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Glückspilze: Das Erfolgsrezept der Stars

Wieso wurden die Beatles und Bill Gates so erfolgreich? War es nur Zufall oder Fleiß? Und was können wir von den Stars lernen? Der US-Autor Malcolm Gladwell hat sich ihre Biografien angesehen.

Gladwells Grundthese ist so einfach wie provozierend: Nicht individuelle Fähigkeiten und Begabungen sind es, die Stars zum Erfolg führen, sondern eine Verkettung bestimmter günstiger Umstände.
Gladwells Grundthese ist so einfach wie provozierend: Nicht individuelle Fähigkeiten und Begabungen sind es, die Stars zum Erfolg führen, sondern eine Verkettung bestimmter günstiger Umstände.
Foto: ap

Malcolm Gladwell wirkt ein wenig müde. Und schon kurz nach der Begrüßung fällt auf, dass er auf eine sympathische Weise nicht so glatt ist, wie man zunächst hätte vermuten können: Er ist nicht der Typ in Designerkleidung, der sofort signalisiert: Ich bin erfolgreich, ich kann mir alles leisten. Malcolm Gladwell trägt einen schlichten Wollpullover, und zwar nicht zum ersten Mal, denn er hat zwei kleine Löcher.

Vielleicht hat er es gar nicht bemerkt; vielleicht ist es ihm aber auch egal. Gerade ist er mit dem Zug aus Paris angekommen; nun hat er eine Lese- und Vortragsreise durch Deutschland vor sich. Die Menschen kommen in Scharen zu seinen Veranstaltungen. Gladwell ist Bestsellerautor: Mit seinem Buch "The Tipping Point", in dem er das Zustandekommen von Trends beschrieb, wurde der 1963 in England geborene und heute in New York lebende Journalist zum Star.

Zur Person

Malcolm Gladwell, 1963 in England geboren, ist Journalist, Autor und Unternehmensberater.

Mit "Der Tipping Point" (im Original: "The Tipping Point - How Little Things Can Make A Big Difference) und "Blink. Die Macht des Moments" sind ihm weltweit Bestseller gelungen.

Gladwell lebt in New York City und schreibt seit 1996 für die Zeitschrift The New Yorker.

Sein aktuelles Buch "Überflieger" ist im Campus Verlag (Preis: 19,90 Euro) erschienen.

Das Time Magazine kürte Gladwell, dessen Markenzeichen seine ungebändigte lockige Haarpracht ist, zu einem der 100 einflussreichsten Menschen der Welt. Macht ihm das nicht auch ein bisschen Angst, angeblich so viel Macht zu haben? Gladwell lacht laut auf, ein jugendliches Lachen. Nein, sagt er dann, diese Wahl erschiene ihm ohnehin nicht plausibel - "ich bin doch nur auf dieser Liste gelandet, weil sie jedes Jahr frische Gesichter brauchen".

Ein Zufall also oder gar Glück? Damit sind wir schon mitten in der Thematik seines neuen Buches. "Überflieger" heißt es in der deutschen Übersetzung; der Originaltitel "Outliers" ist der wissenschaftliche Begriff für ein Phänomen, das sich außerhalb der Norm bewegt. In Bezug auf Menschen heißt das: Genies. Oder besser - vermeintliche Genies. Firmengründer wie der Microsoft-Gründer Bill Gates, der aus einer Garagenklitsche ein Milliardenunternehmen machte. Oder Mozart, der bereits mit sechs Jahren komponierte.

Gladwells Grundthese ist so einfach wie provozierend: Nicht individuelle Fähigkeiten und Begabungen sind es, die zum Erfolg führen, sondern eine Verkettung bestimmter günstiger Umstände wie Geburts- und Studienort, soziale Prägung oder auch schlicht Zufall.

Beispiel Bill Gates: Wenn dieser nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt an einer bestimmten Universität studiert hätte und dort nicht auch noch unbegrenzten Zugang zu Computern erhalten hätte, gäbe es Microsoft nicht. Sagt Gladwell. Oder die Beatles: Hätten die in ihrer Hamburger Zeit nicht jeden Abend sieben oder acht Stunden am Stück spielen müssen, wären sie eine allenfalls durchschnittliche Band geblieben.

Auch das ist eine von Gladwells Thesen - die 10000-Stunden-Regel, die besagt, dass jeder, der in seinem Fach Außergewöhnliches leistet, mindestens 10000 Stunden geübt haben muss. Soziale Determination statt individueller Leistung - widerspricht das nicht eklatant dem, was man den Amerikanischen Traum nennt; dem Gedanken, es vom Tellerwäscher zum Millionär zu bringen?

"Ganz eindeutig", sagt Gladwell, "die Gebräuche und Gesetze in den USA basieren auf der Annahme, dass jeder alles schaffen kann. Und dass jeder für sich allein verantwortlich ist. Das ist ein Mythos." Gladwell begreift "Überflieger" als ein dezidiert politisches Buch: "Es ist eine Kritik an den Regeln der Politik: an der Unumstößlichkeit, mit der diese formuliert sind." Seine Belege holt er sich im Grenzgebiet von Wissenschaft, Soziologie und praktischen Alltagserfahrungen.

Das Ergebnis ist ein unterhaltsam zu lesendes Buch mit hin und wieder verblüffenden und manchmal auch arg einfachen Erkenntnissen, zum Beispiel der, dass Schulkinder aus unteren sozialen Schichten in den Sommerferien den Leistungsanschluss an sozial besser gestellte Mitschüler verlieren, weil diese auch in der Ferienzeit gefordert und gefördert werden. Gladwells daraus resultierende Forderung: Abschaffung der langen Sommerferien für Kinder aus einkommensschwachen Familien.

"Potenzial nutzen" - immer wieder gebraucht Gladwell diesen Begriff. "Jede Gesellschaft", so sein Credo, "muss sich fragen, wie effizient sie darin ist, ihr Potenzial zu nutzen." Das sei keine amerikanische Frage, sondern gelte überall: "Schauen Sie sich die große türkische Community in Deutschland an - wie groß sind deren Möglichkeiten? Und was fängt Deutschland damit an?"

Gleiches gelte für die afroamerikanische Bevölkerung in den USA. Ob der neue Präsident Barack Obama daran etwas ändern könne? "Der arme Mann hat so viel zu tun", antwortet Gladwell, "er muss die Banken retten und zwei Kriege beenden. Aber ich bin sicher, dass er zumindest ein Bewusstsein für dieses Problem schaffen wird. Die USA haben endlich einen Präsidenten, der keine Angst hat, die amerikanische Gesellschaft zu kritisieren. Das ist schon sehr viel."

Gladwell hat "Überflieger" seiner Großmutter Daisy gewidmet, einer Jamaikanerin, die ihrer Tochter, Gladwells Mutter, ein Studium in London und damit Bildungschancen ermöglicht hat. Welche günstigen Umstände ihn denn noch zu einem erfolgreichen Menschen gemacht hätten? "Ich war", sagt Gladwell, "zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Ich bekam die Möglichkeit, eine Stelle bei der Washington Post anzutreten, obwohl ich noch nie journalistisch gearbeitet hatte. Und dort habe ich Praxis gesammelt, mehr als 10000 Stunden."

Noch einmal also: Gibt es sie wirklich nicht, die Genies? "Genie heißt, die Möglichkeiten, die man hat, zu erkennen und sie bis an ihr Maximum auszunutzen", erklärt Gladwell. Dann lacht er wieder sein jugendliches Lachen. Vielleicht hat er in diesem Augenblick auch über sich selbst gesprochen.

Datum:  29 | 1 | 2009
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