kalaydo.de Anzeigen

Glücksforscher Easterlin im Interview: Vom Glück, glücklich sein zu können

Auf der Suche nach dem Glück scheitern wir oft an unseren hohen Erwartungen. Gibt es überhaupt einen Königsweg zu Wolke sieben? Ein Gespräch mit dem Glücksforscher Richard A. Easterlin.

Geld macht glücklich - mehr Geld nicht - besagt das Happiness-Income-Paradox.
Geld macht glücklich - mehr Geld nicht - besagt das Happiness-Income-Paradox.
Foto: dpa

Mr. Easterlin, wie glücklich sind Sie, wenn Sie Ihr Leben heute betrachten - auf einer Skala von 1 bis 10?

Haha, die Frage kenne ich doch ...

Zur Person

Richard A. Easterlin, 1926 in Ridgefield Park im US-Staat New Jersey geboren, hat sich als Wirtschaftsforscher in den vergangenen 40 Jahren vor allem dem Glücksgefühl der Menschen in aller Welt gewidmet. In Langzeitstudien untersuchte er die Zusammenhänge zwischen Wohlstand und Glücksempfinden - und fand das "Happiness-Income-Paradox".

Das Paradox besagt, dass wachsendes Einkommen den Einzelnen auf lange Sicht nicht glücklicher macht - sinkendes Einkommen aber überproportional unglücklich. Das Phänomen taucht in Industrienationen ebenso auf wie in Schwellen- und Entwicklungsländern.

Den IZA-Preis für Arbeitsmarktforschung, dotiert mit 50.000 Euro, bekommt Easterlin am 22. Oktober in Washington verliehen. Das IZA, das Bonner Institut zur Zukunft der Arbeit , würdigt damit seine "fundamentalen Arbeiten" auf dem Gebiet. Easterlin arbeitet heute an der University of Southern California in Los Angeles.

Sein neues Buch über seine Ergebnisse, "Happiness, Growth and the Life Cycle", erscheint in Kürze bei Oxford University Press im Rahmen der IZA-Prize-Buchreihe.

Richard A. Easterlin: auf der Glücksskala von eins bis zehn steht er bei neun.
Richard A. Easterlin: auf der Glücksskala von eins bis zehn steht er bei neun.
Foto: USC

Die stellen Sie und Ihre Mitarbeiter Ihren Testpersonen in aller Welt. Und - Ihre persönliche Antwort?

Nun, alles in allem bin ich ganz glücklich. Ich würde die 9 auf der Skala wählen.

Was macht Sie glücklich?

Die Arbeit als Glücksforscher macht mich immer noch zufrieden, und ich genieße ein sehr glückliches Familienleben. Die beiden Dinge zusammen, würde ich sagen, machen mein Glück aus. Natürlich lässt mich auch die anstehende Preisverleihung in Washington ein bisschen nach oben rutschen auf der Skala.

Sie bekommen den höchstdotierten Preis für Arbeitsmarktforschung. Was hat Sie bewogen, das Glück der Menschen in einzelnen Ländern wissenschaftlich zu untersuchen - fast Ihr ganzes Forscherleben lang?

Ich hatte das Glück, als Volkswirtschaftler in den 70ern in Stanford zu arbeiten, am Center for Advanced Studies. Da kam ich immer wieder in engen Kontakt mit Kollegen aus anderen Disziplinen, unter anderem den Sozialforschern und Psychologen, die damals einige neue Ideen über die Gesellschaft entwickelten. Sie hatten eine ganz neue Qualität von Daten über die Menschen zur Verfügung. Und so kam ich auf den Gedanken, diese Daten zu nutzen und herauszufinden, ob das allgemeine Wirtschaftswachstum bei uns in den Staaten das Glücksgefühl des Einzelnen steigert.

Sie hatten Zweifel daran, dass mehr Geld glücklicher macht?

Ich hatte Zweifel daran, dass der absolut messbare Wohlstand das entscheidende Kriterium ist. Damals entstand die Idee eines relativen Wohlstands - das heißt: Wichtig schien den jungen Amerikanern in jener Zeit nicht, wie viel sie tatsächlich in der Tasche hatten, sondern ob diese Summe den Erwartungen entsprach, die sie beim Aufwachsen in ihrer Familie entwickelt hatten. Davon machten sie unter anderem ihre Entscheidung für oder gegen eigene Kinder abhängig - von ihrem relativen Wohlstand, nicht dem absoluten, der sehr viel höher lag als der ihrer Eltern, als diese jung gewesen waren. Daraus folgten schon damals demografische Veränderungen in der Gesellschaft, und ich glaube, vor allem diese Erkenntnis brachte mich weg von der Orientierung am absoluten Einkommen zu einer eher soziologischen Sichtweise.

Wie bekommt man heraus, wie glücklich sich Menschen fühlen?

Man muss die Leute einfach nur fragen. Es gibt nur sehr wenige Menschen, die nicht in der Lage sind, auf die Frage "Wie glücklich sind Sie?" zu antworten.

Nun dürfte jeder seine eigene Vorstellung vom Glück haben - wie können Sie da Vergleiche anstellen oder einen Durchschnitt ermitteln?

Alle Menschen, egal, wo sie leben, widmen sich im Prinzip den gleichen Dingen: Sie arbeiten, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen; sie bauen eine Familie auf; sie sorgen sich um ihre Gesundheit. Diese drei unmittelbaren Faktoren bestimmen auch das Glücksempfinden der Menschen. Deshalb sind Daten aus diesen drei Feldern durchaus miteinander vergleichbar.

Und das Ergebnis scheint ebenso universell zu sein: Mehr Geld macht die Menschen nicht glücklicher. Ist das wirklich so überraschend?

Nun, die Volkswirtschaftler gingen in den 60ern ja fest davon aus, dass wirtschaftliches Wachstum auch den Einzelnen glücklicher macht. Und diese Ökonomen haben mit ihrer Haltung einen enormen Einfluss auf die Realpolitik. Ich habe mich gefragt: Stützen die Daten, die uns die Sozialwissenschaftler über die Zufriedenheit der Menschen liefern, die These der Ökonomen eigentlich? So gesehen sind die Ergebnisse unserer Langzeit-Forschungen schon eine Überraschung.

Was war die größte Überraschung?

Dass wir ein paradoxes Modell bekommen haben - ich nenne es "Happiness-Income-Paradox". Das besagt Folgendes: Wenn wir Menschen zu einer bestimmten Zeit befragt haben, meist als junge Erwachsene, und deren Daten miteinander verglichen haben, ergab sich zunächst das erwartete Bild: Leute mit höherer Bildung und höherem Einkommen sind im Schnitt glücklicher als Leute mit geringerem Einkommen. Aber wenn man sie über viele Jahre beobachtet und immer wieder befragt, wird es paradox: Die Menschen fühlen sich kaum oder überhaupt nicht glücklicher, auch wenn ihr Einkommen beträchtlich steigt - das gilt für beide Gruppen, auch wenn das Einkommen der Bessergestellten überproportional gestiegen ist. Ein scheinbarer Widerspruch, der zumindest gegen die allgemeinen Erwartungen steht.

Ihre Erklärung dafür?

Wenn Leute auf ein höheres Wohlstandslevel kommen, dann nehmen sie das sehr schnell als selbstverständlich an. Sie passen also den Referenzpunkt für ihr Glücksempfinden immer wieder automatisch ihrer neuen Gehaltsstufe an - und nivellieren so ihre Zufriedenheit.

Und wenn das Einkommen zum Beispiel bei einer Familie aus dem gehobenen Mittelstand auf das niedrigere Level aus Studententagen sinkt, fühlen sich dieselben Leute unglücklicher als je zuvor - auch das behaupten Ihre Langzeit-Studien.

Richtig, die Psychologen haben dafür den Begriff "Verlustangst" eingeführt. Auf die Wirtschaft übertragen funktioniert das im Prinzip so: Wenn Sie auf ein niedrigeres Level zurückfallen, dann beziehen Sie Ihr Empfinden auf das hohe Level, das Sie einmal hatten, also auf einen festgelegten Referenzpunkt - und empfinden den Verlust als überproportional schmerzlich. Wir haben das zuletzt bei Menschen in Osteuropa und speziell in Ostdeutschland untersucht, wo der Übergang zur freien Marktwirtschaft viele auf eine Berg- und Talfahrt geschickt hat.

1 von 3
Nächste Seite »
Datum:  19 | 10 | 2009
Seiten:  1 2 3
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Ressort

Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft


Leute
Brad Pitt hat keine Angst vor dem Altern – im Gegenteil.
Brad Pitt im Interview 
        

Manfred Krugs erste „Starpostkarte“. Selbst bezahlt, wie er betont.
Manfred Krug im Interview 
Manfred Krug und sein Vater im Stahlwerk Brandenburg. „1954 überfiel mich zum ersten Mal, dafür aber mit brachialer Gewalt, die Angst, ich könnte mein ganzes Leben in dieser Knochenmühle verbringen. Kurz entschlossen bewarb ich mich an der Schauspielschule.“
Film- und Fernsehstar 
Fotostrecke
Menschen 2011 (43 Bilder)

Anzeige

Video

Fotostrecke
Zum Anbeißen: Der Zoo Hannover sorgt beim Füttern für die saisonal passende Deko. Das Erdmännchen hat offenbar seinen Spaß dran.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Genau die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.

Anzeige

 
Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

Kolumne
Tempo 30

Am Aschermittwoch 2009 wurde Sebastian Gehrmann 30. Alles war vorbei. Jetzt kann er darüber schreiben.

Quiz
Dezember 2006.

Thomas Gottschalk hat sich bei "Wetten, dass..." verabschiedet. Er bewegt die TV-Nation. Testen Sie Ihr Wissen.

Spezial
Test auf Strahlenspuren.

Live-Ticker, Bilder, Videos und Grafiken, Hintergründe, Spendenadressen und vieles mehr im Spezial zur Katastrophe in Japan.

Anzeige

Werben auf dem iPad
Das iPad als Werbeform bietet besonders viele Möglichkeiten. Gerne beraten wir Sie persönlich.

Meistgeklickt
LAOS-Parteichef George Karatzaferis stemmt sich gegen die auferlegten Sparmaßnahmen.
Schuldenkrise in Griechenland 
        

Warm anziehen: Eintracht-Trainer Armin Veh.
Vor dem Spitzenspiel in Düsseldorf 
Demonstranten protestieren in Stockholm gegen das Urheberrechtsabkommen.
Streit um Acta