"Es quält mich"
In einem Bericht über einen RKI-Workshop vom März (Erster Erfahrungsaustausch zur H1N1-Pandemie in Deutschland 2009/10, Bundesgesundheitsblatt, 6.Mai 2010) wird diese Möglichkeit nur vage angedeutet: "Somit stellt sich die Frage, ob die Zuständigkeiten der Stiko und der Pandemiekommission besser an diese Anforderungen angepasst werden sollten."
Immerhin beziehen auch die einzigen beiden klinisch tätigen Autoren des Berichts Geld von Impfstoffherstellern: Barbara Gärtner vom Uniklinikum des Saarlandes und Christian Träder vom Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum Berlin erhalten Vortragshonorare von Glaxo Smith Kline. Beide betonen, dass es sich um geringe Beträge handele, die allenfalls als "Aufwandsentschädigungen" zu bewerten seien.
Gärtner ist Mitglied der Influenzakommission für den Pandemiefall und hat auf dem Workshop eine Arbeitsgruppe moderiert, Träder hielt einen Vortrag.
Gärtner betont aber, "nie über Impfungen in irgendeiner Weise mitentschieden" zu haben. Sie ist sich des Konflikts durchaus bewusst: "Es quält mich. Ich bin weit davon zu sagen: Es beeinflusst mich nicht. Es kostet mich viel Anstrengung, objektiv zu bleiben." Allerdings finde man eben keine Menschen, die sachkundig seien und frei von Pharmakontakten.
Dass die Stiko ihre Interessenkonflikte jetzt offen legt, findet Gärtner richtig. Noch besser wäre es aber, sagt sie, detailliert zu sagen, wie viel man von der Industrie bekommt. Dass die WHO die Interessenkonflikte ihrer Mitarbeiter nicht offen gelegt hat, hält sie deshalb auch für "falsch".
Träder schränkt ein, dass er den Vorgang nur dann als einen "Skandal" betrachten würde, wenn die WHO-Autoren tatsächlich zeitgleich Pharma-Beraterhonorare erhalten hätten. Liege die Beratertätigkeit dagegen länger zurück, sei dies unverfänglich. "Gute Leute ohne Firmenkontakte gibt es nicht. Jemand ohne Interessenkonflikt ist im Grunde disqualifziert", sagt Träder.
"Pandemie-Richtlinien nicht pharmafreundlich"
Gesundheitsforscher Glaeske hält das für "Unsinn". Man könne auch gute pharmafreie Forschung betreiben. In den vergangenen Jahren sei es Usus geworden, seine Kontakte offen zu legen. Gerade für WHO-Mitarbeiter habe dies zu gelten, fordert Glaeske. Alles andere sei "nicht akzeptabel".
Träder gibt zu bedenken: "Ältere Wissenschaftler haben das oft noch nicht verinnerlicht." Bei den WHO-Autoren glaube er nicht, dass dort "aus Gefälligkeit" etwas geschrieben wurde. "Ich kenne die Pandemie-Richtlinien und kann nichts Pharmafreundliches aus ihnen herauslesen." Auch säßen in den Institutionen "extrem gute Leute", von denen er sich so was nicht vorstellen könne.
Der Workshop im März thematisierte nicht die bestehenden Interessenkonflikte, sondern man einigte sich darauf, der "Kommunikation einen deutlich höheren Stellenwert" einzuräumen. Eine "vorausschauende und reaktionsfähige Kommunikationskapazität" müsse aufgebaut, "etablierte Multiplikatorennetzwerke professioneller genutzt" werden. Diese "Kommunikationsstrategie" soll im Herbst zur Grippeimpfung getestet werden. Mit anderen Worten: Die Medien sollen die grassierende Impfmüdigkeit bekämpfen. Hilfreich dürfte da sein, dass das RKI einen freien Journalisten bezahlt und in den Workshop geschickt hat, über dessen Artikel in renommierten Zeitungen sich Pharmafirmen bislang nicht zu ärgern brauchten.
Ob es allein mit einer Kommunikationsstrategie getan ist, bleibt fraglich. Erst recht, wenn man nicht genau weiß, wer warum eine Pandemie ausgerufen hat. Glaeske warnt: "Eine Pandemie ist keine rein medizinische Angelegenheit. Da spielen viele andere Faktoren eine Rolle." Sie erfordere eine interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Gesundheitsämtern und Epidemiologen, sagt Glaeske. "Die Stiko sollte nicht länger allein entscheiden dürfen."
Robert-Koch-Institut: http://www.rki.de
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