Aktuell: Museumsuferfest Frankfurt | Türkei | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Panorama
Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft

04. Februar 2016

Giftmüllskandal in Sachsen: Was zum Himmel stinkt

 Von Jan Rübel
Die Abfallbehandlungsanlage BMG/SVG Naundorf in Sachsen-Anhalt. Dorthin wurde Abfall aus Cröbern umgeleitet. Von rund 40 000 Tonnen fehlt der Nachweis, wo und wie sie entsorgt worden sind.  Foto: Isabell Zipfel

Eine Firma, die Dreck vergoldet. Politiker und Anwohner, die daran glauben wollen. Und ein Gericht, das die Anklageakten auf die lange Bank schiebt: Einer der größten Giftmüllskandale Deutschlands spielt sich in der sächsischen Provinz ab.

Drucken per Mail

Wäre nur nicht dieses verdammte Licht. Die Buchstaben auf dem Schild am Metalltor mit der Warnung vor dem Hunde sind knochenbleich, die wilden Büsche entlang des Zauns wie beim Dornröschenschloss – ein tiefer Schlaf läge matt auf den sandfarbenen Hallen und minzgrünen Türmen, wären da nicht diese mannsgroßen, silbern blinkenden Glasfaserrollen im Mittagslicht. Sie senden Alarmsignale ans Auge. Irgendwo davor schlummern links und rechts ein paar Hundert Tonnen Giftmüll, wie die Rollen sind sie Überbleibsel jener Anlage, die seit drei Jahren verwaist. Mahnmale für alles, was schiefgehen kann, wenn ein Märchen doch nicht wahr wird.

Die Geschichte der S.D.R. Biotec Verfahrenstechnik GmbH aus Pohritzsch ist eine der großen Versprechen. Bis heute spaltet die Firma ein ganzes Dorf – auch weil es seit Jahren trotz Anklage durch die Staatsanwaltschaft nicht zu einer juristischen Aufarbeitung gekommen ist.

Zwölf Jahre lang arbeitete die Firma mit zumeist hochgiftigem Müll, insgesamt über einer Million Tonnen. Die Formel: Durch chemische Reaktionen sollte das Gift „immobilisiert“ werden. Hochproblemmüll verwandele sich mittels Chemikalien und Beimengen wie Braunkohlenasche und Wasser in ungefährlichen Baustoff, hieß es.

Das Geschäft lief gut. Denn Biotec verlangte für die Entsorgung weniger als in der Branche üblich. Die Firma kümmerte sich um Reststoffe aus der Metallurgie und aus den Filtern von Müllverbrennungsanlagen – dem dreckigsten Dreck, der unterirdisch versteckt wird. Eine Tonne in einem Salzstock kostet 100 Euro aufwärts. Biotec nahm dafür 50 bis 60 Euro und für die Lagerung in Deponien fünf bis 25 Euro.

Alle schienen zu gewinnen

Das gefiel vielen. Die Betreiber der Müllberge nahmen den Baustoff gern für ihre Halden. Die Politiker freuten sich über die Aufträge für die oft übergroßen und defizitären Deponien in Staatshand. Mancher Arbeitslose fand endlich einen Job in der Region und die Kommune mit der Firma einen großen Steuerzahler. Und die Industrie sträubte sich nicht gegen geringere Entgelte für die Abnahme ihres Mülls. Alle schienen dabei zu gewinnen. Fast alle.

Roland Wiesener steht in seinem Wohnzimmer, er lugt über die Silberrandbrille durchs Fenster in den Garten. Alles hat seinen Platz dort, keine zehn Autominuten von Pohritzsch entfernt: der englische Rasen, die akkurat gezogenen Beete, die gestutzte Fliederhecke. Nur dieser Störenfried in seinen Beinen und Händen ist nicht bestellt. Ein Kribbeln und Jucken und Stechen; Roland Wiesener greift zu einer Packung „Gabapentin“, das Schmerzmittel nimmt er dreimal am Tag. Der 56-Jährige ist schwerbehindert, Frührentner. Eine Polyneuropathie greift seine Nerven an, sein Blut hat hohe Bleiwerte. 2012 machte der Delitzscher bei Biotec als einer der letzten Mitarbeiter das Licht aus. 2002, bei seiner Einstellung, habe er als kerngesund gegolten. Dazwischen, sagt er, lägen Drecksjahre.

Er zeigt ein Foto von 2004, daneben mehrere Unterschriften. „Das haben wir Arbeiter dokumentiert, falls die Chefs uns mal auf den Kopf steigen.“ Ein anderes Bild: „Da haben wir auf den Tonnen die Totenköpfe überpinselt und die Abfälle als ‚stabilisiert‘ unbehandelt zur Zentraldeponie in Gröbern bringen lassen.“ Drei bis vier Touren solcher Art habe es pro Tag gegeben.

Zuerst beschwerten sich Anwohner neuer Eigenheime in der Nähe der Anlage über den Lasterlärm. Dann gab es diesen Staub. Er rieselte von den Wagen, bildete eine dünne, graue, zähe Schicht. Fraß sich in Fensterrahmen und Zäune. Mal stank es nach Ammoniak, mal standen bitter riechende rostrote Schlammlachen auf der Straße.

Die Behörden wirkten nicht gerade alarmiert. Der Betrieb werde regelmäßig überwacht, schrieb ein Referatsleiter aus dem sächsischen Umweltministerium 2007 einer Anwohnerin. Bei einem Brief der Landesdirektion Leipzig hieß es 2008, das Material sei erdfeucht und könne nicht stauben. Auf Fotos seien „Staubablagerungen … nicht zu erkennen“. Der damalige sächsische Umweltminister Roland Wöller (CDU) sagte 2008, seit 1999 sei es „zu keinen Abweichungen vom bestimmungsgemäßen Betrieb der Anlagen“ gekommen. Es gebe keine Beschwerden der Bürger. Die Behörden kontrollierten damals nicht die abgeschalteten Förderbänder, den Betrieb der Waschanlage oder die Abdichtungen der Lagerhallen – alles im Umweltverträglichkeitsgutachten 1999 versprochen, das maßgeblich für die Genehmigung der Anlage gewesen war.

Zu viel Blei in der Luft

Was der Minister und die Briefe von damals nicht erwähnten: Nach Angaben der Umwelt- und Verbraucherschutzorganisation Deutsche Umwelthilfe (DUH) hatten mehrere Deponien Chargen der Biotec zurückgewiesen. Cröbern erließ am 6. Februar 2008 einen Lieferstopp, Spröda lehnte ab dem 14. Juni 2006 alle untersuchten Mengen wegen zu hoher Metallwerte ab, die Deponie „Weißer Weg“ in Chemnitz stellte Ende 2008 die Annahme wegen der Bleiwerte ein. Studien des TÜV Nord und der Uni Leipzig zweifelten generell an der Methode, Giftmüll zu immobilisieren.

Doch Biotec machte einfach weiter. Die Beschwerden der Anwohner und des Bürgervereins „Sauberes Delitzscher Land“ perlten an den Behörden ab. Der Verein bat schließlich Oppositionspolitiker aus Dresden ins Dorf, kontaktierte die DUH. Ihre Fragen erhielten dadurch mehr Gewicht. Die Behörden antworteten dennoch mit maximal zulässiger Langsamkeit. Akten wurden verspätet und mit großen Lücken oder gar nicht herausgegeben, parlamentarische Anfragen schmallippig bearbeitet. Bodenproben wollte keiner nehmen. Noch nicht.

Erst im September 2008 veranlasste das Sächsische Landesamt für Umwelt schließlich dreimonatige Emissionsproben, wegen der hohen Ergebnisse dann für ein ganzes Jahr. Danach wusste man: In Pohritzsch liegt zu viel Blei in der Luft. Und andere Stoffe wie Cadmium, Arsen, Thalium und Nickel auch.

Lesen Sie bitte weiter auf der nächsten Seite.

1 von 2
Nächste Seite »

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft.

Kalenderblatt 2016: 28. August

Tag für Tag finden Sie an dieser Stelle einen Rückblick auf Ereignisse, Anekdoten, Geburts- oder Sterbetage, die mit diesem Datum verbunden sind. Foto: dpa

Das aktuelle Kalenderblatt für den 28. August 2016: Mehr...

Globetrotter weltweit

Welche Nation nicht ohne eigenes Handtuch verreist

Nur mit eigenem Handtuch an den Hotelpool? Für viele Chinesen ein Muss im Urlaub.

Für die einen ist es das Handtuch, für die anderen die Fotokamera: Jeder Mensch legt im Urlaub auf ganz bestimmte Ding wert. Oftmals hängt das auch von der Kultur ab. Eine neue Umfrage hat ermittelt, wie die Welt 2016 verreisen will. Mehr...

Videonachrichten Panorama

Anzeige

Videonachrichten Leute