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11. November 2012

Gipfelmoshen: Der Berg dröhnt

 Von Felix Brumm
Einfach mal den Kopf frei bekommen: Chiquita (li.) und Loquita (re.) schütteln ihr Haupthaar am liebsten auf der Bergspitze.  Foto: Gipfelmoshen.de

Was haben Kreuzberg, Kilimandscharo und der Anden-Gipfel Aconcagua gemeinsam? Sie alle wurden bereits offiziell bemosht. Be-was? Gipfelmoshen ist ein Trend aus der Metal-Szene. Die ist entgegen aller Vorurteile gar nicht so düster, sondern durchaus humorvoll und vor allem erfolgreich.

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Was haben Kreuzberg, Kilimandscharo und der Anden-Gipfel Aconcagua gemeinsam? Sie alle wurden bereits offiziell bemosht. Be-was? Gipfelmoshen ist ein Trend aus der Metal-Szene. Die ist entgegen aller Vorurteile gar nicht so düster, sondern durchaus humorvoll und vor allem erfolgreich.

Auf dem Berggipfel stehen und in Ruhe die Aussicht genießen – für die beiden Freundinnen Loquita und Chiquita ist das nicht genug. Wenn die Bayerinnen in die Berge fahren, erklimmen sie nicht nur deren Gipfel, sondern bemoshen sie auch. Gipfelmoshen heißt der Sport, den sie erfunden haben – eine Verbindung aus Wandern, Bergsteigen und Metal-Musik, der harten, düsteren Variante des Rock.

Im richtigen Leben arbeitet die 32-jährige Chiquita als Fotografin, ihre Freundin Loquita, 35, ist Bauingenieurin und angehende Doktorin. Beide teilen sie ein Faible für spanische Metal-Bands. Und wenn sie auf den Gipfel ziehen, um zu moshen, tun sie das meist mit schwarzen Klamotten und ihren spanischen Fantasienamen; ihre echten Namen wollen sie nicht nennen.

Headbanging auf dem Berg.
Headbanging auf dem Berg.
 Foto: gipfelmoshen

Die Idee kam den beiden 2006 auf einer Bergtour mit ihrem Freund, der sich Grrr, der Grausame nennt. „Es ist ja immer das Gleiche“, sagt Chiquita. „Du gehst hoch auf den Berg, posierst am Gipfelkreuz, machst dein Foto und gehst wieder. Uns war das zu langweilig.“ Und so kam den drei Freunden die Idee, ihre Metal-Begeisterung im Souvenirfoto zu verewigen. Gipfelmoshen war geboren.

Moshen – auch bekannt als Headbanging – meint das Schütteln des Kopfes und der langen Haare im Takt der Bassgitarren. Es ist sozusagen der Tanz der Szene, in voller Pracht am ehesten zu erleben in den Clubs und auf Konzerten der Metal-Szene. Doch die Sau rauslassen, das geht überall, auch in den Bergen.

Aus der spontanen Idee, die die Freunde auf ihrer Internetseite gipfelmoshen.de dokumentieren, wurde schnell ein Kult. Bald schickten Nachahmer aus allen Teilen Deutschlands E-Mails und Fotos, auf denen meist schwarze Klamotten, lange Haare, blaue Himmel und mächtige Gipfelkreuze zu sehen sind. Knapp 100 Mitmosher haben Loquita und Chiquita mittlerweile gefunden. Immer höher ziehen sie die Berge hinauf, immer spektakulärer werden die Fotos, die sie von dort zurückbringen. Mitmoshen kann eigentlich jeder, auch ohne lange Haare und schwarze Kleidung – solange er nur den Berg hochkommt. Sogar Travestie-Star Olivia Jones zog schon mit in die Berge und warf dort ihr Haar in den Gipfelwind.

Über 700 bemoshte Gipfel verzeichnen Lolita und Chiquita bereits auf ihrer Internetseite: vom Kreuzberg in Berlin über den Kilimanjaro in Tansania bis zum mit 7 246 Metern bislang höchsten bemoshten Gipfel, dem Putha Hiunchuli im Himalayagebirge. Auf die Höhe komme es aber gar nicht an, sagen die beiden. Loquita, die selbst über 100 Gipfel bemosht hat, ist eigentlich sogar „ziemlich höhenempfindlich“. Am liebsten sind den beiden felsige Gipfel, auf die man richtig hochkraxeln muss – mit Händen und Füßen.

Denn es geht nicht nur darum, am Gipfelkreuz etwas Aufsehen zu erregen. „Es geht vor allem um die sportliche Seite“, beteuert Loquita. Und so lautet auch eines ihrer zehn Gipfelmosh-Gebote: „Ertüchtige Deinen Körper – Setze dem Gerücht ein Ende, dass Metaler unsportliche Säufer sind.“

„Viele Menschen haben ja Vorurteile gegen unsere Musik“, sagt Chiquita. Metaller sind für viele Außenseiter mit schwarzer Kleidung und langen Haaren, entweder bierbäuchige, grölende Wikingertypen oder hagere Teufelsanbeter. Alles Quatsch, sagen die beiden. Für sie ist Metal eine Form, sich auszudrücken. Am bekanntesten sind Bands wie Black Sabbath oder Iron Maiden. Doch Metal ist eine Kultur mit vielen verschiedenen Subgenres, und jedes davon pflegt seinen eigenen Stil, von Speed- über Thrash- und Power- bis hin zu Black-, Death- oder Gothic-Metal.

Während die Plattenbranche seit Jahren unter sinkenden Umsätzen leidet, erlebt die Metal-Szene einen Boom – mit ausverkauften Festivals und einer wachsenden Fangemeinde, die mittlerweile drei Generationen umfasst. Jahr für Jahr strömen Zehntausende Fans zum weltgrößten Heavy-Metal-Festival ins schleswig-holsteinische Dorf Wacken. Die 75 000 Tickets für die nächste Auflage im August 2013 sind längst vergriffen – so früh wie noch nie in der mehr als 20-jährigen Geschichte des Spektakels.

Auch Chiquita und Loquita sind seit vielen Jahren Metal-Fans, auch wegen der mystischen Stimmung. Die, schwärmt Chiquita, passe einfach wahnsinnig gut zu den Bergen: „Die Berge sind so monströs und gigantisch – genau wie Metal. Beides zusammen ist die wahrscheinlich beste Kombination überhaupt.“ Und was sagen die anderen Wanderer? „Die haben einfach Spaß, uns zuzuschauen“, sagt Loquita. Viele moshen sogar spontan mit. „Auf dem Gipfel kriegen die meisten gerade so ein ‚Servus‘ raus. Aber wenn wir loslegen, entwickeln sich die lebhaftesten Gespräche.“

Die beiden Freundinnen wohnen im Umkreis von München, da liegen die Gipfel zu Hunderten vor ihrer Haustür. Gemeinsam wollen sie noch viele Gipfel besteigen. Nur leider, sagt Loquita, sind viele Berge schon längst von anderen bemosht. Das aber nehmen die beiden mit Humor: „Wenn wir die Leute zum Lachen bringen können, haben wir unser Ziel schon erreicht.“

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