Man sollte meinen der plötzliche Tod von einer, die den Beinamen „The Voice“ trägt, würde die Gala des wichtigsten US-Musikpreises überschatten. Zumal Whitney Houston am Samstag auf der Pre-Grammy-Party des einstigen Plattenmoguls Clive Davis im Beverly Hilton Hotel hätte auftreten sollen. Zwei Stunden vor deren Beginn wurde der Tod der 48-jährigen Sängerin bekannt.
Doch relativ ungeachtet der großen Anteilnahme, die diese Nachricht weltweit auslöste, ließen sich die Macher der 54.Grammy-Gala kaum aus dem Konzept bringen. Nachdem Bruce Springsteen den Abend mit der Achtzigerrock-Gedenknummer „We Take Care Of Our Own“ von seinem neuen Album eröffnet hatte, trat der Gastgeber, Rapper LL Cool J, im Staples Center in Los Angeles vor das Publikum und gedachte der verstorbenen Sängerin mit einem kurzen Gebet. Von einem Zettel las er ab, dass die Musikfamilie eine Schwester verloren habe, dass man nun mit den Gedanken bei der Angehörigen sei und Whitney Houston nie vergessen werde. Amen.
In dem folgenden Einspieler sah man die sechsfache Grammy-Gewinnerin zu ihrer Hochphase: In einem weißen Kleid sang sie noch einmal ihr unnachahmliches „I Will Always Love You“ und das Publikum im Saal, zur Hälfte in Schwarz gekleidet, applaudierte im Stehen. Dann sollte die Show starten. Dreieinhalb Stunden Fernsehübertragung wollen auch zukünftig werbeunterstützt sein.
Die meisten Grammys gingen an Adele - sie räumte gleich in sechs Kategorien ab. Ein Überblick:
Platte des Jahres: „Rolling in the Deep“, Adele
Album des Jahres: „21“, Adele
Song des Jahres: „Rolling in the Deep“, Adele
Bester neuer Künstler: Bon Iver
Beste Vorstellung einer Gruppe: „Body And Soul“, Bennett & Winehouse
Bestes Instrumental-Album: „The Road From Memphis“, Booker T. Jones
Bestes Vocal-Album: „21“, Adele
Beste Dance-Aufnahme: „Scary Monsters And Nice Sprites“, Skrillex
Bestes Rock-Album: „Wasting Light“, Foo Fighters
Bestes R & B-Album: „F.A.M.E.“, Chris Brown
Bestes Rap-Album: „My Beautiful Dark Twisted Fantasy“, Kanye West
Während die Tragödie immer mehr in den Hintergrund rückte, nahm der Triumphzug von Adele seinen Lauf. Für sechs Grammys war sie nominiert – und sechs Mal musste die 23-jährige Britin die Showtreppe hinaufsteigen, um goldene Grammophone in Empfang zu nehmen. Ihr Lied „Rolling In The Deep“ wurde zum besten Song, der besten Aufnahme und als bestes Video des Jahres gekürt. Das Stück „Someone Like You“ ist als beste Sololeistung ausgezeichnet worden und Adeles Album „21“ wurde zur besten Pop-Platte und schließlich auch zum Album des Jahres erklärt – die Königsdisziplin.
Da verschlug es selbst einer wie Adele, die sonst eher mit ihrer lässig robusten Art besticht, die Sprache. „Oh! Oh! Oh!“ Mehr brachte sie anfangs mit tränenerstickter Stimme kaum hervor. Und während sie halb weinte halb lachte, dankte sie dem Produzenten Rick Rubin, ihrer Plattenfirma Columbia Records, vielen anderen und einer besonderen Person: „Mom, gold is good!“ Gold ist gut und die Mama offenbar auch.
Triumph einer Unangepassten
In Adeles Heimat Großbritannien hat „21“ bereits alle Rekorde gebrochen. Dort ist es mit mehr als 3,5 Millionen verkaufter Exemplare das bisher meistverkaufte Album des 21. Jahrhunderts. Auch im Retrosoul-affinen Deutschland war es das erfolgreichste Album des vergangenen Jahres. Doch nun hat die Britin – und das passiert nicht alle Tage – auch die Vereinigten Staaten erobert. Seit bereits 18 Wochen steht das Album auf Platz eins der US-Charts.
Der Siegeszug einer Unangepassten, die so gar nicht in das Format von künstlicher Körperoptimierung passt, wie sie sonst als Diktat für Massenphänomene in der Musikbranche gilt.
Adele brachte selbst diejenigen zum Schweigen, die nach der Operation ihrer Stimmbänder im November 2011 zynisch das „dünne Stimmchen“ der Britin beklagten oder ihr den erneuten Zigarettenkonsum vorwarfen. Wie um der Welt zu zeigen, dass sie kraftvoller denn je ist, begann sie ihren ersten Auftritt nach fünf Monaten mit einer A-capella-Strophe von „Rolling In The Deep“, bevor das Orchester sanft hinzukommen durfte. Adele sang mit einer Wucht, die das Publikum aus ihren Sitzen trieb und mit mal kindlichen, mal triumphierenden Blicken genoss die 23-Jährige die minutenlangen Ovationen.
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