Mein Großvater hatte Humor. Die Wissenschaft weiß bisher wenig darüber, auf welchem Chromosom der Witz weitergegeben wird, aber zumindest auf mündlichem Wege wurde mir eine Geschichte von ihm vererbt: Mein Großvater und sein Wort galten in der Familie etwas. Und so suchte ihn mein Onkel kurz nach seinem Abitur auf, in der Hoffnung, von dem weisen Mann eine richtungsweisendeEntscheidung für sein Leben zu erhalten. Lang und breit erläuterte mein Onkel meinem Großvater, welche Neigungen und Optionen er für sich sah: "Einerseits könnte ich der väterlichen Linie folgen und Forstwirtschaft studieren, andererseits reizt mich das Künstlerische, ich könnte auch Musik studieren etc. pp."
Geduldig hörte mein Großvater zu und antwortete mit einem Augenzwinkern nur zwei Worte: "Lerne Waldhorn!" Das muss auf meinen Onkel wie eine verbale Ohrfeige gewirkt haben, all die lang gehegten Gedanken so schnöde abgetan. Doch langsam wurde ihm klar, dass in den zwei Worten vier Botschaften steckten: 1. Mach nicht so viele Worte. 2. Nimm dich nicht so ernst. 3. Ich werde dir die Entscheidung nicht abnehmen. 4. Wenn man Entscheidungen auf ein Entweder-Oder reduziert, übersieht man, was einen im Kern an den Möglichkeiten reizt. Also schau, ob es nicht einen dritten Weg gibt, der beides verbindet.
Unser Verstand will klare Entscheidungen, konsequent und logisch. Aber die meisten Dinge im Leben sind nicht so eindeutig, so logisch, so konsequent. Und fast nie können wir absehen, was auf lange Sicht aus dem einen oder dem anderenWeg alles werden könnte. Darüber kann man verzweifeln - oder lachen.
Sich nicht entscheiden können, macht zuverlässig unglücklich
In asiatischen Sprachen gibt es einen Ausdruck für "weder das eine, noch das andere": das "Mu". So wird auch der Zen-Schüler bei anscheinend unlösbaren Rätseln mit dem Verstand in die Sackgasse geführt, bis er sich mit einer Lösung auf einer neuen Ebene aus dem Widerspruch befreit. "Wie klingt das Klatschen einer Hand?" Darüber kann man lange grübeln - oder sich die eine Hand an die Stirn hauen, dass es nur so klatscht. Sich nicht entscheiden können, macht zuverlässig unglücklich. Wir klammern uns an jeden Strohhalm anstatt beherzt den Kürzeren zu ziehen. Glücklicher macht: "Ich will mich momentan nicht entscheiden" oder "Ich freue mich, dass ich mehrere gute Möglichkeiten habe, es ist gar nicht so wichtig, welche es wird" oder "Weil ich selbst gar nicht alle Möglichkeiten überblicke, ist eine zufällige Entscheidung besser als keine."
Manchmal sollte man einfach mal Sching-Schang-Schong mit sich selbst spielen. So oder so sitzt man zwischen zwei Stühlen auf Dauer unbequem, es sei denn, man legt ein Brett darüber. Es gibt immer einen dritten Weg, der aber nicht der Mittelweg sein muss.
Wir brauchen also neue Sprichwörter. Mein Vorschlag: Wer die Wahl hat, hat die Wahl. Vielleicht täten wir uns leichter, wenn auch wir in unsere so scharf unterscheidende Sprache ein Wörtchen der Einsicht in die Widersprüchlichkeit der Welt aufnehmen würden - ein deutsches Wort für "Mu". Das sächsische "Nu" kommt dem ja schon nahe, gell?
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