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Gretel Bergmann: Die Versöhnliche

Der Film "Berlin 36" verkläre die Historie, finden Kritier. Die echte Gretel Bergmann, Deutschlands Hochsprung-Hoffnung der 30er Jahre, stört das nicht. ( mit Trailer) Von Sebastian Moll

Margaret Lambert, ehemals als Gretel Bergmann bekannt, aufgenommen in ihrer Wohnung in New York (2009).
Margaret Lambert, ehemals als Gretel Bergmann bekannt, aufgenommen in ihrer Wohnung in New York (2009).
Foto: dpa

Margaret Lambert kann nicht recht verstehen, warum ein derartiges Aufhebens um sie gemacht wird. "Ich habe doch nichts Besonderes getan", sagt sie, noch bevor der Besucher über die Schwelle ihres Häuschens in einem ruhigen Wohnviertel des New Yorker Stadtteils Queens getreten ist. "Diese ganze Olympiageschichte, das war doch gar nichts."

Und doch muss die 95-Jährige in den letzten Wochen immer wieder darüber sprechen, wie das damals war, 1936, als sie von Adolf Hitler für die deutsche Olympiamannschaft aufgestellt wurde. Sie, die zu dieser Zeit noch Gretel Bergmann hieß und Tochter eines jüdischen Fabrikanten aus Laupheim bei Ulm war. Die weltbeste Hochspringerin sollte den Nazis als Feigenblatt dienen, als Alibi. Propagandaminister Joseph Goebbels benutzte Bergmann dazu, den Boykott der US-Mannschaft zu verhindern. Denn die Amerikaner hatten sich geweigert, an den Spielen teilzunehmen, sollten jüdische Athleten nicht zugelassen werden.

Zur Person

Margaret Lambert, 95, war in den 30er Jahren die Hochsprung-Hoffnung Deutschlands.

Die als Gretel Bergmann geborene Tochter eines jüdischen Unternehmers wurde von den Nazis zu den Olympischen Spielen in Berlin 1936, bei denen sie als Favoritin für die Goldmedaille gestartet wäre, erst zugelassen und dann wieder ausgeladen, weil die Nazis keine jüdische Siegerin wollten.

Der Film "Berlin 36" ist seit kurzem in deutschen Kinos zu sehen. Die Kritik, der Film bewege sich weitab der historischen Begebenheiten und verkläre die Vergangenheit, teilt Lambert nicht.

Dann jedoch, einen Tag nachdem die Amerikaner sich in New York eingeschifft hatten, bekam Gretel Bergmann einen Brief aus Berlin, der in knappen Worten besagte, dass ihre Leistungen nicht ausreichten, um ihren Start bei den Propagandaspielen in der Reichshauptstadt zu rechtfertigen. Und das, obwohl sie alle Vorbereitungswettkämpfe gewonnen hatte und als Favoritin für den Olympiasieg galt. Doch dass Hitler ihr, einer Jüdin, die Goldmedaille würde umhängen müssen, das wollte man im Propagandaministerium nicht riskieren. Bergmann schmiss einen Teller an die Wand, zog sich für ein paar Wochen zurück und nahm dann das erste Schiff in Richtung Amerika, das sie bekommen konnte. Seitdem lebt sie in New York.

Berlin 36 (Trailer)

Seit kurzem ist Gretel Bergmanns Geschichte als Spielfilm in deutschen Kinos zu sehen. "Berlin 36" heißt der Film und Lambert findet ihn - trotz beträchtlicher historischer Ungenauigkeiten und Verklärungen - "wirklich schön". Aber sie findet auch, dass der ganze Wirbel um ihre Person vom Wesentlichen ablenke. "Wissen Sie, mir geht es doch gut, meine ganze Familie hat es aus Deutschland heraus geschafft. Ich habe ein gutes Leben gehabt." Bei ihrem Mann Bruno - auch ein ehemaliger Leichtathlet, wenn auch nicht von olympischem Kaliber - war das nicht der Fall. Er entkam 1938, aber seine Familie kam in den Vernichtungslagern ums Leben. "30 Menschen. Er hat heute noch Albträume", sagt Lambert und zeigt in den Wintergarten, wo der 98-Jährige, mit dem sie seit nunmehr 70 Jahren verheiratet ist, in eine Decke gehüllt in einem Sessel liegt und sich ein Baseballmatch anschaut.

Wegen des Holocausts - nicht wegen ihrer Olympiadisqualifikation im Voraus - , sagt sie, habe sie ihr ganzes Leben einen tief sitzenden Groll in sich getragen. Es war ein Zorn, der sich gegen alles Deutsche richtete und der dazu führte, dass sie sich bis heute weigert, auch nur ein Wort in ihrer einstigen Muttersprache zu sprechen. Sicher - ihr Schicksal befeuerte zusätzlich jene Wut, die sie beinahe 70 Jahre lang begleitete.

So fing sie gleich nach ihrer Ankunft in New York wieder mit dem Training an. Sie wollte zu den Olympischen Spielen 1940 und dort Gold holen - für die USA und gegen die Nazis. "Ich wollte es denen zeigen." Zwei Mal wurde sie US-Meisterin im Hochsprung und war auf dem besten Weg dazu, ihre Revanche für die Demütigung von Berlin zu bekommen. Doch dann kam der Zweite Weltkrieg. "Hitler hat mich ein zweites Mal gekriegt", sagt sie heute.

Aber Margaret Lambert ließ sich auch davon nicht unterkriegen. Ihr war damals schon klar, dass es Wichtigeres gibt als ihre Sportlerlaufbahn. "Ich war Mutter, ich hatte eine Familie groß zu ziehen", sagt sie - und da sei ihre durch die Nazis vereitelte Hochsprung-Karriere schnell in den Hintergrund getreten. Zumal die Anfangsjahre in New York hart gewesen seien. Bis ihr Mann Bruno seine Approbation als Arzt bekam, musste sie als Physiotherapeutin und manchmal auch als Putzhilfe arbeiten.

Einzig, wenn alle vier Jahre die Olympischen Spiele im Fernsehen übertragen wurden, kamen die alten Gefühle hoch: "Bis in die Siebziger Jahre hinein habe ich dann vorm Fernseher gesessen und geflucht und geschimpft", sagt sie. Irgendwann jedoch konnte sie die Wettbewerbe dann einfach nur noch genießen.

Margaret Lambert ist milde geworden. "Der ganze Zorn macht einen doch zu einem schlechten Menschen", sagt sie. Sogar mit Deutschland hat sie sich einigermaßen versöhnt - nicht zuletzt durch die Arbeit an dem Film und die vielen Begegnungen mit jungen Deutschen wie der Hauptdarstellerin Karoline Herfurth, die sie dadurch hatte. "Sie haben mir alle gesagt, wie leid ihnen das tut, was mit mir passiert ist, was mit allen Juden passiert ist. Es hat mir gut getan, zu sehen, dass die jungen Deutschen ein Gewissen haben."

Margaret Lambert hat im Alter ihren Frieden gemacht und es geht ihr seitdem "viel, viel besser." Deutsch wird sie wohl trotzdem nie mehr sprechen. Und ihre zwei Deutschland-Besuche in den vergangenen zehn Jahren reichen ihr auch. "Vergessen kann man das alles natürlich nie", sagt sie. Man könne bestenfalls ein bisschen weniger hassen. Mehr wäre von einer deutschen Jüdin, die 1914 geboren wurde, zu viel verlangt.

Autor:  Sebastian Moll
Datum:  18 | 9 | 2009
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