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05. Juli 2012

Gewalt in der DDR: Die Kinder von Torgau

 Von Renate Oschlies
Der Rektor der Hamburger Evangelischen Hochschule, Andreas Theurich, informiert sich mit Kollegen im Museum der Gedenkstätte Torgau über Heim-Erziehungsmethoden in der DDR.  Foto: Paulus Ponizak

In dem sächsischen Jugendwerkhof wurden zu DDR-Zeiten Tausende Jugendliche gequält. Der Mann, unter dessen Ägide diese Anstalt errichtet wurde, heißt Eberhard Mannschatz. In einem Lehrbuch einer Hamburger Hochschule verharmlost er noch heute die Verbrechen von damals.

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In dem sächsischen Jugendwerkhof wurden zu DDR-Zeiten Tausende Jugendliche gequält. Der Mann, unter dessen Ägide diese Anstalt errichtet wurde, heißt Eberhard Mannschatz. In einem Lehrbuch einer Hamburger Hochschule verharmlost er noch heute die Verbrechen von damals.

Torgau –  

Die Stahltore schlossen sich krachend hinter dem Barkas-Bus, der Heidemarie Burkart an einem Märztag im Jahre 1974 nach Torgau brachte. Sie sieht die sechs Meter hohen Mauern, die Wachtürme, den Stacheldraht und die Hunde. Als sie das Gebäude mit den kleinen, vergitterten Fenstern betritt, fühlt sie sich wie gelähmt.

Sie sucht eine Toilette, findet keine, klopft an einer Tür. Keine Antwort. Als sie die Tür behutsam einen Spalt öffnet, wird sie ihr an den Kopf geschlagen. Ein Erzieher stürzt auf den Flur und schreit: „An die Wand, umdrehen, Jugendliche Burkart.“ Sie müsse dringend zur Toilette, wendet das 15-jährige Mädchen ein.

Da fühlt sie im Rücken einen Schlag, sie fällt zu Boden, der Erzieher prügelt mit einem Stock auf sie ein, je lauter sie „Aufhören!“ ruft, desto stärker schlägt er zu. Heidemarie krümmt sich am Boden, sucht Kopf und Bauch zu schützen. Sie bleibt liegen, ihre Hose ist nass.

Sie wird in die Zuführungszelle für Neuankömmlinge gebracht. Ein abgedunkelter, winziger Raum, in dem ein Hocker und ein nach Chlor stinkender Kübel für die Notdurft stehen. „Ich fühlte mich elend und dreckig“, erinnert sie sich, „hier war ich ein Nichts, das war mir nun klar.“

Gewalt als Konzept

Es folgten die Aufnahmemaßnahmen: Duschen und Desinfizieren. Ihr Haar wird zur Glatze geschoren, sie erhält Anstaltskleidung, lernt, dass Häftlinge sich hier ausschließlich im Laufschritt zu bewegen haben. Sie erhält die Hausordnung mit der Anweisung, sie auswendig zu lernen. Erschöpft schläft sie auf dem Zellenfußboden ein. Das ist verboten. Erst am Abend wird eine Holzpritsche in die Zelle geschoben, das Liegen ist nur zur Nachtruhe erlaubt.

Gewalt und die Verweigerung jeder menschenwürdigen Behandlung gehörten in Torgau zum Konzept: Mit einer sogenannten „Explosions- oder Schocktherapie“ sollten die Jugendlichen von Anfang an gebrochen werden. Die Methode funktionierte fast immer. Drei Tage bleiben die Neuankömmlinge in diesem Einzelarrest.

Der langjährige Direktor Horst Kretschmar schreibt in seiner Diplomarbeit, durch eine völlig andere Lebensform solle eine „explosive Veränderung“ des Verhaltens der Jugendlichen im Umerziehungsprozess ausgelöst werden. „In der Regel benötigen wir drei Tage, um die Jugendlichen auf unsere Forderungen einzustimmen.“

Eiserne Disziplin, militärisch-sportlicher Drill, ein ausgeklügeltes System aus Kontrollen, Denunziationen und strengsten Bestrafungen bei jeder noch so kleinen vermeintlichen Verfehlung tun ihre Wirkung: Kaum einer begehrt hier noch auf.

Stefan Lauter wird 1985 in Torgau eingeliefert. Man lässt ihn im Flur stehen. Als er nach Stunden einen Erzieher fragt, wie es denn nun mit ihm weitergehe, schlägt der ihm blitzartig die Faust, die ein kiloschweres Schlüsselbund umfasst, ins Gesicht: „Du hast hier nichts zu fragen, hier fragen wir.“

Offene Wunden

Nun sind sie wieder hier, lange erwachsen, die alten Wunden nicht verheilt: Stefan Lauter und Heidemarie Burkart, die inzwischen Puls heißt. Sie sind nach Torgau gekommen, um am Ort ihrer größten Qualen ein paar Sachen richtigzustellen.

Denn vor einigen Wochen wurde bekannt, dass der Erfinder des Jugendwerkhofs in Torgau, Eberhard Mannschatz, in einem Lehrbuch der renommierten Hamburger Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit und Diakonie ein ganzes Kapitel von 40 Seiten füllt – zum „Rückblick auf die Soziale Arbeit in der DDR“.

Mannschatz war im DDR-Volksbildungsministerium für die Heimerziehung verantwortlich. Bis 1977 war er ein enger Mitarbeiter von Ministerin Honecker, danach Professor an der Berliner Humboldt-Universität. Und dieser Mann darf nun in dem Lehrbuch zum „Grundkurs Soziale Arbeit“ die rigide DDR-Heimerziehung verharmlosen. Sogenannte „Zwangsadoptionen“ seien nur von den Medien erfunden, eine „PR-Terminologie“; ebenso die „angeblich rigiden Erziehungsmethoden in den Heimen“. Im Grunde habe man in Ost und West auf gemeinsamen sozialpädagogisch-ethischen Grundlagen gearbeitet.

Mannschatz, einst Margot Honeckers rechte Hand, formuliert weiter: „Es ging darum, einen jungen Menschen, der der Hilfe bedarf, nie und in keiner Lage alleinzulassen“. Er spricht von der „allumfassenden Fürsorge“, „keiner sollte ins Abseits geraten“. In seinen Planungen im DDR-Ministerium las sich das damals ganz anders, die stehen aber nicht im Hamburger Lehrbuch: „Das Ziel der Umerziehung besteht darin, die Besonderheiten in der Persönlichkeitsentwicklung zu überwinden, die Eigenheiten im Denken und Verhalten der Kinder und Jugendlichen zu beseitigen und damit die Voraussetzung für eine normale Persönlichkeitsentwicklung zu schaffen.“

Verlogen und brutal

Eine Studentin der Hamburger Hochschule hatte das Mannschatz-Kapitel Ende vergangenen Jahres entdeckt, als sie dort ein berufsbegleitendes Studium begann. Als Oppositionelle wurde Evelyn Zupke in der DDR an keiner Uni zugelassen. Heute arbeitet die 50-Jährige als Sozialarbeiterin in Hamburg.

Sie war schockiert, als sie sah, dass diese verlogene Darstellung eines Mannes, der dazu beitrug, so vielen Kindern unendliches Leid anzutun, mehr als 20 Jahre nach dem Ende der DDR in einem deutschen Hochschullehrbuch steht – unkommentiert, als geschichtliche Wahrheit, in vierter Auflage. Dabei ist die Rolle von Mannschatz bei der Ausrichtung des Heimsystems seit Anfang der Neunzigerjahre im Rahmen der DDR-Aufarbeitung bekannt, selbst der Bundestag befasste sich damit.

Evelyn Zupke wendet sich an den Kursleiter Timm Kunstreich und an Direktor Andreas Theurich. Die Hochschule dankt für die „kritischen Anmerkungen“ und bietet ein Seminar an, um die unterschiedlichen Positionen mal zu debattieren. In keinem Fall aber werde man das Fachbuch zurückziehen oder die Freiheit der Wissenschaft zensieren, teilt man ihr mit.

Die Zusammenarbeit mit der Evangelischen Hochschule seit 1995 und die Publikation seines Aufsatzes in dem Hamburger Lehrbuch öffnen Eberhard Mannschatz das Tor zur westdeutschen Wissenschaftswelt. Er veröffentlicht seitdem auch Schriften in anderen Verlagen. Darauf weist Zupke hin.

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