kalaydo.de Anzeigen

Charlotte Roche und Marcel Hartges: Glückliche Menschen schreiben keine Bücher

Muss man eine Autorin manchmal vor sich selbst beschützen? Und wie süchtig macht Erfolg? Ein Gespräch mit Charlotte Roche und ihrem Verleger Marcel Hartges.

Charlotte Roche schafft mit ihrem Roman Schoßgebete die höchste Startauflage in der deutschen Literaturgeschichte.
Charlotte Roche schafft mit ihrem Roman "Schoßgebete" die höchste Startauflage in der deutschen Literaturgeschichte.
Foto: dapd

Im Garten des Hotels Savoy in der Fasanenstraße steht Charlotte Roche mit ihrem Verleger, Marcel Hartges, und überlegt, an welchen Tisch sie sich setzen sollen. Gerade hat es geregnet, der Himmel ist grau, und so entscheidet sie sich für den Platz unterm Sonnenschirm, an dem mehrere Männer in Anzügen gerade Aktenkoffer, Blumensträuße und Geschenke zusammenpacken. Charlotte Roche macht darauf aufmerksam, dass da noch eine Tasche auf einem Stuhl steht, sie guckt die Männer an, sie sagt „Happy Birthday“ und es sieht aus, als würde sie jetzt endlich mal erkannt werden wollen, sie, die Sex-Skandalautorin, die es auch mit ihrem zweiten Buch „Schoßgebete“ wieder auf Platz eins der Bestsellerliste geschafft hat, die Startauflage von 500 000 ist bereits verkauft. Aber die Männer beachten Charlotte Roche nicht, und so setzt sie sich, streckt den Rücken durch, legt die Hände auf den Tisch – der Auftritt kann beginnen.

Wie geht es Ihnen, Frau Roche?

Ganz gut. Ganz gut. Es ist alles ganz schön aufregend. Man kann sich da nicht locker machen in so einem Moment. Seitdem das Buch rauskam, ist das eher so – Schnappatmung.

Wo waren Sie, als es rausgekommen ist?

Mit meiner Familie, im Urlaub. Leider.

Wieso leider?

Ich war nicht weg, um weg zu sein. Der Veröffentlichungstermin wurde immer hin und her geschoben, und mit Urlaub und Kindern kann man ja nicht immer schieben, und so war ich eben im Urlaub. Da kann man aber nicht entspannen. Ich wollte immer nur wieder zurück nach Deutschland, in das Land, in dem das Buch rauskommt. Es fühlte sich verkehrt an, woanders zu sein.

Sie haben also wieder Lust auf PR-Trubel, Interviews und Lesungen, und das, obwohl Sie die Vermarktung Ihres ersten Buches „Feuchtgebiete“ als Wahnsinnsanspannung bezeichnet und gesagt haben, es sei für Sie zu einem Monster geworden.

Das jetzt ist ja erst der Anfang. Ich habe noch ganz viel Energie. Bei „Feuchtgebiete“ lief das über ein Jahr so, und das war dann zu viel. Zu viel darüber geredet, zu viel weg gewesen von zu Hause, zu viele Lesungen gebucht.

Marcel Hartges: Schau mich nicht so vorwurfsvoll an!

Roche: Nee, da kannst du ja gar nichts dafür. Das ist absolut auf meinem Mist gewachsen. Du wolltest, dass ich Lesungen absage.

Hartges: Es gab ja zum Teil zwei Lesungen an einem Tag.

Haben Sie manchmal das Gefühl, Charlotte Roche vor sich selbst beschützen zu müssen, Herr Hartges?

Roche: Der macht das die ganze Zeit.

Hartges: Ein bisschen schon. Natürlich gibt es widerstreitende Gefühle. Einerseits wollen wir maximale Publizität für das Buch, andererseits, wenn der Preis für die Promotion Depressionen sind, dann ist dieser Preis zu hoch. Mehr als zwölf Lesungen soll es diesmal nicht geben.

Roche: Zwölf Lesungen, das ist ein Witz. Das sitz ich auf der linken Arschbacke ab.

Hartges: Als „Feuchtgebiete“ in Frankreich erschien, waren für einen Tag vier Fernsehinterviews vereinbart und etliche Pressetermine dazu. Am Morgen dieses Tages rief Charlotte Roche an und meinte, sie könne nicht mehr. Es blieb also nichts anderes übrig, als die Reise abzusagen. Der französische Verlag war verständlicherweise extrem empört. Die ganze PR-Strategie fiel in sich zusammen. Aber es ging nicht anders. Irgendwann muss man halt die Reißleine ziehen. Es geht dann nicht mehr um den Erfolg eines Buches, sondern um den Menschen. Und eine Autorenvita sollte auch nicht nach einem Buch beendet sein.

Sie haben also schon sehnsüchtig auf das zweite Buch gewartet und nicht gesagt, ruhe dich jetzt erstmal schön aus, Charlotte.

Hartges: Mit Druck werden die meisten Bücher nicht besser. Ich habe jedenfalls in den vergangenen Jahren nicht andauernd bei Charlotte Roche angerufen und gefragt: Wann lieferst du endlich?

Roche: Er fragt immer nur, wie’s mir geht, aber nie, ob ein Buch kommt. Aber vielleicht heißt ja die Frage Wie geht’s? in Wirklichkeit: Was macht das Buch?

Heißt es das, Herr Hartges?

Ja und Nein. Natürlich habe ich nach einem solchen Erfolg auf ein neues Manuskript gehofft. Vor zwei Jahren gab es mal eine vage Idee zu einem Roman. Aber von dieser Idee ist nicht viel übrig geblieben.

Roche: Zum Anfang überlegt man ständig, in welche Richtung soll der Roman gehen. Aber wenn ich dann erstmal schreibe, steigere ich mich von zwei Seiten am Tag zu 24 Seiten, die dann nicht groß verändert werden müssen. Es mussten nur hundert Seiten gekürzt werden, denn ich neige dazu, Sachen reinzupacken, die mich gerade eben beschäftigen, über den Körper oder so, Körper und Fett, Körperfett.

Körperfett?

Roche: Ja, wie frauenfeindlich es ist, in der Gesellschaft gegen Fett zu sein, obwohl das zum weiblichen Körper dazu gehört und dass wir nicht versuchen sollten, einen fettfreien Körper zu haben. Und da sagt dann der Lektor: Charlotte, wenn überhaupt, muss das in das dritte Buch.

Wie muss man sich die Zusammenarbeit mit Ihrem Lektor vorstellen? Sagt der, also an die Bordellszene musst du nochmal ran?

Roche: Ja, das ist schon peinlich. Ich finde es sehr unangenehm. Ich hatte ja auch immer nur einen männlichen Lektor.

Sind Sie das, Herr Hartges?

Hartges: Ich habe angeboten, „Schoßgebete“ selbst zu lektorieren, aber Charlotte hat etwas sehr Kluges gesagt: Wenn du es lektorierst, habe ich niemanden, bei dem ich mich über den Lektor beschweren kann. Ich habe mir allerdings den Manuskriptstand in verschiedenen Phasen angeschaut, mir aber verboten, etwas dazu zu sagen.

Stimmt es, dass Ihr erstes Buch eigentlich ein feministisches Sachbuch werden und bei Kiepenheuer& Witsch erscheinen sollte?

Roche: Ich hatte mit denen vor langem mal einen Buchvertrag abgeschlossen. Die machen ja viel mit Fernsehleuten und die wollten irgendein Buch, so ein Larifari-Buch, und dann ist der Unfall passiert und ich wollte kein Buch mehr über Bono hinter den Kulissen schreiben, sondern ein feministisches Manifest. Wie erzieht eine Mutter ihre Tochter zur Intimhygiene, ohne ihr zu vermitteln, dass das weibliche Geschlechtsorgan dreckig ist? Ganz viel, wofür unsere Mütter gekämpft haben, ist ja in der nächsten Generation verloren gegangen. Weil Frauen dann doch bereitwillig alles dem Schönheitsideal unterordnen und attraktiv zu sein wichtiger finden als innere Werte. Einen Roman zu schreiben war ganz neu und aufregend für mich, an einer Geschichte herumzuspinnen und die Thesen darin zu verstecken. Aber die von KiWi haben gesagt, das ist hässlich, das wollen wir nicht.

So wurde Ihnen das gesagt?

Roche: Ja so, dass das ekelhaft sei, pornographisch und so. Das war extrem verletzend, ein Schock, und da wollte ich gar nicht weitermachen, denn die ekligen Sachen sind für mich eher humorvoll. Ekel ist auch lustig, aber wenn man das nur böse und pornographisch liest, dann ist man voll auf der falschen Schiene.

Hartges: Ich hielt den Vorwurf der Pornographie für vorgeschoben. In Pornographie geht es ja ausschließlich darum, Leser sexuell zu stimulieren. Wer dies den Romanen von Charlotte Roche unterstellt, kann nicht ganz bei Trost sein. Wahrscheinlich hat man bei Kiepenheuer&Witsch schlicht nicht daran geglaubt, dass ein so radikaler Text erfolgreich sein kann.

Wie konnten Sie dann trotzdem noch weiterschreiben, Frau Roche?

Roche: Freunde haben gesagt: Uns gefällt der Anfang und bevor die Charlotte dieses Ding da nicht weiterschreibt, sollte sie doch mal Kontakt zu Roger Willemsen suchen, denn der hat kein Problem mit versauten Sachen.

Hat er nicht?

Roche: Nee. Der hat mich aufgepäppelt. Der hat gesagt, das ist ein ganz toller Anfang von einem Roman und die sollen sich gehackt legen und die spinnen und lügen, das ist totaler Unsinn, ich soll weiterschreiben.

Wie sind Sie dann an Marcel Hartges bei DuMont geraten?

Roche: Der hat die ersten sechzig Seiten gelesen und war begeistert. Der hat gesagt, das ganze Haus steht hinter dir. Alle wollen das Buch machen und das war natürlich ein tolles Gefühl nach dieser KiWi-Abfuhr.

Hatten Sie später nochmal Kontakt zu Kiepenheuer?

Roche: Man trifft sich, auf der LitCologne oder so. Nach diesem Hammerurteil der Ablehnung ist der Erfolg eine feine Sache.

Hartges: Die Genugtuung für die Autorin ist natürlich riesig, aber für den KiWi-Verleger war die Sache sehr hart. Alle Verleger vertun sich mal. Aber einen solchen Bestseller schon unter Vertrag zu haben und ihn dann nicht zu publizieren, das ist die absolute Höchststrafe für einen Verleger. Da fühle ich schon auch mit.

Was hat Sie so begeistert an „Feuchtgebiete“, Herr Hartges?

Roche: Ja, was denn eigentlich?

Hartges: Ich fand den Text in seiner völligen Respektlosigkeit wahnsinnig komisch. Zudem hatte er etwas sehr Emanzipatorisches und Befreiendes, was das Verhältnis zur eigenen Körperlichkeit angeht. Der Roman vermittelte den Eindruck, dass einem in diesen Dingen nichts peinlich sein muss.

Hatten Sie keine Zweifel? So etwas war ja bislang noch nicht erschienen in Deutschland.

Hartges: Mir war klar, dass wir für das Buch nicht nur Applaus ernten würden. Aber genauso klar war mir, dass es Aufmerksamkeit erregen würde. Das Buch war etwas völlig Neues und das ist das Schönste überhaupt, wenn man als Verleger etwas herausbringt, was so noch nicht da war. Aber gleichzeitig weiß man, dass das Neue bei vielen Leuten geradezu reflexhaft auf Ablehnung stößt. Am Ende ist „Feuchtgebiete“ auch bei vielen Lesern gelandet, die das Buch überhaupt nicht verstehen können.

Verstehen können? Das klingt, als müsste man irgendwelche Voraussetzungen mitbringen.

Hartges: Muss man auch. Es gibt einfach bestimmte soziokulturelle Hintergründe, die einem den Blick auf den Text verstellen, moralische Vorstellungen oder Blockaden, über Körperlichkeit zu reden, über Sexualität. Manches ist vielleicht auch eine Generationsfrage.

Roche: Wenn man das alles total bierernst liest, werden Leute wütend und werfen das Buch gegen die Wand, weil die nichts wissen wollen über Hämorrhoiden oder Analverkehr. Die verweigern sich dem Buch und verstehen alles falsch. Ich fühle mich von denen am meisten verstanden, die sagen, ich habe die ganze Zeit gelacht.

Ihr zweites Buch, „Schoßgebete“, ist nicht mehr so lustig. Da bricht die Protagonistin beispielsweise den Kontakt zu ihrer Mutter ab und das, nachdem die Mutter bei einem Autounfall schwer verletzt wurde und drei Söhne verloren hat. Den Unfall gab es wirklich in Ihrem Leben und Ihre Mutter hat damals als Einzige überlebt. Haben Sie wirklich den Kontakt zu ihr abgebrochen?

Roche: Nein. Das stelle ich mir nur vor. Es ist ja allgemein bekannt, dass ich ein geschädigtes Scheidungskind bin und ich rede öffentlich darüber, weil ich auch eine Verbindung suche zu anderen Scheidungskindern. Es gibt da draußen sehr viele, die auch darunter leiden, weil Eltern in einer Scheidung leider auch viel falsch machen. Und man macht ihnen dann auch viele Vorwürfe.

Ist es therapeutisch sinnvoll, etwas in der Kunst durchzuspielen, was ich mich in der Wirklichkeit nicht traue, aber gerne würde?

Roche: Vielleicht denkt man, wenn man das Buch anfängt zu schreiben, das würde man gern tun, und wenn das Buch fertig ist, denkt man, wie schrecklich, das will ich nicht. Oh nee, das ist gar keine gute Idee. Das ist mir ganz wichtig zu sagen, dass diese Mutter im Buch nicht meine Mutter ist. Man muss meine arme Mutter da vollkommen raushalten. Das ist die nicht.

Hat Ihre Mutter das Buch gelesen?

Roche: Ich bitte meine Eltern, meine Bücher nicht zu lesen, weil mir das sehr unangenehm ist, wenn Verwandte sowas lesen. Alleine schon die sexuellen Sachen. Dafür schäme ich mich.

Marcel Hartges und Charlotte Roche

Marcel Hartges

... wurde 1961 in Mönchengladbach geboren, studierte Germanistik, Hispanistik, Soziologie und Philosophie in Bonn und Berlin, arbeitete als Kulturjournalist, Übersetzer und ab 1992 als Lektor bei Rowohlt. Von 2000 bis 2005 war er dort Verlagsleiter Taschenbuch.

2006 übernahm er den DuMont-Buchverlag in Köln und verlegte hier 2008 Charlotte Roches Roman „Feuchtgebiete“.

2009 wechselte er zum Piper Verlag in München und nahm seine Autorin mit. Die Vermarktung ihres zweiten Romans „Schoßgebete“ mit einer Startauflage von 500 000 nennt das Handelsblatt ein Lehrstück für Erfolg auf dem Buchmarkt.

Charlotte Roche

... wurde 1978 in England geboren, als sie fünf war, trennten sich ihre Eltern, mit acht zog sie nach Deutschland, lebte in verschiedenen Städten und wechselte oft die Schule. Mit 15 zog sie von zu Hause aus, machte Musik, rasierte sich eine Glatze, ging zum Fernsehen und wurde als exzentrische Viva-Moderatorin bekannt.

2001 verunglückten ihre drei Brüder bei einem Autounfall tödlich. Sie waren auf dem Weg zur Hochzeit von Charlotte Roche. Mit ihrer Therapeutin und in ihren Romanen verarbeitet sie ihre Ängste und Schuldgefühle. Die Bücher sind von einer schockierenden Offenheit und verkaufen sich blendend. „Schoßgebete“ hatte die höchste Startauflage in der deutschen Literaturgeschichte.

Charlotte Roche lebt in Köln, hat eine Tochter und ist verheiratet.

Und Ihre Verwandten halten sich daran?

Roche: Beim ersten haben sich alle daran gehalten.

Glauben wir Ihnen nicht.

Roche: Glauben Sie mir nicht.

Hartges: Ich habe meiner Mutter auch gesagt: Lies das nicht.

Roche: Es ist kein Thema in der Familie, der Inhalt meiner Bücher.

Wollen Ihre Eltern nicht wissen, was in Ihnen vorgeht?

Roche: Dafür müssen die nicht das Buch lesen, die kennen mich besser als jeder Leser. Wenn die das lesen und denken, das bin ich, das wäre ’ne absolute Vollkatastrophe.

Ist es zynisch, zu sagen, dieser schreckliche Unfall in Ihrer Familie hat Sie erst zu der Frau gemacht, die diese Bestseller schreiben kann, weil Sie so viele Traumata zu verarbeiten haben?

Hartges: Glückliche Menschen schreiben keine Bücher.

Roche: Nein, das ist nicht zynisch. Schon die Kindheit hat geholfen, kreativ zu werden. Ich bin nicht dankbar, weder für die blöde Kindheit noch für den Unfall, aber ich habe eine große Fähigkeit und Energie, aus etwas Schlechtem etwas Gutes zu machen.

Ihre Heldin Elizabeth geht im Buch ins Bordell. Waren Sie schon mal im Bordell?

Roche: Ich war schon mal im Bordell zu Recherchezwecken, für mein erstes Buch.

Hartges: Sehr gute Antwort.

Roche: Diese Szene interessiert mich total. Man darf das nicht alles über einen Kamm scheren und sagen, Prostitution ist Ausbeutung der Frau. Die Frauen haben totale Kontrolle über die Situation, in jeder Sekunde. Die Männer müssen sich Mut antrinken, um da hinzugehen.

Alice Schwarzer wirft Ihnen in einem offenen Brief vor, dass Sie zu wenig bezahlt haben beim Bordellbesuch.

Roche: Von diesem Brief höre ich nur Gutes. Es gibt eine groteske Vermischung der Romanfigur und mir. Das hat bisher kein Boulevardjournalist so gut hinbekommen.

Haben Sie den Brief gelesen?

Roche: Ich versuche, mich von Kritiken fernzuhalten, guten und schlechten, genauso wie von offenen Briefen, man wird ja sonst wahnsinnig, wenn man sich mit einzelnen Meinungen beschäftigt. Für mich zählt, wie ich mein Buch finde. Ich weiß aber grob, was in dem Brief steht, zum Beispiel die Behauptung, dass wir mal befreundet waren. Vor über zehn Jahren gab es zwei professionelle Kontakte. Ein Interview mit mir und meiner Mutter in „Emma“, und Alice Schwarzer war mal in meiner Viva-Sendung „Fast Forward“ zu Gast. Wir haben uns zweimal gesehen. Das nenne ich keine Freundschaft. Es ist sehr schwierig, aus den Fängen von Alice Schwarzer zu entkommen, wenn man da mal drin ist. Das ist ein massives Problem, auch der „Emma“, dieses Vereinnahmen von jungen Frauen.

Ihre Romanfigur ist regelrecht besessen von Alice Schwarzer.

Roche: Ja, meine Romanfigur, aber ich nicht. Ich habe gar kein solches Problem mit Alice Schwarzer.

In anderen Dingen scheinen Sie aber ihrer Romanfigur ähnlich zu sein, vor allem, was Ängste betrifft.

Roche: Ununterbrochen habe ich Angst. Hier im Hotel kenne ich alle Notausgänge. Man macht das Fenster auf, weil man denkt, man erstickt im Schlaf, macht es wieder zu, weil man glaubt, der Häscher kommt rein mit dem Messer.

Sie haben auch Angst, von Platz eins der Bestsellerliste auf Platz zwei zu rutschen, Sie sprechen offen über Ihre Magersucht und Ihre Angst, zu versagen. Was wird Ihre Therapeutin nach diesem Buch flicken müssen?

Roche: Meine Therapeutin sagt immer: Aber Frau Roche, das ist doch nicht nur gut für Sie. Kann man ja machen mit dem Buch, aber man muss es nicht veröffentlichen. Und ich lache die aus. Ich schreibe für Leser, nicht nur für mich. Das ist der große Spaß.

Worin genau besteht der Spaß?

Roche: Sich zum Beispiel diszipliniert hinzusetzen und zu arbeiten, mal was Eigenes, Kreatives zu leisten. Kannte ich nicht, habe ich von den Eltern nicht gelernt und von der Schule auch nicht. Bei allem, was richtige Anstrengung erfordert, sage ich immer: Schaffe ich nicht.

Haben Sie die Schule abgeschlossen?

Roche: Nee, zweimal sitzengeblieben, nie dagewesen, nur mal gut gewesen, wenn man in den Lehrer verliebt war oder so. Wenn ich schreibe und ich packe ganz viel rein, was mich bewegt, geht es mir so gut wie sonst gar nicht im Leben zuvor.

Die Öffentlichkeit zu suchen, ist das auch eine Art Sucht?

#gallery

Roche: Klar ist das eine Sucht. Aber es ist auch das, was ich machen will.

Dachten Sie schon mal, es wäre besser gewesen, Ihrer Autorin diesen Erfolg zu ersparen, Herr Hartges?

Hartges: Charlotte Roche ist eine erwachsene Frau, die sehr genau weiß, was sie möchte. Warum sollte ich ein Manuskript ablehnen, das ich interessant finde und das ihr offenkundig viel bedeutet?

Roche: Ich gehe gerne an die Grenzen. Sonst macht das für mich auch keinen Sinn, wenn es nicht wirklich um was geht oder gefährlich wird.

Hartges: Sie wirkt nicht wie jemand, der auf der Kippe steht. Allerdings gab es einen Punkt, wo ich dachte, es könnte zu viel werden: Das war die Jahresrückblicksendung 2008 mit Johannes B. Kerner, ein Format, in dem immer und ausnahmslos alle Gäste über den grünen Klee gelobt werden. Charlotte saß in eben dieser Erwartung auf dem Sofa. Und dann wurde Reich-Ranicki eingeblendet, der schauderhafte Dinge sagte.

Roche: Das war extrem unangenehm. Harald Schmidt ist auch ein großes Lästermaul, aber jeder Gast, der da ist, darf bei ihm glänzen. Meine Erfahrung ist eher, dass man sich auf den Gastgeber verlassen kann, dass der einen beschützt. Und da kommt dieser urälteste Kritiker, der lauteste von allen, und zerfetzt das Buch, und es ging ja vor allem um mich, um meine Person.

Hartges: Solche Leute glauben, mit Charlotte könne man alles machen, weil sie einen so unerschütterlichen Eindruck macht, aber Unverschämtheiten und Attacken dieser Art machen jedem was aus, auch ihr. Daher versuchen wir diesmal, stärker zu kanalisieren und nicht jedes Forum, das sich bietet, auch zu betreten. Andererseits macht sie diese Arbeit, so anstrengend sie ist, auch gerne. Jedenfalls bin ich eher der Bremser, während sie Gas gibt.

Wie kann man „Feuchtgebiete“ und „Schoßgebete“ noch toppen?

Roche: Wenn Sie Tabus meinen, da gibt es ja noch genug. Ich finde Tabubrechen total sinnvoll, mich befreit das, und es befreit andere.

Thilo Sarrazin bricht auch Tabus.

Roche: Entschuldigung, das ist für mich rechtes Gedankengut. Das ist zu Recht tabuisiert. Aber in der Sexualität darf es gar keine Tabus geben. Weil man sich freier fühlt, weniger Blockaden hat, ein besseres Leben. Also ich habe schon Ideen für das dritte Buch... Ich kann natürlich nicht darüber reden, nein nein, kein Wort.

Sex wird wieder eine Rolle spielen.

Roche: Es wird wahrscheinlich sehr schwierig für mich, einen Roman zu schreiben, der nah am Leben ist, und dann Sex wegzulassen. Das fände ich total künstlich und bescheuert.

Was machen Sie eigentlich mit dem ganzen Geld, das Sie mit Ihren Büchern verdienen?

Roche: Erstmal habe ich das alles der Deutschen Bank weggenommen und bin zur Ethikbank gegangen. Kann ich sehr empfehlen. Ich spende viel, an Foodwatch, Greenpeace, Attac. Ich wollte mich jetzt auch anketten in Gorleben, gegen das Atomzwischenlager. Hab ich hingeschrieben, an die Organisatoren. Klar gerne, in zwei Jahren, war die Antwort. Die haben eine Warteliste, und ich muss mich wie alle anderen hinten anstellen.

Interview: Anja Reich und Sabine Vogel

Datum:  27 | 8 | 2011
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Leute
        

Der Ultravox-Sänger Midge Ure wurde von der Queen zum Ritter geschlagen, was seine Mutter wirklich stolz macht.
Ultravox-Sänger Midge Ure 
Bushido ganz zahm und ordentlich im Anzug: Der
Bushido-Hochzeit 
Prinzessin Victoria und Prinz Daniel bei der Taufe ihrer Tochter Estelle.
Victoria von Schweden 
ESC 2012

Schräge Kandidaten, internationale Musik: Das ist der Eurovision Song Contest in Baku. Wegen der politischen Zustände in Aserbaidschan wird er dieses Jahr heftiger Kritik begleitet. Mehr dazu im Spezial.

Ressort

Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft


Anzeige

Fotostrecke
Meeresbewohner: Leuchtend grüne Quallen gleiten durch ein Aquarium.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.

Ein Jahr Fukushima
Test auf Strahlenspuren.

Ein Jahr nach dem 11. März 2011 zeigen wir, wie das Unglück Japan und die Welt verändert hat.

Anzeige

Video

Anzeige

 
Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

Academy Awards - "And the winner is..."
Zwischen 300 und 500 Euro ist eine Oscar-Statue wert, je nach Goldpreis. Der ideelle Wert ist für Schauspieler und Filmemacher unbezahlbar.

Alle Gewinner der 84. Academy Awards of Merit, die desaströsesten Outfits auf dem roten Teppich und mehr im Oscar-Spezial.

Kolumne
Tempo 30

Am Aschermittwoch 2009 wurde Sebastian Gehrmann 30. Alles war vorbei. Jetzt kann er darüber schreiben.

Anzeige

Werben auf dem iPad
Das iPad als Werbeform bietet besonders viele Möglichkeiten. Gerne beraten wir Sie persönlich.

Meistgeklickt
Sängerin Loreen holt mit Euphoria den ESC nach Schweden und siegt in Baku.
Eurovision Song Contest in Baku 
Die Skyline von Baku.
Leitartikel zum ESC 2012 
Ermittler der Spurensicherung der Polizei durchsuchen in Kiel ein ehemaliges Trafohaus auf dem Gelände einer Kfz-Werkstatt.
Einsatz gegen Rockerbande 
Loreen triumphiert für Schweden beim ESC 2012 in Baku.
Eurovision Song Contest in Baku 
Quiz
Dezember 2006.

Thomas Gottschalk hat sich bei "Wetten, dass..." verabschiedet. Er bewegt die TV-Nation. Testen Sie Ihr Wissen.