Herr Schübelin, Sie sind seit dem 12. Januar mit kurzen Unterbrechungen in Haiti. Wie beurteilen Sie die Situation heute?
Wenn Sie durch Port-au-Prince gehen, sehen Sie, dass allmählich wieder aufgebaut wird. Doch es gibt noch immer so viele Menschen, die in den Trümmern ihrer Häuser leben, ohne Perspektive, ohne Gesundheits- und Wasserversorgung. Sie gehen nicht weg, weil sie Angst haben, dass jemand ihr kleines Grundstück besetzt. Niemand nimmt diese Menschen wahr. Es gibt keinen Platz in der Stadt und keine Perspektive. Jetzt harrt die Bevölkerung noch wegen der Fußball-WM aus, aber danach gehen die Proteste gegen Präsident René Préval wieder los.
Die Zeltstädte, die als Notunterkünfte gedacht waren, scheinen eine Dauerlösung zu werden.
Ja, die Menschen richten sich in den Zeltstädten ein. Sie haben dort kleine Läden eröffnet, Friseursalons, Internet-Cafés, Lottobuden. Sie backen Brot und veranstalten Public Viewing mit alten Röhrenfernsehern. Es entsteht ein Slum, wo anfangs nur Zelte standen. Aber in diesen Zeltstädten gibt es keine geschützten Bereiche, zum Beispiel für Kinder. Die Situation ist total prekär.
Wie klappt die Zusammenarbeit zwischen Regierung und den Hilfsorganisationen?
Es ist ein einziger Alptraum. Die Regierung macht einen Wahnsinnsstress. Das hat politische Gründe. Sie will den Nichtregierungsorganisationen die Zähne zeigen und lässt dabei manche am langen Arm verhungern. Die Kindernothilfe ist seit 31 Jahren im Land und nicht wie andere erst kurz nach dem Beben gekommen. Aber wir warten seit zehn Wochen auf Genehmigungen für den Import von lebenswichtigen Spezial-Nahrungsmitteln für die unterernährten Kindersklaven. Wir werden durch die Mühlen der Bürokratie genudelt. Sie lügen uns ins Gesicht, behaupten Papiere seien nicht da, die dann wieder auftauchen. Die Regierung zeigt die Zähne an der falschen Stelle.
Wie erklären Sie sich das?
Die Strukturen und Arbeitsbedingungen sind extrem viel schlechter als in anderen lateinamerikanischen Ländern. Der haitianische Staat war schon vor dem Beben schwach, wie soll er jetzt mit so einer Jahrhundertkatastrophe umgehen? Wir baden aber auch die Folgen aus von so unglücklichen Ideen wie Geberkonferenzen in New York und der Dominikanischen Republik. Warum hat man die nicht in Haiti gemacht, als Zeichen an die Menschen? Es gibt aber nicht nur destruktives Verhalten bei der Regierung, sondern auch im Privaten. Wir haben einen Kostenvoranschlag für ein Baugutachten eingeholt, das in Haiti 32 000 US-Dollar kosten soll. Chilenische Gutachter, die extra ins Land kommen, fertigen das gleiche Gutachten für die Hälfte. Es fehlt hier an vernünftigem, rationalen Verhalten.
Sollte die internationale Gemeinschaft das Ruder in die Hand nehmen.
Die internationale Gemeinschaft wollte in Haiti eine nachhaltige Antwort geben. Davon ist nichts zu sehen. Es muss unser aller Anliegen sein, dass es hier einen starken Staat gibt, der seine Verantwortung wahrnimmt. Aber es fehlt an Umsetzungsmöglichkeiten, schlüssigen Konzepten, Infrastrukturmaßnahmen. Wissen Sie, wie schwer und teuer es ist, Baumaschinen zu bekommen? Oder Lastwagen? Es ist ein Drama. Der Wiederaufbau von Krankenhäusern und Schulen verläuft schleppend. Erst ein Drittel der Kinder geht wieder zur Schule. Wir werden jetzt mit Notunterricht und Alternativprogrammen für die Kinder beginnen.
Wie kann es besser werden?
Überall dort, wo keine Institutionen beteiligt sind, klappt es gut. Wenn wir direkt mit den Menschen arbeiten, sie um Hilfe und ums Anpacken bitten, dann geht das wunderbar. Also müssen wir die Zivilgesellschaft stärken. Und eines ist klar: Wir können hier nicht locker lassen.
Interview: Klaus Ehringfeld
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