Der Selbstversuch
Ich war immer mies in Kunst. In der Schule bekam ich meist eine 3- für meine Werke, das war, an den Maßstäben meines Lehrers gemessen, geradezu vernichtend. Ich war eben ein Kulturbanause. Und jetzt will ich mich selbst porträtieren. In einem mehrere Hundert Meter großen Werk.
Der Pinsel soll ein GPS-Empfänger sein, den mir die Firma Garmin zur Verfügung stellt. Aber zunächst brauche ich die Hilfe einer anderen Firma: Google. Ich mache einen Screenshot der Google Map von Frankfurts Innenstadt. Mit Photoshop lege ich über diesen Screenshot ein Bild von mir. Diese zweite Ebene mache ich transparent, dafür gibt es im Bildbearbeitungsprogramm eine Funktion, mit der man die Deckkraft eines Fotos verringern kann.
Anschließend zeichne ich mit dem Photoshop-Buntstift die markanten Linien des Fotos nach. Das ist die dritte Ebene. Die zweite - das Foto - blende ich anschließend aus. Was übrig bleibt, sind die Linien, die ich nun mit dem Fahrrad abfahren will. Von der Alten Brücke zur Konstablerwache, die Bleichstraße entlang bis zum Eschenheimer Tor, von dort zur Hauptwache und zum Abschluss von der Paulskirche in Richtung Mainufer. Mit gelegentlichen Abstechern in die Nebenstraßen, um Details wie Mund und Nase zu "zeichnen". Der GPS-Empfänger soll dabei protokollieren, inwiefern mir das gelingt.
Als ich losfahre, regnet es bereits ein wenig, aber ich will ja kein Schönwetterkünstler sein. Was jetzt zählt, ist Orientierung. Der Anfang - mein Hinterkopf - ist leicht. Aber um im Anschluss die Augenpartie anzudeuten, muss ich in einige Seitenstraßen hinein und gleich wieder hinaus. Orientierung? Wird schwieriger. Immer wieder bleibe ich stehen, um mich mit dem Stadtplan zu orientieren. Ein paar rauchende Sicherheitsleute vor Karstadt schauen mir interessiert dabei zu - sagen tun sie aber nichts.
An der Hauptwache müsste ich Nase und Mund erfahren. Nicht ganz einfach, bei so vielen Häusern. Mehrfach muss ich anhalten, den Stadtplan herausholen und abgleichen, ob ich von der geplanten Route abgekommen bin.
Ich lande am Willy-Brandt-Platz. Da will ich eigentlich gar nicht hin. Ich drehe die Karte hin und her und sehe vermutlich ziemlich ratlos und verloren aus. Das bleibt nicht ohne Wirkung. Ein Mann bleibt vor mir stehen. Er deutet auf meinen Hinterreifen und sagt: "Sie haben da nen Platten." Dann geht er weiter.
Ich entschließe mich, nicht über hilfsbereite Passanten zu grübeln, sondern fahre in Richtung Paulskirche und biege ab zum Mainufer. Dort beende ich die Aufzeichnung des GPS-Geräts und schaue mir das Ergebnis an: Meine Mundpartie liegt außerhalb des Gesichts. Ich muss an der Hauptwache falsch abgebogen sein. Und auch beim Bart habe ich nicht ganz den vorgesehenen Weg genommen und mir so ein Michael-Schumacher-Kinn verpasst. Ansonsten hat das Bild entfernte Ähnlichkeit mit einem Gesicht. Ich nenne es "Selbstporträt des Künstlers als Klingone nach einem Verkehrsunfall". Es sieht ungefähr so aus wie das, was ich in der Schule immer gemalt habe. Für eine 3- hätte es gereicht.
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