich nicht womöglich noch besser hätte entfalten können, gehört nicht hierher, sondern in das freilich dickste Geschichtsbuch, in das über „Was wäre, wenn ...“

Das Gemälde – 142 Zentimeter mal 205 Zentimeter – auf diesen Seiten malte Adolph Menzel in den Jahren 1850 bis 1852. Also nach der gescheiterten Revolution von 1848. Seinen Realismus kann jeder Besucher des Schlosses Sanssouci in Potsdam heute noch überprüfen. Das Musikzimmer dort sieht heute aus wie bei Menzel. Ob Menzel es schon so vorfand, oder die Restauratoren es Menzel nachempfanden, weiß ich nicht. Der Maler lässt den Raum freilich etwas größer erscheinen.

Bachs Sohn am Cembalo

Die Wissenschaft hat die Teilnehmer dieses Flötenkonzerts, so wie Menzel sie zusammengestellt hat, identifiziert. Am Cembalo zum Beispiel sitzt ein Sohn Johann Sebastian Bachs, der berühmteste Cembalist der Zeit: Carl Philipp Emanuel Bach, der es fast dreißig Jahre im Dienst des Königs aushielt. Der Mann rechts außen ist Johann Joachim Quantz, der Flötenlehrer Friedrichs des Großen. Er empfahl Friedrich den neben ihm stehenden Herrn mit der Geige, den tschechischen Violinisten und Komponisten Franz Benda.

Der Herr hinter den Damen ist Hofkapellmeister und Operncompositeur Carl Heinrich Graun. Mit seiner Oper Cäsar und Kleopatra wurde 1742 die Lindenoper eröffnet. Graun starb, wie auch der an die Decke blickende, wohl etwas gelangweilte französische Mathematiker Moreau de Maupertius, 1759. Menzel malte also eine Szene, die – falls es sie so jemals gegeben haben sollte – einhundert Jahre zurücklag.

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Autor:  Arno Widmann
Datum:  14 | 1 | 2012
Seiten:  1 2 3 4
Kommentare:  3
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