Das Erdbeben von Haiti hat 111.499 Todesopfer gefordert - nicht eines mehr oder eines weniger. Mit dieser Zahl zog das haitianische Innenministerium jetzt die Bilanz der Katastrophe. Die internationalen Organisationen sind irritiert. Ihre Schätzungen bewegten sich zwischen 50.000 und 200.000 Toten. Wie gelangte eine für ihre Ineffizienz berüchtigte Verwaltung, die sich nach dem Erdbeben vom 12. Januar zunächst unsichtbar machte, zu solch präzisen Erkenntnissen? Rony Brauman, der zwölf Jahre lang das Hilfswerk "Ärzte ohne Grenzen" leitete, bezeichnet die Angaben der Politiker als "pure Phantasie". Der Franzose erklärt den leichtfertigen Umgang mit Opfer-Statistiken aus eigenen Erfahrungen: "Wer bei Natur- und anderen Katastrophen als erster Zahlen vorlegt, beweist damit seine Hoheit über die Hilfsoperationen. Er will zeigen, dass er die Lage unter Kontrolle hat."
Als die Hilfe anlief, stritten die USA und die UN um die Rolle des Koordinators. Beide legten Wert auf die Feststellung, dass Haiti ein souveräner Staat ist, aber sie hatten Schwierigkeiten, einheimische Partner zu finden. Jetzt versucht die Regierung, ihr Image aufzupolieren. Neben den Toten bezifferte sie auch andere Auswirkungen: mehr als 190 000 Verletzte, 11 000 zerstörte und 32 000 beschädigte Häuser.
Bei Naturkatastrophen großen Ausmaßes ist es stets schwierig, die Opferzahlen zu ermitteln. In Haiti ist dies ganz unmöglich. Niemand weiß auch nur annähernd, wie viele Menschen in dem Land und in der Hauptstadt leben. Die Einwohnerzahl Haitis wird auf 8,3 bis zehn Millionen geschätzt.
Um die Leiden zu dokumentieren, bräuchte es eigentlich keine Zahlen. Die Bilder und Augenzeugen sagen genug aus. Die Hilfsorganisationen wissen aber, dass Zahlen die Spendenfreudigkeit ankurbeln. Und auch die Journalisten, die zum Beispiel in Genf stundenlange Pressekonferenzen der verschiedenen Hilfswerke absitzen, stellen immer die gleichen Fragen: Wie viele Tote, Zerstörungen, Gerettete, Flüge, Helfer, Dollar? Wer darauf keine Antworten bereit hat, gilt schnell als inkompetent.
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