Aktuell: Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Türkei | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Panorama
Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft

18. September 2016

Glücksspiel: Zocken bis zur Sucht

 Von 
Ein Los gefällig? Mehr als eine Million Italiener gelten als spielsüchtig.  Foto: REUTERS

Mehr als eine Million Italiener gelten als spielsüchtig, das Glücksspiel floriert wie in kaum einem anderen Land. Weil der Staat gut daran verdient, unternimmt die Regierung wenig dagegen.

Drucken per Mail
Rom –  

Der Eingang zum Bingosaal Trastevere gleicht einem Zugang zur Unterwelt. Eine breite dunkle Rampe, dann Treppen, die in den Keller führen. Aus der Spätsommerhitze und dem Verkehrslärm Roms gelangt man in einen schummrig-kühlen Saal, wo an Dutzenden Kunstmarmortischen Frauen und Männer jeden Alters sitzen und nervös auf ihre Bingoscheine starren, während eine Frauenstimme monoton die Zahlen verliest. Allein in Italiens Hauptstadt gibt es 22 solcher Bingosäle, teils mit mehr als tausend Plätzen. Die Italiener gehören in Sachen Glücksspiel zu den Spitzenreitern, in Europa geben sie neben Finnen und Iren pro Kopf am meisten dafür aus. Weltweit steht das Land beim Zockerumsatz an fünfter Stelle. Das wird zunehmend zum sozialen Problem. Aber weil es dem Staat viel Geld einbringt, hat die Regierung von Premier Matteo Renzi bisher nichts unternommen.

Bingo wurde vermutlich im 16. Jahrhundert in Italien erfunden, das Lottospiel ebenfalls. Heute werden gleich drei Mal die Woche die Gewinnzahlen des SuperEnalotto gezogen. Hinter der Kasse jedes Tabakladens hängen zudem Girlanden bunter Lose, mit Marienkäfern und Goldmünzen verziert und mit so sinnigen Namen wie „Für immer Tourist“, „Mega-Milliardär“ oder „Nimm alles“.

Ein Fünftel aller Rubbellose weltweit werden in Italien gedruckt. Zusätzlich locken eine halbe Million Slot-Machines nicht nur in Spielsalons, sondern auch in Restaurants, Geschäften und den Cafébars, in denen man sich zum Frühstück und nach der Arbeit trifft. Ein Drittel aller Video-Lotterie-Terminals weltweit stehen in Italien und mit 400 verschiedenen Internetseiten boomen zudem die Onlinewetten.

Im Schnitt 650 Euro pro Jahr

Nach Schätzungen gibt jeder Italiener pro Jahr 650 Euro in der Hoffnung auf schnellen Geldsegen aus. Erstaunlicherweise hat die Spiel- und Wettleidenschaft trotz Wirtschaftskrise und hoher Arbeitslosigkeit enorm zugenommen. Seit der Jahrtausendwende ist der Umsatz der Branche um 350 Prozent gestiegen, vergangenes Jahr lag er bei 88 Milliarden Euro – vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Dem Observatorium für Onlinespiele zufolge floriert das Geschäft vor allem in Regionen mit den niedrigsten Einkommen und den höchsten Arbeitslosenzahlen. Zwei Drittel aller Spieler leben in Mittel- und Süditalien. „Viele wollen einfach der Realität entfliehen“, sagt der Psychiater Federico Tonioni, Suchtexperte der römischen Poliklinik Gemelli. Darauf setzt das gedämpfte Ambiente der Bingo- und Spielsalons. Und obwohl Jugendliche besonders geschützt werden sollen, geben laut einer Studie 42 Prozent der 15- bis 19-Jährigen zu, um Geld zu spielen, sieben Prozent sogar vier Mal die Woche und häufiger.

Für immer mehr Italiener wird die Leidenschaft zur Sucht. Mehr als eine Million Menschen sollen krankhaft abhängig sein, mindestens doppelt so viele gelten als gefährdet. „Und für jeden Spielsüchtigen müssen sieben weitere Personen mitleiden – Eltern, Geschwister, Kinder oder Freunde“, sagt der Psychologe Simone Feder, der in Padua Abhängige behandelt. Die Kosten für das staatliche Gesundheitssystem sind also hoch.

Viele Regionen und Gemeinden in Italien versuchen die Entwicklung zu bremsen, etwa mit Sperrzonen für Spielautomaten rund um Schulen oder festen Zeiten, in denen sie ausgeschaltet bleiben müssen. In Piemont zum Beispiel bekommen Geschäftsleute, die Slot-Machines verbannen, Steuernachlässe. Auch Premier Renzi hat kürzlich wieder einmal angekündigt, die Zahl der Automaten werde um 30 Prozent verringert, künftig sollten sie nur noch in Spielsalons erlaubt sein. Aber solche Maßnahmen waren schon mehrfach beschlossen und dann doch wieder nicht umgesetzt worden.

Denn der größte Spielabhängige ist letztlich der hoch verschuldete italienische Staat. Mit 8,8 Milliarden Euro flossen 2015 mehr als die Hälfte des Geldes, das die Italiener beim Glücksspiel verloren, als Steuereinnahmen in den Staatshaushalt. Die Mafia, so wird geschätzt, verdiente mit illegalen Glücksspielen in derselben Zeit sogar mehr als 20 Milliarden.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft.

Kalenderblatt 2016: 25. September

Tag für Tag finden Sie an dieser Stelle einen Rückblick auf Ereignisse, Anekdoten, Geburts- oder Sterbetage, die mit diesem Datum verbunden sind. Foto: dpa

Das aktuelle Kalenderblatt für den 25. September 2016: Mehr...

Kalenderblatt 2016: 24. September

Tag für Tag finden Sie an dieser Stelle einen Rückblick auf Ereignisse, Anekdoten, Geburts- oder Sterbetage, die mit diesem Datum verbunden sind. Foto: dpa

Das aktuelle Kalenderblatt für den 24. September 2016: Mehr...

Kalenderblatt 2016: 23. September

Tag für Tag finden Sie an dieser Stelle einen Rückblick auf Ereignisse, Anekdoten, Geburts- oder Sterbetage, die mit diesem Datum verbunden sind. Foto: dpa

Das aktuelle Kalenderblatt für den 23. September 2016: Mehr...

Kalenderblatt 2016: 22. September

Tag für Tag finden Sie an dieser Stelle einen Rückblick auf Ereignisse, Anekdoten, Geburts- oder Sterbetage, die mit diesem Datum verbunden sind. Foto: dpa

Das aktuelle Kalenderblatt für den 22. September 2016: Mehr...

Globetrotter weltweit

Welche Nation nicht ohne eigenes Handtuch verreist

Nur mit eigenem Handtuch an den Hotelpool? Für viele Chinesen ein Muss im Urlaub.

Für die einen ist es das Handtuch, für die anderen die Fotokamera: Jeder Mensch legt im Urlaub auf ganz bestimmte Ding wert. Oftmals hängt das auch von der Kultur ab. Eine neue Umfrage hat ermittelt, wie die Welt 2016 verreisen will. Mehr...

Videonachrichten Panorama

Anzeige

Videonachrichten Leute