Als Altagrace Nazé in die Rue des Miracles zurückkehrt, kann sie nur noch stammeln. Leise Worte der Verzweiflung auf Kreolisch, ohne Punkt und Komma. "Es ist alles weg, alles kaputt, sie sind alle tot, was soll ich tun". Die Stimme bebt. "Aber ich lebe". Altagrace Nazé ist 22 Jahre und war bis vor einer Woche eine von Zehntausenden ambulanten Verkäuferinnen, die im Stadtzentrum von Port-au-Prince ein kleines Auskommen verdiente. Sie verkaufte an einem kleinen Holzstand Hosen und Röcke.
Hier im kommerziellen Herz der Hauptstadt gab es von Voodoo-Puppen über Schuhe und gefälschtes Viagra alles. Heute gibt es nichts mehr, nur noch Zerstörung. Wer sich orientieren will, muss es anhand der Straßenschilder tun, die verbogen und verstaubt stehen blieben. Es herrscht Ausnahmezustand in Haiti, seit Montag auch offiziell. Die Regierung will damit gegen chaotische Zustände mit ersten Unruhen vorgehen. Die Polizei berichtet von Schießereien; nach Angaben der Welthungerhilfe ist es dagegen "erstaunlich ruhig".
An der Ecke Rue des Miracles und Rue du Centre ist es so still, dass man eine Nadel fallen hören könnte. Dort, wo man noch vor fünf Tagen zwischen grölenden Verkäufern und hupenden Autos kaum sein eigenes Wort verstehen konnte. Dann kam das Beben. Heute wirkt die Szenerie wie die Kulisse aus einem Roland-Emmerich-Film. Abgerissene Leuchtreklamen, auf Eisenteilen aufgespießte Leichen und eine Schaufensterpuppe, die ohne Arme und ohne Rumpf an einem Pfahl lehnt.
Altagrace rennt mit schnellem Schritt durch die Straße der Wunder, die Rue des Miracles, so als könne sie dem Grauen entfliehen. Sie weiß nicht, ob es sie als Strafe oder als Glück empfinden soll: "Ich bin im Moment des Bebens herausgerannt, dann brach alles zusammen. Alle sind tot."
Nazé wohnt in Fontamara, einem Vorort, der mit Armenviertel nur unzureichend beschrieben ist. Holzhütten sind dort ein Luxus, und die Menschen verkaufen Orangen und Yasme-Wurzeln vom Bürgersteig. Nur wenige Zentimeter daneben verrichten andere ihre Notdurft. "Unsere Hütte ist weg. Mein Mann ist ums Leben gekommen. Gott hat nur mich und meinen dreijährigen Sohn gerettet". Heute schläft sie auf der Straße, neben den rinnenden Abwässern. Mit ihrem Sohn.
Eine Woche nach dem Beben ist das Ausmaß noch immer schwer zu greifen. 70000 Leute sind beerdigt, wie viele folgen noch? Die Menschen erwachen langsam aus der Schockstarre, in die sie gefallen waren und versuchen weiterzuleben. Aber noch immer sind die Menschen mehr mit dem Sterben als mit dem Leben beschäftigt. Auf dem Zentralfriedhof von Port-au-Prince werden die Leichen in Dutzenden abgelegt. Kurz hinter dem Eingang haben die Behörden eine Grube ausgehoben und die Toten in Särgen, in blauen Plastiksäcken oder einfach so hineingeworfen. An diesem Morgen liegen drei junge Männer oben auf dem Grab. Sie waren keine Bebenopfer, sondern Ausbrecher, die beim Einsturz des Gefängnisses fliehen konnten. Sie wurden von der Polizei beim Plündern erwischt, erschossen und zu den Beben-Opfern gelegt.
Ansonsten konzentriert sich die internationale Gemeinschaft zunehmend auf die Versorgung Überlebender statt auf die Rettung Verschütteter. Die ganze Nacht landen auf dem Flughafen von Port-au-Prince Hilfslieferungen. Aber noch kommt wenig bei den Betroffenen an. In Pétrus, einem stark betroffenen Armenviertel steigt der Unmut über das schleppende Anlaufen der Hilfe. "Wir haben kaum was bekommen und wenn, dann sind es trockene Kekse und ein bisschen Wasser", klagt Mario Dieudonné. "Sie verteilen lieber auf den großen Plätzen, wo die Menschen zu Tausenden hausen." Fast immer stellen sich die Menschen diszipliniert an, wenn es etwas gibt. An den Tankstellen, an den Lebensmittel-Verteilstellen. Plünderung und Chaos bleiben Einzelfälle und gehörten auch schon vor dem Beben zum haitianischen Alltag.
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