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25. Februar 2016

Glyphosatfund im Bier: Das Reinheitsgebot droht zur Farce zu werden

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Bierduschen wie hier für Bayerns Franck Ribery 2013 sind schon kaum ein Vergnügen. Mit Glyphosat aber noch viel weniger.  Foto: REUTERS

Der Glyphosatfund im Bier befeuert die Kritik an der Zulassung des Pestizids. Die Quelle aber für das Pflanzengift im Bier ist noch unklar: Trinkwasser schließen die Experten aus. Bleiben Hopfen und Malz.

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Zur Herstellung von Bier, das sagt das seit April 1516 hierzulande geltende Reinheitsgebot, dürfen nur Gerste, Hopfen und Wasser verwendet werden. Abgesehen davon, dass bei der Herstellung heute wenigstens theoretisch einige Zusatz- oder Verarbeitungshilfsstoffe zulässig sind – das Münchner Umweltinstitut hat bei einem Test von 14 bekannten Biermarken herausgefunden: Bier enthält offenbar immer auch Reste des Pflanzenschutzmittels Glyphosat. „Damit droht das deutsche Reinheitsgebot ausgerechnet in seinem 500. Jubiläumsjahr zur Farce zu werden“, meint die Biologin Sophia Guttenberger vom Umweltinstitut München. „Ein Stoff, der wahrscheinlich krebserregend ist, hat weder im Bier noch in unserem Körper etwas verloren.“

Die Mengen, die das Institut gefunden hat, klingen erstmal klein. Doch auffällig ist, dass jede der in Deutschland führenden Brauereien betroffen ist: Im Hasseröder Pils von Anheuser-Busch Inbev fanden sich 29,74 Mikrogramm Glyphosat je Liter, im Jever Pils der Radeberger Gruppe 23,04 Mikrogramm und – auf Platz drei – im Warsteiner Pils der Warsteiner Gruppe 20,73 Mikrogramm. Selbst das Umweltinstitut räumt ein: „In absoluten Zahlen sind die Mengen klein.“

Doch geben die Experten zu bedenken: Bei krebserregenden Stoffen, und das dürfte Glyphosat nach Ansicht der Weltgesundheitsorganisation WHO sein, „gibt es keine Untergrenze“, unterhalb derer der Verbraucher sich auf der sicheren Seite wähnen darf. Selbst kleinste Mengen könnten gesundheitsschädigend sein, heißt es aus München.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) reagierte mit ungewohntem Tempo. Kaum war am gestrigen frühen Morgen die Meldung auf dem Markt, da kam die Entwarnung aus Berlin: Selbst die höchsten bekannten Gehalte seien mit 30 Mikrogramm pro Liter so niedrig, dass die hieraus rechnerisch resultierende Aufnahmemenge bei einem Erwachsenen mehr als 1000-fach niedriger liegen würde als die derzeit als unbedenklich geltende Aufnahmemenge.

Anders gesagt: Aus Sicht des BfR müsste ein Erwachsener an einem Tag rund 1000 Maß Bier trinken, um gesundheitlich bedenkliche Mengen von Glyphosat aufzunehmen. Eines erwähnt das Bundesinstitut in seiner Reaktion auf das Gift im Bier allerdings nicht: Die vom Münchener Umweltinstitut gemessenen Glyphosatgehalte der Topmarken liegen 200 bis 300 Mal über dem Grenzwert, der für Trinkwasser gilt.

Hingegen, so stellt es das BfR als normal dar, seien die Funde aus „wissenschaftlicher Sicht plausibel und grundsätzlich erwartbar, da Glyphosat ein zugelassener Pflanzenschutzmittelwirkstoff ist und entsprechend den Höchstgehalten und gesetzlichen Vorgaben in Getreide vorkommen kann“.

Glyphosat steckt im Getreide und im Brot, Glyphosat findet sich auch im Urin, das haben in den letzten Monaten Untersuchungen wiederholt gezeigt. Die Meldung allerdings, wonach Glyphosat auch in der Muttermilch gefunden wurde, dementierte das BfR vor wenigen Tagen. Nach dem Stichproben, veranlasst von den Grünen im Bundestag, Spuren im Nanogrammbereich aufwiesen, hatte die Bundesbehörde eigene Messungen veranlasst, die negativ waren. Die Präsidentin des Umweltbundesamtes (UBA), Maria Krautzberger, mahnt dennoch weitere Untersuchungen an: „Wir müssen die Datenlage zur Belastung beim Menschen verbessern“, und zwar insbesondere bei Kindern. Zudem müsse Glyphosat mitsamt den anderen Stoffen bewertet werden, „die zugesetzt werden, damit es auf dem Acker überhaupt wirkt“.

Die Quelle aber für das Gift im Bier ist noch unklar: Trink-, also Brauwasser ist es nicht, das schließen die Experten aus, es wird zu oft kontrolliert. Bleiben Hopfen und Getreide, aus dem das Malz gewonnen wird. Der Deutsche Brauer-Bund verweist auf sein eigenes Monitoringsystem für Braumalz. Das zeige, so Sprecher Marc Oliver Huhnholz, „dass die gemessenen Werte stets deutlich unter den Höchstgrenzen liegen“. Der Brauer-Bund hält die vom Umweltinstitut verbreiteten Testergebnisse für „nicht nachvollziehbar und nicht glaubwürdig“.

Tatsächlich, das räumt Jurek Vengels, Verbraucherreferent beim Münchener Umweltinstitut ein, vertragen sich Malz und Glyphosat nicht gut. Würde Glyphosat etwa zur Abreifebeschleunigung kurz vor der Ernte versprüht, was in Deutschland ohnehin inzwischen stark limitiert ist, bestünde die Gefahr, dass das beim Mälzen nötige Keimen des Getreides beeinträchtigt wird.

Also dürften die Brauer schon von sich aus darauf drängen, möglichst saubere Rohstoffe zu bekommen, was auch für den Hopfen gilt. Doch womöglich hat die Kontrolle Lücken. Vermutlich, so Vengels, stammen die Glyphosatreste aus dem Boden von früheren Feldbehandlungen oder aus der Abdrift von anderen Feldern und gehen so ins Korn über. Der Deutsche Bauernverband hat noch eine andere Idee: Etwa die Hälfte der in Deutschland verarbeiteten Braugerste stammt gar nicht aus heimischen Anbau, sondern aus Importländern, in „denen weniger strenge Anwendungsbestimmungen für diesen Wirkstoff gelten“.

Dass das BfR offenbar etwas nervös auf die Verlautbarungen reagierte, hängt mit dem seit Jahren anhängigen Wiedergenehmigungsverfahren für den Unkrautkiller zusammen. Die Zulassung für Glyphosat in der EU läuft Ende Juni aus. Bei der Neubewertung spielt das BfR eine führende Rolle. Denn Deutschland ist EU-Berichterstatter für die Neubewertung des Stoffs, und damit verlassen sich die deutschen und die Behörden der anderen EU-Staaten auf die Bewertungen des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) sowie des Bundesinstituts für Risikobewertung. Beiden Häusern oblag es, Empfehlungen für die EU auszusprechen. Beide hatten sich positiv zur Verlängerung geäußert.

Die EU-Kommission wird über die Verlängerung der Zulassung sofort befinden, wenn am 8. März im Ständigen EU-Ausschuss für Pflanzen, Tiere, Lebensmittel und Futtermittel, in den die Mitgliedsstaaten ihre Experten entsenden, darüber beraten worden ist. Die der FR vorliegende Expertise für diese Sitzung zeigt, dass Glyphosat ungeachtet der international erhobenen Bedenken einen Freibrief erhalten wird. Das Erstaunliche: Die Genehmigung soll nicht nur für wie üblich zehn, sondern gleich für 15 Jahre erteilt werden.

Unklar bleibt bisher, wie sich Deutschland in dem Ausschuss verhält. Drängt die SPD auf Enthaltung oder beugt sie sich der Koalitionsräson, womit auch Deutschland der Verlängerung zustimmt? Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) hat erst kürzlich klar gemacht: Glyphosat dürfe in Deutschland nur dann weiter eingesetzt werden, wenn die Risiken solcher Pflanzenschutzmittel „auf ein vertretbares Maß sinken“. Der Bundestag indes sprach sich am Donnerstag für eine baldige Neuzulassung des Stoffes aus. Bei einer namentlichen Abstimmung stimmten 446 Abgeordnete gegen den Antrag der Grünen-Fraktion, die eine „voreilige“ Neuzulassung von Glyphosat durch die EU-Kommission stoppen wollte.

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Skeptisch sind nicht nur die Grünen, sondern auch Teile der Bauernschaft. Die konservative Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) hat Bauern immer wieder vor einer gedankenlosen Anwendung des Gifts gewarnt. Denn Glyphosat wird neben der Vorerntebehandlung hauptsächlich im Herbst verwendet, um die Äcker von störendem Unkraut zu befreien. Diese Anwendung aber sollten Landwirte „auf das notwendige Maß beschränken“. So riet die DLG: „Mehr guten Ackerbau, bitte!“

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