Port-au-Prince. Wenn man sich einen Ort vorstellt, der von Gott verlassen ist, dann muss es dieser sein: Wharf Jeremie, Port-au-Prince, Haiti. Ein Ort, den das Wort Slum nur unzureichend beschreibt. Eine Ansammlung von Hütten aus rostigem Wellblech und Holz, gebaut auf einer Haufen aus Unrat, Schmutz und Exkrementen. In manchen Hütten steht das braune Wasser knöcheltief. Valentine Eska ist acht Jahre und irgendwann mal in Wharf Jeremie angekommen. Aus der Provinz, als Waise, aufgenommen von einer anderen Familie.
Seitdem schuftet sie in einer dieser Hütten, fegt den Schmutz zusammen oder schöpft das Brackwasser aus. Valentine ist ein Restavec, eines von geschätzten 300.000 Kindern, die in Haiti bei anderen Familien leben. Und Arbeiten. Ihr Schlaflager ist der nackte Boden.
Für FR-online schreiben Mitarbeiter der dem "Bündnis Entwicklung hilft" angehörenden Entwicklungshilfeorganisationen über ihre Eindrücke aus Haiti.
Zum Bündnis gehören Brot für die Welt, Medico International, Misereor, Terre des Hommes und die Welthungerhilfe. Sie leisten gemeinsam akute und langfristige Hilfe bei Katastrophen und in Krisengebieten.
Spendenkonto: Stichwort "Haiti", Konto 5151, Bank für Sozialwirtschaft, BLZ 370 205 00.
Die Berichte von Helfern vor Ort finden Sie hier.
Bis zum 12. Januar ging Valentine wenigstens zur Schule. Die Kindernothilfe aus Duisburg half dabei, die Kindersklaven von Wharf Jeremie im Collège Verena der Heilsarmee im Armenviertel Delmas 2 unterzubringen. Aber die Erdstöße haben auch diese Schule zerstört. Und vorerst die schönen Seiten des traurigen Lebens von Valentine. Denn bei der Heilsarmee gab es nicht nur Mathe und Französisch, sondern auch regelmäßig etwas zu essen und eine Schuluniform.
Valentine hat seit zwei Tagen nichts gegessen. Das Haus, in dem sie wohnte, ist beim Bebens einfach umgefallen. Verletzt wurde von den Blechteilen niemand. Seitdem hausen auch Valentine und die Familie mit ihren vier Kindern, der sie dient, in einem Zelt. Geändert hat sich für sie nichts. "Auch hier muss ich fegen".
In dem karibischen Armenhaus Kind zu sein, war schon vor der Katastrophe für die meisten eine Strafe. Sie lebten als Restavec-Sklaven, als Waisen in Heimen oder einfach auf der Straße. Eine Million haitianische Minderjährige fällt in eine dieser Kategorien. Für andere prägen zerrüttete Familien, Aids, Gewalt und bittere Armut den Alltag. Lediglich jedes zweite Kind in Haiti geht zur Schule, ein Drittel ist unterernährt, jedes fünfte Baby wird untergewichtig geboren.
Hier auf dem Schulhof vom Heilsarmee-College in Delmas 2 und einem angrenzenden Fußballstadion gleich neben einem Kanal voller stinkendem Müll campieren 450 Familien, die ihr Obdach durch das Beben verloren haben. Ihre neue Heimat sind improvisierte Zelte aus blauen und weißen Planen, aus Pappe. Erwachsene sieht man wenig, fast nur Kinder.
Das Elend der Kinder nach dem Beben wird nach Ansicht von Experten Adoptionen, Entführungen und Raub begünstigen. "Es gibt keinerlei staatlichen Schutz für die Kinder", sagt Ruben Wedel von der Kindernothilfe.
Die Regierung Haitis will dem Handel mit Kindern nun stärker entgegenwirken. Informationsministerin Marie-Laurence Jocelyn Lassègue erklärte am Wochenende, die Regierung habe neue Adoptionen gestoppt. Nur bereits genehmigte Adoptionen würden erlaubt. Das UN-Kinderhilfswerk Unicef hatte zuvor vor übereilten Auslandsadoptionen und Kinderfängern gewarnt. (mit dpa)
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