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Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft

09. Dezember 2009

Gründer von Transparency International: "Es geht nicht mehr so hemdsärmelig zu"

Peter Eigen  Foto: rtr

Peter Eigen hat der Korruption den Kampf angesagt und wird dafür weltweit geachtet und gefürchtet. Ein FR-Gespräch über schmierende Firmen, bestechliche Beamte und einen persönlichen Sündenfall.

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Zur Person

Peter Eigen, geboren am 11. Juni 1938 in Augsburg, arbeitete nach seinem Jurastudium in Erlangen und Frankfurt zunächst als Anwalt in der Rechtsabteilung der Weltbank, bevor er von 1975 an als Manager für die Weltbank in verschiedenen lateinamerikanischen und afrikanischen Ländern tätig war. 1988 wechselte er als Leiter des Regionalbüros nach Kenia. 1993 verließ Peter Eigen auf eigenen Wunsch die Weltbank.

Transparency International: 1993 gründete Eigen die nichtstaatliche Organisation, die sich die weltweite Bekämpfung der Korruption auf die Fahnen geschrieben hat. Gegenwärtig gibt es rund 90 Länderbüros, die so weit wie möglich eigenständig agieren.

Anders als andere Nichtregierungsorganisationen arbeitet Transparency nicht gegen, sondern mit Politikern und Unternehmen zusammen, was der Organisation auch Kritik eingebracht hat.

Der Korruptionsindex (siehe Tabelle) ist eine Länder-Rangliste, die Transparency International alljährlich ermittelt. Grundlage sind die Ergebnisse von Meinungsumfragen in den aufgelisteten Ländern zu Häufigkeit und Praxis von Korruption, zur allgemeinen Haltung dazu und zum Verhalten der Behörden.

Das Netz der Korruption heißt Peter Eigens Buch, das 2003 erschienen ist. Seit 2004 ist Eigen mit Gesine Schwan verheiratet, die zweimal als SPD-Kandidatin erfolglos für das Amt der Bundespräsidentin kandidiert hat.

Der 9. Dezember wurde 2003 von den Vereinten Nationen zum Internationalen Antikorruptionstag ausgerufen.

Herr Eigen, womit kann man Sie denn am besten ködern: Mit einer Flasche Wein oder indem man Sie für Ihr Saxofonspiel lobt?

Meine Kinder sagen immer: Eigen-Lob stimmt. Ich trinke gerne Wein, und ich spiele gerne Saxofon, aber das ist Privatvergnügen. Meine eigentliche Motivation, mich gegen Korruption zu engagieren, ist immateriell. Ich kann mir kaum vorstellen, dass ich mich durch Bezahlung davon abbringen lasse.

Peter Eigen
Peter Eigen
 Foto: dpa

Gibt es denn manchmal Versuche, Sie zu bestechen?

Na ja, sehr direkt sind die nicht, weil man sich wahrscheinlich schon vorstellen kann, dass ich darauf nicht eingehen würde. Aber so indirekt gibt es natürlich schon Versuche, Transparency International zu beeinflussen. Manche interpretieren den Wunsch von Unternehmen, bei uns Mitglied zu werden, bereits als einen solchen Versuch, zum Beispiel bei Siemens.


Mit Siemens haben Sie sich ein faules Ei ins Nest gelegt.

Am Anfang war das anders: Die deutsche Sektion von Transparency International wurde ab 1998 von Siemens unterstützt. Das war eine große Hilfe, um die OECD-Konvention gegen Korruption international durchzusetzen. Als dann 2006 dieser große Siemensskandal aufkam, bei dem 300 Mitarbeiter des Konzerns jahrelang weltweit für Großaufträge Geschäftspartner, Behörden und Regierungen mit insgesamt bis zu 1,3 Milliarden Euro bestochen hatten, war es auch für Siemens klar, dass sie bei uns nicht Mitglied sein können.

Aber es gab bei Siemens doch schon vorher Bestechungsfälle?

Bei Transparency Deutschland gibt es die Vereinbarung, dass Unternehmen, die uns unterstützen, alles tun müssen, um die Korruption zu bekämpfen. Wenn trotzdem Korruption in den eigenen Reihen auftaucht - was in so großen Unternehmen kaum zu verhindern ist -, dann soll gemeinsam mit uns überlegt werden, was das Unternehmen tun muss, um solche Vorfälle künftig zu verhindern. Es stimmt, diese Verpflichtung hat Siemens schon 2004 nicht erfüllt. Schon zu der Zeit haben wir die Mitgliedschaft von Siemens ruhen lassen. Daraufhin hat Siemens immer wieder angefragt, ob die Suspendierung aufgehoben werden konnte, bis die großen Skandale ans Licht kamen.

Warum kooperieren Sie ausgerechnet mit denen, die im Fokus Ihrer Recherchen stehen?

Siemens hat uns damals in keiner Weise geschadet. Im Gegenteil, Siemens hat uns geholfen, andere große Industriekonzerne dazu zu bewegen, einen offenen Brief an Bundeskanzler Helmut Kohl zu unterschreiben, in dem sie die Regierung aufforderten, dass Deutschland sich an der OECD-Konvention gegen Korruption beteiligen muss. Was dann auch tatsächlich passierte.

Gibt es die Gefahr, dass Konzerne ein vordergründiges Engagement bei Transparency dazu nutzen, um von eigenen Verfehlungen abzulenken?

Ja, die Gefahr besteht natürlich. Es gibt Unternehmen, die vor allem in den Medien einen guten Eindruck machen wollen.

In großen Unternehmen sei Korruption kaum zu verhindern - das sagten Sie eben selbst. Warum ist das so?

Ich glaube, dass viele Unternehmen korrupt sind, weil sie denken, dass sie sich gegen die Korruption der Mitbewerber wehren müssen. Es gibt Firmen, die zwar viel lieber ohne Schmiergeld auskommen würden, aber Angst haben, dass die anderen bestechen und sie dann davon Nachteile haben.

Diese Sorge ist ja auch nicht von der Hand zu weisen.

Vor allem, wenn sich keiner traut, die anderen anzuzeigen. Unter den großen Unternehmen ist so eine Art Kameraderie entstanden, bei der kaum jemand sich gegen die Korruption der anderen wehrt. Es müssen sich also alle gleichzeitig verpflichten, auf Korruption zu verzichten. So wie mit der OECD-Konvention: Alle Industriestaaten sollten gleichzeitig ihren Exporteuren Korruption im Ausland verbieten. Und das haben sie getan.

So viel zur Theorie. Aber schmieren die Industrieländer jetzt tatsächlich weniger?

Na ja, in manchen Ländern wird Korruption immer noch nicht wirklich verfolgt, zum Beispiel in Japan. In Großbritannien gibt es auch gerade große Korruptionsfälle, gegen die niemand etwas unternimmt.

Mit welcher Begründung?

Die britische Regierung meint, es sei im Interesse der Wirtschaft und der Sicherheit des Landes richtig, Korruption britischer Unternehmen im Ausland nicht zu verfolgen.

Im aktuellen Index von Transparency International, einer Art Korruptions-Rangliste, liegt Deutschland wie schon in den Jahren zuvor auf dem 14. Platz. Warum bessern sich die Deutschen nicht?

Manche fragen mich, warum sich Deutschland angesichts der aktuellen Korruptionsfälle wie eben Siemens nicht verschlechtert hat. Aber Deutschland nimmt seine Verpflichtung tatsächlich wahr, Korruption zu verfolgen. Wir haben inzwischen über 100 Fälle vor den Gerichten, was sehr gut ist.

Was kann Deutschland von vorbildlichen Ländern wie Neuseeland, Singapur und Schweden lernen?

Es gibt in Deutschland noch klare Schwächen bei der Korruptionsbekämpfung. Staatsanwälte, die unabhängig wären, wären für Politiker, die zu Bestechung neigen, viel bedrohlicher. In Deutschland agieren die Staatsanwälte aber weisungsgebunden. Geradezu skandalös ist auch, dass Abgeordnetenbestechung bei uns straffrei ist. Dazu kommt, dass der Zugang der Medien zu behördlichen Informationen noch sehr schlecht geregelt ist.

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