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30. Juni 2015

Grenze USA-Mexiko: US-Grenzschützer schießen schnell

 Von Lennart Laberenz
Demonstranten marschieren zum US-Konsulat in Hermosillo (Mexiko) und erinnern mit selbstgemachten Kreuzen an den gewaltsamen Tod von José Antonio Elena Rodriguez.  Foto: REUTERS

In den USA hat sich für Ordnungshüter eine Kultur der Straflosigkeit entwickelt. An der Grenze zu Mexiko schießen Gesetzeshüter besonders schnell. Und werden fast nie belangt.

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Emergencias Medicas. Das Schild an dem niedrigen, schmutzigweißen Haus leuchtet schon lange nicht mehr, auch nicht am Abend des 10. Oktober 2012. Medizinische Notfälle steht da, darunter eine Telefonnummer, das Schild ragt in die Calle Internacional, wo sie die Ingenieros kreuzt. Línea nennen sie die Straße in Nogales/Sonora, wegen der Buslinien, die sich hier treffen. Weiter vorn, am Grenzübergang nach Arizona ist Endstation. Müll liegt herum, Parkplätze, Durchgangsverkehr: Der medizinische Notfall muss ungewöhnlich sein, um ihn hier behandeln zu lassen.

Der Oktoberabend ist noch warm, auch um kurz nach elf: José Antonio Elena Rodríguez wird nicht auf das Schild geachtet haben, er ist allein, seinen Bruder Diego hat er verpasst. Nach Hause sind es noch ein paar Blocks. Vier Brüder leben bei der Großmutter oben auf dem Hügel, in der Pierson. Grobes Kopfsteinpflaster führt steil rechts von der Ingenieros hinauf. Gleich das zweite Haus oben ist das von Taide Elena, ein bescheidener Bau, in den Hügel gegraben, die Einfahrt muss man fast hinaufklettern. Dafür hat die aufgesetzte Etage einen weiten Blick über die Hügel von Sonora. Diego, zweieinhalb Jahre älter, hat nicht auf seinen jüngsten Bruder gewartet. Also nach Hause, hinter den Emergencias Medicas links rein.

Dies ist die Geschichte eines Ortes, einer Grenze und eines Sechzehnjährigen: Nogales ist eine geteilte Stadt zwischen Sonora und Arizona, hier reiben sich Gegensätze oft mit roher Gewalt aneinander, große Unternehmen aus den USA freuen sich über extrem niedrige Löhne in Mexiko, es gibt Drogenkartelle, Schmuggler, Schleuser. Dazwischen wuseln viele, die ihr Glück suchen. Und es gibt ein gewaltiges Heer, das einen Namen trägt, der auf den ersten Blick nicht viel verrät: Customs and Border Control, CBP. In den USA töten und verletzen CBP-Beamte fast so viele Menschen wie die Polizei – es scheint kaum jemanden zu stören.

Wer in den USA im Winter eine Tomate isst, oder in einen Apfel beißt, tut das mit hoher Wahrscheinlichkeit, weil Tomate und Apfel in Mexiko geerntet und in Nogales abgefertigt wurden. Auch die meisten Kokstütchen wurden hier über die Grenze gebracht – im Moment finden sich in Arizona mehr als die Hälfte aller illegalen Drogen, die ins Land kommen. Nirgends wird mehr Gold und Kupfer gefördert als in Sonora. Man kann sagen, dass in der Region viel Reichtum erwirtschaftet und durch Nogales geschleust wird. Hängen bleibt davon beinahe nichts. Je näher man zur Grenze kommt, desto öfter sieht man Armut.

Durchgangsstationen

Grenzstädte wie Nogales wachsen nicht langsam und geplant, sie sind Durchgangsstationen, kurzatmig, improvisiert. Menschen siedeln sich über Nacht an, bauen, verschwinden. Die meisten blicken nach Norden. Einkaufsstraßen sind verbaut, dubiose Zahnarztkliniken und Apotheken drängen sich neben Geschäfte mit gefälschten Turnschuhen und echte Garküchen. Hinter dem Haus von Taide Elena führt die Pierson weiter durch eine Kuhle, Häuser sind fensterlos und leer, es geht hinauf zur schlichten Kirche der Heiligen Fatima. Hinten raus blickt eine Terrasse ins schmale Tal, darunter ist ein Betonplatz in den Hang gekerbt: José Antonio spielt hier gerne Basketball mit seinen Brüdern, sie grinsen Mädchen nach. Jetzt stehen da ein paar Jungs, schauen finster: Sie halten die Hände fest in den Taschen, haben Narben im Gesicht und an den Schläfen. Fragen auf Englisch, fragen nach dem Wie und Warum, wollen selbst nicht gefragt werden, fallen ins Spanische zurück, schnappen: „Das bekommt dir nicht.“ Dabei haben sich die Dinge geändert: Früher kamen Fremde kaum den Aufstieg zu Doña Taides Haus hinauf, sie wurden meistens schon auf Höhe der Ingenieros überfallen.

„Ich kenne eigentlich niemanden aus der Nachbarschaft“, erzählt Doña Taide, vor 65 Jahren im Bundesstaat Jalisco geboren, die kurzen Haare hat sie rot gefärbt. Mit sieben wurde sie Waise, brauchte Arbeit, ging nach Norden, fast 50 Jahre lebt sie schon in Nogales, arbeitete auf der mexikanischen Seite, dann in Arizona. In der Pierson ist sie zu Hause. Nogales ist nicht schön, aber wenn man an Grenzstädte wie Tijuana und Juárez denkt, auch nicht besonders hässlich: In Juárez wurden 2011 mindestens 9000 Menschen erschossen. Auch in Nogales gibt es Gewalt, es gibt Korruption, es gibt Drogen. Im Vergleich ist es harmlos, da mögen die Jungs noch so böse gucken.

Taide Elena trauert um ihren 16-jährigen Enkelsohn, der auf dem Heimweg willkürlich erschossen wurde.  Foto: Lennart Laberenz

Der Grenzzaun läuft parallel zur Línea, acht Meter hoch. Er zieht steil hinauf auf einen Felsvorsprung. José Antonio wird nicht auf ihn geachtet haben, so wenig wie auf das gelbe Schild mit der Telefonnummer. Er ist oben im Haus von Doña Taide geboren, fast mit Blick auf die Grenze. Der Zaun ist Normalität. Die Grenze ist befestigt und gesichert, überwacht und beleuchtet – dennoch wirkt sie durchlässig: Sie besteht aus Stahlstäben, etwa zwanzig Zentimeter breit, obenauf flache Stahlplatten, damit, wer es bis hierher geschafft hat, sich nirgends festhalten kann. Spaltbreit kann man hindurch sehen, man könnte sich die Hand geben. Und man kann die Grenzschützer erkennen: Viele wurden vom Militär abgewiesen, mehr als ein Drittel von ihnen sind Veteranen, mit Einsätzen in Afghanistan und dem Irak. Jetzt sitzen sie in einem Geländewagen, starren auf den Zaun – zehn, zwölf Stunden lang, dann werden sie abgelöst.

„Wir haben uns an dieses Monstrum gewöhnt“, sagt Terésa Leal, Anthropologin, genauso alt wie Taide Elena. Sie lebt auf der mexikanischen Seite und kümmert sich um die Dinge im kleinen Heimatmuseum in Nogales/Arizona. Keine hundert Meter vom Museum schneidet die Grenze durch die Hügel wie eine gewaltige Narbe, vernäht mit rostigem Stahl. Sie ist Teil der Persönlichkeit derer geworden, die hier leben: „Diese absurde Konstruktion, die ein paar Typen ermächtigt jeden Tag nach meinem Ausweis zu fragen, die sehen wir längst nicht mehr“, sagt Terésa Leal. Ihre Familiengeschichte ist randvoll mit politischen Aktivisten, gerade telefoniert sie mit einer Bekannten, die sich um einen Einwanderer kümmert. Der soll abgeschoben werden. Erst einmal hat ihn die Grenzpolizei verprügelt. Auch das macht der Zaun: Er nimmt Menschen ihren Wert.

José Antonio ist ein aufgeweckter, lustiger Junge, dabei hat er mit 13 Jahren seinen Vater verloren. Taide Elenas Sohn stirbt an Krebs, da hatte er sich längst von der Mutter der Jungen getrennt. Araceli hat weiter im Süden Arbeit gefunden, zwölf Stunden fährt sie mit dem Bus, um ihre Jungs alle paar Wochen zu besuchen. Also ist die Großmutter auch wieder Mutter. Auf der US-Seite beaufsichtigt sie Kinder von anderen Familien, räumt, fegt, putzt, kommt in die Pierson, wann immer sie frei hat. Auf José Antonio kann sie sich verlassen, nicht einmal zu spät nach Hause kommt er.

Niemand aus der Familie Taide-Rodríguez war beim Militär, Diego war überrascht und Doña Taide zuckt es durch den Körper, sie wirft die Hände von sich – plötzlich hatte José Antonio diese fixe Idee: Er wollte Soldat werden. „Soldat“, sagt sie, ein einzelnes Wort, eine absurde Idee. Das mexikanische Militär ist bekannt für Korruption, Ineffizienz und Schinderei. Der Gedanke, dass ihr Enkel das Töten lernt, ist ihr zuwider. Aber er muss dafür die Regelschule beenden, also denkt sie: Schaden tut das nicht, er hat noch Zeit. Vielleicht ist das eine Chance.

In Orten wie Nogales ist ein Job bei der Polizei, den Grenzschützern, oder dem Militär eine der wenigen Möglichkeiten ein geregeltes Einkommen zu beziehen. Das gilt auf beiden Seiten des Zauns. In den USA sind Agenten der Grenzarmee oder des Zolls sogar krankenversichert. Grenzschützer wohnen in extra angelegten Wohnvierteln, Gated Communities, mitten in der Wüste. Weit weg von Nogales. Taide Elena versteht, dass ihren Enkel die Unordnung nervt, der Dreck, die Gewalt, die Gangs draußen auf der Pierson. José Antonio will die Dinge ändern. Als Soldat? „Er hat mich auf die Wange geküsst und gelacht, Mütterchen, nicht alle Soldaten sind gleich: Es gibt auch gute.“

Und José Antonio ist noch ein halbes Kind, er freut sich unbändig, dass bald sein Traum in Erfüllung gehen wird: Im Frühjahr will ihm Doña Taide Guadelajara zeigen, die Hauptstadt von Jalisco. José Antonio ist aufgeregt – sie werden mit dem Flugzeug reisen: Er träumt vom Fliegen. Ständig fragt er wie das ist, wenn man abhebt, wie die Wolken von oben aussehen.

Ein Report der US-Polizei vom 10. Oktober 2012, 23.16 Uhr, notiert „verdächtige Aktivitäten“ an der Grenze. Ein Streifenpolizist sieht zwei „Verdächtige“ mit Camouflage-Hosen, sie springen über den Zaun, längliche Pakete auf dem Rücken. Gängige Praxis der Drogen-Schmuggler. Der Polizist fordert Verstärkung an, verfolgt und verliert sie im Gestrüpp. Über Funk hört er, dass jemand Steine von der mexikanischen Seite herüberwirft. Ein zweiter Polizeibeamter versucht mit seinem Polizeihund zwei „verdächtige Subjekte“ daran zu hindern, über den Zaun zu klettern. Ein Kletterer trägt ein weißes Hemd, der andere ein blaues.

Bereits unter Bill Clinton verschärfte die USA die Überwachung an der Grenze. Seitdem werden Ortschaften und leicht erreichbare Gebiete scharf gesichert und der Strom der Flüchtlinge in eine tödliche Falle geleitet: die Wüste. Nach dem 11. September 2001 wurden über 100 Milliarden Dollar in technische Infrastruktur wie Wärmesensoren und Überwachungskameras investiert. In zwanzig Jahren hat sich die Zahl der Grenzschützer auf mittlerweile 21 000 Mann vervierfacht, sie haben mehr Flugapparate zur Verfügung als die brasilianische Luftwaffe.

Aus den Geländewagen starren die Beamten weiter auf den Zaun. Mit Zöllnern wollen sie wenig zu tun haben – die Truppe steht für sich, sie hat ein militärisches Training, eine straffe Befehlskette. In Washington nennt man sie „das grüne Monster“. Der Tucson Sektor, zu dem auch der Grenzübergang Nogales gehört, hat die höchsten Zahlen von Flüchtlingen, die der CBP in die Arme laufen. Und die höchste Zahl der Deportationen. 2013 und 2014 fand man in der Wüste von Arizona über 750 Leichen.

Emergencias Medicas steht auf dem gelben Schild an der Straßenecke, an der José Antonio starb.  Foto: Lennart Laberenz

Der erste Schuss trifft José Antonio, sechzehn Jahre und auf dem Weg nach Hause, gegen zwanzig nach elf unter dem rechten Ohr, auf der Höhe von 161 Zentimetern. Der untersuchende Amtsarzt Absalón Madrigal Godínez kann sie knapp unter der Haut auf der Höhe von 174 Zentimetern im Schädelknochen fühlen. Die Schussbahn, vermerkt er im Obduktionsbericht, führe „von rechts nach links und von unten nach oben“. Eine zweite Kugel trifft José Antonio etwas tiefer, am Haaransatz des Nackens, zerreißt das weiche Muskelgewebe: Die Kugel tritt aus der linken Wange aus, Schusslinie von hinten nach vorn, von rechts nach links. Der Amtsarzt findet acht weitere Einschüsse, sieben in den Rücken, einen im Arm, Verletzungen durch Streifschüsse und Splitter: Die ersten beiden Schüsse treffen ihn rasch nacheinander, José Antonio fällt vornüber, auf dem Boden treffen ihn die anderen Kugeln in den Rücken, zerreißen seine Lungenflügel: Er fällt fast unter das Schild, Emergencias Medicas.

Ein kriminaltechnischer Report für die mexikanische Staatsanwaltschaft stellt fest, dass José Antonio aus einiger Entfernung erschossen wurde. Im schmutzigweißen Putz stecken weitere Kugeln. Ballistiker vermerken, dass sie zu Pistolen gehören, die Militär und Grenzschutzbeamte benutzen. Auf der Seite der USA, notieren Kriminaltechniker, etwa dreiundzwanzig Meter entfernt, stehen US-Grenzer.

Als die Techniker zum Zaun gehen, finden sie auf amerikanischer Seite 14 goldene Patronenhülsen. Der Schütze muss unmittelbar hinter dem Zaun gekniet oder gekauert haben. Winkel und Streuung der Kugeln lassen darauf schließen, dass die Schüsse einzig José Antonio, sechzehn, vier Blocks von zu Hause, galten. Auch jene Kugeln, die ihn trafen, als er auf dem Boden lag. Man kann zusammenfassen: José Antonio Elena Rodríguez, graues Hemd, blaue Jeans, graue Turnschuhe, hatte keine Chance.

Grenzschützer werden häufig mit Steinen beworfen. Sie sehen darin eine Taktik, ihre Arbeit zu behindern. Manche sehen darin auch eine Beleidigung ihrer Autorität. Man kann sich mit Art del Cueto treffen, seit zwölf Jahren ist er bei der CBP, er ist Präsident ihrer Gewerkschaft in Arizona. Del Cueto, baskische Eltern, trainiert, Glatze, hat am Wochenende einen Kollegen im Krankenhaus besucht, 25 Stiche, Jochbeinbruch: Steinwurf. „Es ist eine Entscheidung, die du in einem Bruchteil der Sekunde treffen musst. Ist dein Leben in Gefahr, ziehst du die Waffe.“ Del Cueto erzählt von steigender Gewalt gegen Uniformierte, die Medien würden einseitig berichten.

Im Frühjahr 2013 untersuchte das Police Executive Research Forum 67 Fälle von Schusswaffengebrauch der CBP und bemängelt scharf, dass Grenzschützer häufig und zu schnell schössen, ohne „objektive Angemessenheit“. Beamte würden sich in den Weg von fahrenden Autos stellen und mit Schüssen reagieren, wenn der Wagen nicht sofort anhielte. Steinwürfe würden generell mit scharfem Feuer beantwortet. „Steine können töten“, sagt Del Cueto, in einem „wichtigen Buch“ habe er dafür ein historisches Vorbild gefunden: „Goliath“.

Seit 2004 wurden mindestens 46 Menschen von Grenzschützern der USA erschossen. In etlichen Fällen stehen die Aussagen der Beamten, sie seien von Drogenschmugglern mit Steinen beworfen worden, im Widerspruch zu dem, was sich forensisch feststellen ließ: Die Kugeln trafen die Opfer in den Rücken. Mindestens sechs Personen waren noch in Mexiko.

Es gibt ein Youtube-Video, in dem man sehen kann, wie Guillermo Arévalo Pedraza in Juárez am helllichten Tag in einem öffentlichen Park von Beamten der CBP erschossen wurde. Arévalo war mit Frau und Kindern im Park. Hinterher erklärten sie, ihr Kontrollboot im Rio Grande sei beworfen worden. Ein weiteres Video zeigt den CPB-Beamten Jesus Mesa Jr., der im Betonbett des Rio Grande zwischen El Paso und Juárez steht. Er erschießt einen 15-jährigen Jungen. Der habe ihn beworfen. Art Del Cueto, ein freundlicher Mann, am Weltgeschehen interessiert, Waffenträger seit er 18 Jahre alt ist, lässt das kalt: „Sie sollten einfach aufhören, mit Steinen zu schmeißen.“

Einen Moment nur verliert er fast die Beherrschung, wenn man ihn auf José Antonio anspricht, der nach Hause ging: „Um vier Uhr in der Früh?“, fragt er. Del Cueto nimmt einfach an, dass, wer sich um eine solche Zeit da herumdrückt, „Puntero“ sei, ein Beobachter der Banditen. Solche Jungs dürfen schon mal erschossen werden.

Nach einem internen Bericht, den die „Los Angeles Times“ veröffentlichte, schießen viele Beamte nicht aus Angst um ihr Leben, sondern aus „Frustration“. Der Dienst ist monoton, selten gibt es wirklich etwas zu tun, oft lösen Sensoren falschen Alarm aus. Vieles an der Truppe ist seltsam: Zwischen 2005 und 2012 wurde fast an jedem Tag ein Grenzschützer verhaftet. Bei dem exponentiellen Wachstum gab es kaum Hintergrund-Checks, die Ausbildung wurde reduziert. Viele neue Grenzschutzbeamten verdienten sich ein Zubrot von der Drogenmafia. Das stimme leider, gibt Art Del Cueto zu, „aber 46 erschossene Personen, ist doch sehr wenig. Im Vergleich etwa zur Quote der Polizei.“

Verwandte und Freunde nehmen Abschied von José.  Foto: REUTERS

Doña Taide weint stille Tränen, drückt das Weinen weg mit dem, was sie erzählt. Alle hatten die Schüsse gehört, aber geschossen wird häufiger in der Stadt und unten an der Grenze. Araceli war an diesem Dienstag in der Pierson, war beunruhigt: José Antonio kam sonst immer nach Hause. „Wir dachten, vielleicht hat er keine Papiere dabei und die Polizei hat ihn mitgenommen.“ Daran halten sie fest, als sie am Abend telefonieren, Araceli in der Calle Pierson, Taide auf der amerikanischen Seite: Vielleicht hatte er keinen Pass dabei. Beide Mütter schlafen schlecht, wachen früh auf. Dem Tonio passiert doch so etwas nie. Doña Taide wechselt zu seinem Kosenamen. Tonio hatte doch nie Schwierigkeiten, dafür waren eher seine Brüder zuständig.

Am Morgen heißt es, ein Mann sei erschossen worden, um die dreißig Jahre alt. Tonio bleibt verschwunden. Die Gerüchte machten aus dem Mann einen Jungen. Araceli kauft die Zeitung, neben dem Bericht ein Foto eines blutbeschmierten Telefons. Tonios Telefon.

Nach Angaben des Department of Homeland Security sammelte die Behörde zwischen 2007 und 2012 rund 1700 Beschwerden wegen „übermäßiger Gewaltanwendung“ durch die CBP. Terésa Leal alleine hat sich sechs Mal wegen Schikanen offiziell über Beamte des Grenzschutzes beschwert. „Es gibt überhaupt keine funktionierende Dienstaufsicht“, stellt James Duff Lyall fest. Lyall ist der Anwalt von Araceli Rodríguez, er beobachtet die Grenzbeamten seit Jahren. In den vergangenen Jahren hat er dutzende Vorfälle für Rechtsbeschwerden dokumentiert: Beamte gingen mit Gewalt gegen Autofahrer vor, setzten arglose, indischstämmige IT-Techniker in kleinen Käfigen fest – sie hatten sich gegen eine Durchsuchung ihres Autos gewehrt. CBP-Beamte wurden aufdringlich gegen Frauen, setzten bei „wandernden Kontrollen“ Latinos zu, bedrohten Mütter mit Gewehren und Messern vor den Augen ihrer staunenden Kleinkinder. Nachdem sich eine Kleinstadt-Bewohnerin gegen Grobheiten wehrte und auch keine Drogen dabei hatte, zerstachen Beamte ihr einen Reifen. Wegen unrechtmäßigen Gebrauchs der Schusswaffe oder Cowboy-Manieren wurde bisher kein Beamter belangt. „Das zeigt doch,“ sagt Art Del Cueto, „dass unsere Untersuchungsbehörden funktionieren.“

Der ehemalige oberste Kontrolleur der CBP, James Tomsheck, erklärt in einem Interview im Sommer 2014 allerdings, dass die CBP sich als „paramilitärische Truppe“ verstehe. In fast jedem Fall von Schusswaffengebrauch habe die Führung Argumente zur Rechtfertigung gesucht, nie seien Berichte und Fakten genauer geprüft worden. Keine von Lyalls Rechtsbeschwerden wurde beantwortet, bei den Beschwerdeträger meldete sich nie eine Untersuchungsbehörde. Im Mai veröffentlichte die Einwanderungsbehörde eine Untersuchung zu 809 Beschwerden gegen die Grenzschützer und stellte fest, dass die Organisation „höchst selten etwas gegen mutmaßliche Täter unternimmt.“

Die Polizeigewalt von Cleveland, Staten Island und Ferguson unterscheiden sich in einigen Punkten von dem, was an der Grenze passiert: Meistens sind die Polizisten städtische Angestellte, auch Landespolizisten werden bei Verkehrskontrollen grob, oder sie erschießen gefesselte Gefängnisinsassen. In der Regel werden diese Fälle von höheren Aufsichtsbehörden behandelt, man bekommt Informationen zu Personen und Umständen. Der Grenzschutz ist eine Bundesbehörde, darüber gibt es nur noch die Regierung. Und die mauert bei der Aufklärung, verzögert, wo es eben geht. Das Justizministerium tue wenig, erklärt Lyall: „Es gibt Fälle, bei denen Menschen erschossen wurden, die seit Jahren untersucht werden. Und seit Jahren äußert die Regierung sich nicht, ob sie Anklage erheben wird oder nicht.“

Dass sich Bundesbeamte gebärden, als stünden sie über dem Gesetz, müsste US-Amerikaner mehr beunruhigen, als es das offensichtlich tut. Vielleicht fällt die Gewalt weniger auf: Sie trifft Einwanderer, Bewohner von ärmeren, abgeschiedenen Gegenden. „Viele meinen, dass sei der Preis, den wir bezahlen müssen, wenn wir die Grenzen sichern. Beim Wort Grenze sind wir sofort bei Parteienpolitik, bei Terrorismusabwehr und Wählerstimmen“, sinniert Lyall. Wenn Lyall darauf hinweist, dass hier Menschenrechte grob misshandelt, Menschen umgebracht werden, fragen sie ihn: „Bist du für offene Grenzen?“

Lyall blickt einen Moment aus dem Fenster, vom sechsten Stock des schmucklosen Bürogebäudes hat er einen guten Blick über den Süden Tucsons, zum Horizont steigen Berge auf, Buschland. Arizona ist einer der konservativsten und ärmsten Staaten der USA. Ein Gerichtsbezirk bei Phoenix verhängt die meisten Todesstrafen. Lyall erzählt davon, wie kaputt Ordnungsbehörden und das Strafrechtssystem seien. „Wir beobachten eine Kultur, in der Beamte davon ausgehen, dass jeder Missbrauch unkontrolliert und straflos bleibt. Als Gesellschaft haben wir ein riesiges Problem: Wir schaffen es nicht, Ordnungshüter zur Verantwortung zu ziehen.“

Ende Juli hat die amerikanische Bürgerrechtsvereinigung ACLU Klage im Namen von Araceli Rodríguez eingereicht, im November gelang ihr eine Sensation: Der Richter veröffentlicht den Namen des Schützen – gegen massiven Widerstand der Behörde. Nun beantragt die Verteidigung die Einstellung des Verfahrens, sie bezweifelt, dass für das Opfer US-Gesetze und Verfassung gelten: José Antonio starb in Mexiko.

Über Nogales bleibt die Sonne hinter einer dichten Wolkendecke, ein blasser Tag, es ist kühl. Das Haus von Doña Taide ist spärlich möbliert. „Es ist so still“, sagt sie. Durch den Hof tobt ein Teil der unübersichtliche Familie, Enkel und Urenkel darunter. Eine Schwiegertochter hat Küchlein gebracht. Diego will zum Friseur, fängt sich von Doña Taide eine Rüge ein: Mit so einer schmutzigen Weste soll er nicht auf die Straße.

„Sie haben nicht erlaubt, dass er etwas aus sich macht“, sagt er zum Abschied. Ihn habe das alles „ein bisschen“ aus der Bahn geworfen. Nachdem er gegangen ist, erklärt Doña Taide: Diego brach die Schule ab, das Ingenieurs-Studium blieb ein Traum. Er wurde Gelegenheitsarbeiter, Vater. Wie einen Schatz hütet er ein paar Hemden von José Antonio, manchmal trägt er eines. Immerhin, ein Casino in der Nähe schaut sich gerade seine Bewerbung an. Deshalb der Friseur.

In der kriminaltechnischen Untersuchung notieren die mexikanischen Inspektoren, dass etwa 40 Meter vom Tatort entfernt „in nordwestlicher Richtung auf dem Gebiet der USA … ein paar Meter ab vom Grenzzaun ein grauer Metallturm steht, auf dem sich vier Kameras befinden. Eine davon fokussiert exakt auf die Stelle, an der der tote Körper vorgefunden wurde.“ Bislang hat niemand das Filmmaterial aus der Nacht gesehen, in der José Antonio nach Hause wollte. Es ist fraglich, ob das Justizministerium das Material als Beweismittel für den Prozess zulässt.

„Das Haus ist so still“, sagt Taide Elena. Sie sitzt mit dem Rücken zum Fenster, den Mantel hält sie fest geschlossen. Tränen laufen ihr über’s Gesicht. Sie schaut auf die Tür, durch die Diego gegangen ist. „Zum Glück hat Tonio ihn in der Nacht nicht getroffen. Sonst wären beide tot.“

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