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24. September 2012

Gorillas im Kongo: Opfer eines vergessenen Krieges

Nur noch rund 750 Gorillas gibt es im Kongo.  Foto: dapd

Sein gefährlichster Feind ist der Mensch: Er kämpft nicht nur mit hinterhältigen Waffen - er fackelt auch den Lebensraum der Gorillas ab, um Holzkohle zu erhalten. Das Buch „Der Gorilla“ beschreibt die bedrohliche Lage der Menschenaffen im Osten der Demokratischen Republik Kongo.

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Patrick Schirmer Sastre –  

Im Jahr 2007 gehen die Bilder, die der Fotograf Brent Stirton im US-amerikanischen Nachrichtenmagazin Newsweek veröffentlicht, um die Welt. Vier Berggorillas liegen auf hölzernen Bahren. Sie sind erschossen worden, eine Racheaktion. Als Täter gelten Mitglieder der Holzkohlemafia, die sich von den Rangern des Virunga-Nationalparks im Osten der Demokratischen Republik Kongo in ihren Machenschaften bedroht fühlen. Die Gorillas, diese in jeder Hinsicht wertvollen Tiere, müssen dafür bezahlen.

Wirklich besser ist die Situation für die Gorillas seitdem nicht geworden. Zwar sind die Ausschreitungen nach den letzten Präsidentschaftswahlen im November 2011 nicht so eskaliert, wie befürchtet. Doch im Osten des Landes, an den Grenzen zu Ruanda und Uganda, sind wieder Rebellengruppen in den Kampf gegen die Regierung von Joseph Kabila getreten. Auch dieser Krieg wird zumindest zum Teil durch den Verkauf von illegaler Holzkohle finanziert. Das Abbrennen weiter Waldflächen gefährdet den Lebensraum der Berggorillas.

Die bedrohliche Situation der Menschenaffen beschreibt der Wissenschaftsjournalist Sebastian Jutzi nun in einem Buch. „Der Gorilla“ ist ein sogenannter dokumentarischer Thriller, der historisches, geologisches und geografisches Wissen mit halbfiktiven Elementen verbindet. Im Mittelpunkt steht die real existierende Gorillagruppe, die von Silberrücken Kabirizi angeführt wird. Jutzi beschreibt das alltägliche Leben der Menschenaffen. Diese Passagen sind eine Gratwanderung, das weiß auch der Autor: „Man muss immer aufpassen, dass man diese Tiere nicht vermenschlicht. Auch wenn sie nahe mit uns verwandt sind.“

Neben Bürgerkrieg und illegaler Köhlerei sind Wilderer eine Gefahr für die Gorillas. Zwar wird Gorillafleisch in der Region um den Nationalpark nicht gegessen, doch anderes Buschfleisch wie etwa das der Antilopen ist sehr begehrt. Die Wilderer legen Hunderte Drahtschlingen aus. In ihnen verfangen sich bisweilen auch die Menschenaffen. Werden sie nicht rechtzeitig gefunden und befreit, verenden sie qualvoll.

Die Tiere vor den Gefahren zu schützen, ist Aufgabe der Ranger im Virunga-Nationalpark. Sie tun dies mit Hilfe internationaler Naturschutz-Organisationen wie der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt. Deren Leiter der Afrikaprojekte, der Brite Robert Muir, war lange Zeit der Vertreter der Organisation im Kongo. In „Der Gorilla“ wird auch seine Geschichte erzählt. Von seinen Versuchen, die Köhlerei mit Hilfe von strategisch positionierten Straßenkontrollen zu unterbinden, wird berichtet. Den Bemühungen, die immer wieder vom kongolesischen Militär und von anderen Interessengruppen torpediert werden – mit Drohungen, Hinterhalten und grausamen Racheaktionen wie im Juli 2007.

Eindringlich beschreibt Jutzi auch die grausamen Taten, die durch marodierende Banden in der Region an den Einwohnern, den Rangern und deren Familien begangen werden. Es sind Zeugnisse eines Konflikts, der kaum Beachtung in der Welt findet. Für Jutzi eine komplizierte Thematik. Es sei wichtig, darüber zu reden, andererseits dürfe man nicht in das weit verbreitete, verzerrte Afrikabild entgleiten. „Entweder es ist der Kontinent der Tiere oder es ist der Kontinent der Katastrophen, der Hungersnöte und der Bürgerkriege. So ist es eben auch nicht.“ Nicht nur zumindest.

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Sebastian Jutzi sagt, er werde oft gefragt, ob man angesichts der Grausamkeiten überhaupt über ein vergleichsweise unbedeutendes Thema wie Gorillas schreiben könne. „Wenn die Gorillas dafür gut sind, auch mal ein bisschen Aufmerksamkeit auf den Konflikt zu lenken, dann ist das nur gut so“, sagt er dann immer.

Trotz aller Gefahren, scheint sich seit 2008 die Zahl der Berggorillas bei etwa 750 bis 800 Tieren stabilisiert zu haben. Die Kriegswirren der letzten Monate machen eine genaue Untersuchung zwar unmöglich. Jedoch zeigten sich bei den letzten, sporadischen Besuchen der Ranger bei den Tieren keine größeren Verluste. Und es gebe weiteren Grund zur Hoffnung, sagt Jutzi. Immer mehr setze sich die Erkenntnis vom Wert dieser einzigartigen Tiere durch. Sie sind ein Weltnaturerbe, mit dem man auch viel Geld verdienen kann. Etwa 500 Euro pro Person kostet eine Wanderung zu den Gorillas für Touristen. Im benachbarten Ruanda sind die Touren sogar noch teurer. Wenn es gelingen könnte, die Region zu befrieden, wäre der Tourismus eine durchaus lukrative Option.

Großen Respekt zollt Sebastian Jutzi den Rangern, die für ein geringes Gehalt größte Risiken auf sich nehmen, um die Tiere zu beschützen. 50 Dollar verdienen sie im Monat, etwas weniger als der kongolesische Mindestlohn vorschreibt. Und das Gehalt wird auch nur sporadisch ausgezahlt. Denn die vom Westen finanzierten Naturschutzorganisationen leisten zwar wichtige finanzielle und logistische Hilfe. Aber das Engagement, sich um die natürlichen Reichtümer des Landes zu kümmern, geht von den Kongolesen selbst aus. Und kaum jemand wird Ranger, wenn er nicht dahinter steht. Dafür gibt es dann doch besser bezahlte Jobs in der Gegend, selbst wenn diese illegal sind.

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