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25. Februar 2016

Glyphosat: Wirbel um Pestizid in Bieren

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In deutschen Biersorten wurden erhöhte Rückstände des Pestizids Glyphosat nachwiesen.  Foto: dpa

Das Münchner Umweltinstitut hat Spuren des Pestizids Glyphosat in deutschen Bieren nachgewiesen. Das Pestizid ist höchst umstritten. Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema.

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Deutsches Bier darf nach dem Reinheitsgebot nur mit Hopfen, Malz, Wasser und auch Hefe gebraut werden. Damit ist eine Verunreinigung mit Pestiziden allerdings keineswegs ausgeschlossen, wie Laboruntersuchungen des Münchner Umweltinstituts zeigen. In sämtlichen Bierproben, die die Tester analysierten, wurden Rückstände des Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat gefunden. Die Substanz ist das weltweit am häufigsten verwendete Herbizid und steht im Verdacht, krebserregend und erbgutverändernd zu sein. Dessen ungeachtet wird die EU-Kommission die im Sommer auslaufende Zulassung von Glyphosat Anfang März aller Voraussicht nach um weitere 15 Jahre verlängern. Die wichtigsten Fragen zum Biertest und dem Pflanzenschutzmittel:

Wie wurden die Biere für den Test ausgesucht?
Das Umweltinstitut wählte für den Test das jeweils absatzstärkste Bier der 14 beliebtesten Biermarken Deutschlands aus. Entscheidend war dabei nicht die Größe der Brauerei, sondern die  verkaufte Menge der einzelnen Biersorten. Die Proben wurden zwischen Januar 2015 und Januar 2016 von Institutsmitarbeitern in Supermärkten gekauft. Es handelt sich also um zufällige Stichproben, aus denen keine generellen Aussagen über  Rückstandsbelastungen einzelner Biermarken abgeleitet werden können.

Mit welchen Methoden wurden die Biere untersucht?
Das Umweltinstitut bediente sich der ELISA-Methode, die als  genauestes Analyse-Instrument  überhaupt gilt. Mit ihr können selbst kleinste Glyphosat-Mengen bis zu einer Grenze von 0,075 Millionstel Gramm (Mikrogramm) pro Liter Flüssigkeit nachgewiesen werden. Zusätzlich untersuchten die Tester jene drei Biersorten mit den höchsten Rückstandswerten nach der weniger präzisen, aber häufig verwendeten LC-MS-Methode.  Die zuvor gefundenen Ergebnisse wurden dabei bestätigt.

Überschreiten die nachgewiesenen Glyphosat-Rückstände den Grenzwert?
Nein, weil ein Glyphosat-Grenzwert für Bier gar nicht existiert. Ja, weil der Grenzwert für Trinkwasser von 0,1 Mikrogramm Glyphosat pro Liter von allen 14 Bieren deutlich übertroffen wurde. Das Umweltinstitut stellte Rückstände fest, die um das vier - bis 300-fache über dem Trinkwassergrenzwert lagen.

Welche Biere wiesen die stärksten Verunreinigungen auf?
In Hasseröder Pils wurden 29,74 Mikrogramm Glyphosat nachgewiesen. Es folgen Jever Pils mit 23,04 Mikrogramm, Warsteiner Pils mit 20,73 Mikrogramm und Radeberger Pilsner mit 12,01 Mikrogramm. Im Mittelfeld liegen Veltins Pilsener (5,78), Oettinger Pils, 3,86, König Pilsener (3,35) Krombacher Pils (2,99) und Erdinger Weißbier (2,92). Rückstände unter einem Mikrogramm wiesen Paulaner Weißbier (0,66), Bitburger Pils (0,55), Becks Pils (0,5), Franziskaner Weißbier (0,49) und Augustiner Helles (0,46) auf.

Wie kommt das Glyphosat ins Bier?
Wahrscheinlich nicht über das verwendete Trinkwasser, denn dies kontrollieren die Brauereien genau auf Einhaltung der Grenzwerte. Insofern dürfte das Unkrautvernichtungsmittel über  die verwendeten Getreidesorten Gerste und Weizen sowie über den Hopfen ins Bier gelangt sein.

Wie gefährlich ist Glyphosat?
Das ist umstritten. Die Internationale Agentur für Krebsforschung  (IARC) der Weltgesundheitsorganisation WHO stufte die Substanz im vergangenen März als „wahrscheinlich krebserregend“ ein und schloss auch erbgutschädigende Wirkungen nicht aus. Demgegenüber bezeichnete das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) die von der IARC zitierten Studien als nicht aussagekräftig und verneinte Gesundheitsgefahren durch Glyphosat aus. Dem wiederum widersprach der renommierte Epidemiologe Eberhard Greiser. Das BfR habe 31 von 92 vorliegenden Studien zu erhöhten Krebsrisiken durch Glyphosat nicht berücksichtigt. Die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA kritiserte in ihrer Stellungnahme für die EU-Kommission lediglich, dass Glyphosat die Artenvielfalt beeinträchtige, bei ordnungsgemäßter Anwendung aber nicht die menschliche Gesundheit.

Wie verbreitet ist Glyphosat?
Weltweit werden jährlich 750 000 Tonnen der Substanz vorwiegend in der Landwirtschaft ausgebracht. In Deutschland waren es 2012 nach  Angaben des Umweltbundesamts knapp 6000 Tonnen. Eine Studie der Universität Göttingen ermittelte im gleichen Jahr die häufigsten Anwendungen in der deutschen Landwirtschaft. Danach wurden 87 Prozent der Anbauflächen für Winterraps mit Glyphosat behandelt. Für Hülsenfrüchte wie Linsen lag der Anteil bei 72 Prozent, für Wintergerste waren es 66 Prozent und für Sommergetreide 42 Prozent. Derzeit sind auf dem deutschen Markt 73 unterschiedliche Produkte zugelassen, die Glyphosat enthalten und auch in Parks und Privatgärten angewendet werden. Anbieter sind neben nordamerikanischen und fernöstlichen Unternehmen auch Bayer, BASF und der Schweizer Konzern Syngenta.

Sind Rückstände auch in anderen Lebensmitteln und im menschlichen Körper nachgewiesen worden?
Ja. Die Zeitschrift Ökotest ließ 2013 Mehl, Backwaren und Haferflocken auf Glyphosat-Rückstände untersuchen. In 14 von 20 Proben wurde das Labor fündig. In einer Stichprobe in 18 EU-Ländern stellte der BUND im gleichen Jahr bei etwa der Hälfte der städtischen Bevölkerung Glyphosat-Rückstände im Urin fest. In Deutschland lag die Quote sogar bei 70 Prozent. Allerdings war die Anzahl der getesteten Personen mit 181 zu gering, um zu repräsentativen Ergebnissen zu gelangen.

Wie beurteilt die Politik Glyphosat?
Die Grünen plädieren gegen eine Verlängerung des Zulassung durch die EU-Kommission und fordern weitere Untersuchungen zu möglichen Gesundheitsgefahren. Die SPD-Bundestagsfraktion verabschiedete Anfang der Woche ein Positionspapier, in dem ein Glyphosat-Verbot für die Anwendung in Privatgärten und öffentlichen Grünanlagen gefordert wird. Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt dagegen hält eine Zulassungsverlängerung von Glyphosat für unbedenklich. Am Donnerstag lehnte die Bundestag mit der Mehrheit von Union und SPD den Antrag der Grünen in namentlicher Abstimmung ab, die EU-Zulassung zu stoppen.

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