Mr. Ritchie, es heißt, dass Sie selbst Kampfkunst betreiben, Brazilian Jiu-Jitsu und Judo.
Ja, seit 13 Jahren, um genau zu sein. Das Blöde ist nur, dass ich allmählich ein bisschen auf meine Knie aufpassen muss. Die sind schon ziemlich hinüber.
Guy Ritchie, 41, macht sich seit 1998 als Regisseur schwarzer Krimi-Komödien einen Namen: Sein Debüt "Bube, Dame, König, Gras" und der Nachfolger "Snatch" wurden zu Kultfilmen.
Ab 2000 galt Ritchie vor allem als "der Mann von Madonna" - das Paar heiratete, bekam Sohn Rocco und ließ sich 2008 scheiden.
Ritchies neuer Film "Sherlock Holmes" läuft am Donnerstag im Kino an. Für die Titelrolle erhielt Robert Downey Jr. bereits den Golden Globe als bester Schauspieler in einer Komödie. (prhah)
Was fasziniert Sie an der Sache?
Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll, um Ihnen das zu erklären. Brazilian Jiu-Jitsu ist im Grunde so etwas wie Schachspielen mit dem Körper. Man braucht dafür gar nicht so viel Kraft, sondern vor allem Technik und Köpfchen. Das ist etwas, das sich ganz schnell zu einer Besessenheit auswachsen kann. Bei mir hat es das. Wenn ich in Urlaub fahre, ist meine erste Sorge, wie und wo ich trainieren kann. Ich muss das jeden Tag machen, sonst drehe ich durch.
Jeden Tag?
Also wenigstens fünf, sechs Mal die Woche.
Wie es der Zufall will, ist Ihr Sherlock Holmes ja körperlich auch ganz gut dabei. Ich habe gelesen, dass sogar die Figur in der Romanvorlage eine Kampfkunst beherrscht - Batitsu oder so.
Baritsu.
Aha.
Das muss man sich vorstellen wie eine Kreuzung aus Jiu-Jitsu und schlichtem Straßenkampf. Ist gar nicht so weit von Brazilian Jiu-Jitsu entfernt.
Ist das der Grund, warum Ihr Holmes der mit Abstand schlagkräftigste und körperlichste in der langen Geschichte von Holmes-Filmen ist?
Ja, wahrscheinlich. Aber die Zeiten haben sich natürlich auch geändert. Wir haben den Film ja für ein viel breiteres und jüngeres Publikum konzipiert. Abgesehen davon war er auch sehr, sehr viel teurer als alle anderen davor. Mein Interesse, das Interesse von unserem Hauptdarsteller Robert Downey Jr. und ich denke auch das Interesse der meisten Zuschauer war, einen verbesserten, stärkeren Holmes zu zeigen. Dass die Romanvorlage einen so kampflustigen Detektiv hergab, hat die Sache natürlich enorm erleichtert. Wir mussten unseren Holmes also nicht einmal verbiegen, damit er unseren Vorstellungen entspricht.
Haben Sie all die englischen und amerikanischen und russischen und deutschen Holmes-Verfilmungen gesehen?
Ich verrate Ihnen was: Ich habe keinen davon gesehen.
Sie scherzen.
Nein, ernsthaft. Ich gehöre zu den wenigen Leuten auf der Welt, die noch nie einen Sherlock-Holmes-Film gesehen haben.
Gibt´s doch nicht.
Ich weiß, es ist fast unmöglich, den ganzen Holmes-Figuren da draußen aus dem Weg zu gehen.
Warum wollten Sie überhaupt einen Holmes-Film machen? Dachten Sie, es gibt noch keinen?
Da gibt es eine ganze Menge Gründe, die, wenn ich es recht bedenke, alle miteinander im Kreis tanzen. Zuallererst war es ein gewisser Enthusiasmus gegenüber den Original-Geschichten von Doyle.
Die haben Sie aber schon gelesen?
Aber hallo. Ich war als Kind ein Riesen-Holmes-Fan. Na ja, als ich dann vor einiger Zeit gefragt wurde, ob ich mir vorstellen könnte, das Projekt zu übernehmen, habe ich nicht Nein gesagt. Und hey, was kann dir als Engländer Besseres passieren, als eine englische Ikone mit amerikanischem Geld auf die Leinwand zu bringen?
Klingt nach einem Clash of Civilisations.
Komischerweise nicht. Es hat sich eher als eine Art glückliche Ehe herausgestellt. Und glauben Sie mir, mit glücklichen und unglücklichen Ehen kenne ich mich aus.
Lassen Sie mich raten. Sie und...
Lieber nicht vertiefen. Aber grundsätzlich denke ich schon, dass eine anglo-amerikanische Ehe - selbst wenn sie etwas, sagen wir: turbulent sein kann - in der Regel eine ziemlich glückliche ist. Wenn beide Seiten ihre Interessen wahren, versteht sich.
Ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen, Mr. Ritchie, aber mir scheint, dass es einige bemerkenswerte Parallelen zwischen Ihnen und Sherlock Holmes gibt: die frühe Vorliebe für Drogen, die Begeisterung für Musik und Kampfkunst, die gemeinsame Heimat London, die Sie beide sehr zu lieben scheinen...
Oh, das ist interessant. So hab ich das noch nie betrachtet. Ich habe bisher immer Robert Downey Jr. und Holmes miteinander verglichen. Aber jetzt, wo Sie es sagen... Anderseits: Sind nicht alle Kinder früher oder später fasziniert von Drogen?
Tja, nun....
Ich glaube, da gibt es nur ganz wenige Ausnahmen. Aber natürlich will es keiner zugeben. Das ist eins von diesen Tabu-Themen. Jetzt mal ehrlich: Wer kann sich nicht an seinen jugendlichen Enthusiasmus für Suchtmittel erinnern? Ein paar langweilige Streber vielleicht. Das ist also noch kein Alleinstellungsmerkmal von Holmes und mir. Was war noch?
Musik.
Natürlich
London.
Ganz sicher. Ich bilde mir ein, eine ganze Menge über Londons Geografie und Geschichte zu wissen. Für mich ist es immer ein glücklicher Zufall gewesen, dort geboren worden zu sein.
Warum?
Keine Ahnung. Ich weiß nicht, ob es mir genauso ginge, wenn ich in Berlin geboren wäre. London ist einfach eine tierisch spannende Stadt.
Und eine tierisch teure.
Tatsächlich?
Also bitte. London ist ja wohl - wie heißt das auf Englisch?
Sagen Sie´s auf Deutsch.
Sie sprechen Deutsch?
Äh... nein. Ich wollte gerade lügen - aber ich fürchte, das hätten Sie schnell gemerkt.
... aberwitzig teuer! Danach hab´ ich gesucht.
"Aberwitzig teuer". Witzige Formulierung. Die merk´ ich mir. Ist Berlin nicht auch wahnsinnig teuer.
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