Es gibt in Port-au-Prince viele Bilder, die sich in die Erinnerung brennen. Die aufgedunsene Leiche auf der Kreuzung von Rue Henri Christophe und Avenue Lamartinière im Stadtzentrum, das Gesicht mit einem alten Handtuch notdürftig bedeckt, die linke Hand wie zum Hilferuf ausgestreckt. Oder die Tausenden von Menschen, die ohne Ziel durch die schier unendlichen Trümmerlandschaften ziehen, ihre Habseligkeiten in Plastiksäcken oder Koffern bei sich tragend.
Und der Präsidentenpalast im Zentrum, der hundert Jahre lang alle politischen Unruhen unbeschadet überstanden hatte. Am Dienstagnachmittag kurz vor 17 Uhr sackte er binnen Sekunden in sich zusammen - Symbol für ein zusammengebrochenes Land.
Nun hat die Regierung den Notstand in dem zerstörten Karibikstaat ausgerufen. Der Ausnahmezustand gelte bis Ende Januar, teilte der haitianische Minister für Alphabetisierung, Carol Joseph mit. Zudem gelte für den Zeitraum von vier Wochen eine nationale Staatstrauer, in der die Flaggen auf öffentlichen Gebäuden im ganzen Land auf Halbmast gesetzt würden. Nach Angaben des Ministers wurden zudem bislang 70.000 Leichen in Massengräbern beigesetzt.
Nach Angaben der haitianischen Regierung sollen ab Montag rund 280 Notfallzentren in Schulen und öffentlichen Gebäuden in Haiti eröffnet werden. Wie aus Regierungskreisen verlautete, sollen diese in enger Abstimmung mit dem Welternährungsprogramm betrieben werden und der Verteilung von Hilfsgütern sowie als Notunterkünfte dienen.
Nach Angaben des kanadischen Außenministers Lawrence Cannon wollen die Geberländer in einer internationalen Konferenz am 25. Januar in Montréal über weitere Hilfsmaßnahmen für Haiti beraten. An dem Treffen sollen auch US-Außenministerin Hillary Clinton und der haitianische Ministerpräsident Jean-Max Bellerive teilnehmen.
Das Jahrhundertbeben vom Dienstag hat den ärmsten Staat der westlichen Hemisphäre mit unbeschreiblicher Wucht getroffen. 7,1 auf der Richterskala, die achtfache Energie der Hiroshima-Bomben. Die Erdstöße erschütterten ein Land, in dem die Menschen kaum älter als 55 Jahre werden, in dem es mehr Abfallberge als Arbeitsplätze gibt und das der UN-Entwicklungsindex zwischen afrikanischen Ländern wie Liberia und Sierra Leone einsortiert. "Haiti war schon vor dem Beben eine konstante Katastrophe", sagt Michael Kühn, Regionalkoordinator der Deutschen Welthungerhilfe in Haiti.
Das Epizentrum der Stöße, die das Land eine halbe Minute lang schüttelten, lag weniger als 15 Kilometer südlich des Präsidentenpalastes. Port-au-Prince, schon vor dem Erdbeben ein gigantisches Armenviertel mit zwei Millionen Einwohnern, ist Schätzungen zufolge zu bis zu 60 Prozent zerstört. Am manchen Stellen steht kein Stein mehr auf dem anderen.
Wie ein Kartenhaus sackte das Gebäude ein
50.000 Tote, 100.000 Tote, 200.000 Tote? Niemand weiß, wie viele Menschen unter den eingestürzten Gebäuden liegen. Man kann es nur ahnen, wenn man daran vorbeigeht und der bitter-süße Geruch von Verwesung schneidend in die Nase zieht. Die Menschen schützen sich dagegen mit Mundschutz, Taschentuch oder Hemdsärmel. Manche haben sich gegen den Gestank auch nur einen weißen Streifen Zahnpasta unter die Nase geschmiert.
Es ist Samstag, 10 Uhr, als das Rettungsteam des luxemburgischen Zivilschutzes mit schwerem Gerät und Spürhunden in der Rue du Foret anrückt. Hier stand einst die Linguistische Fakultät der Staatsuniversität. Joseph Maudelaire presst so fest die Daumen aufeinander, dass das Blut daraus weicht. Seine Frau Anne-José studierte im vierten Jahr Sprachen an der Staatsuni und wurde mit Dutzenden von Kommilitonen von dem Beben überrascht. Wie ein Kartenhaus sackte das Gebäude ein, begrub die Studenten unter sich. Die Wucht des Einsturzes presste Stühle, Computer und Aktentaschen heraus. Keine Menschen.
"Bis Donnerstagmorgen konnte ich mich noch mit meiner Frau verständigen, sie war eingeschlossen, aber sie lebte", sagt Maudelaire mit gepresster Stimme. Wie viele andere Angehörige harrt er seit dem Beben vor dem Schutthaufen aus. "Ich habe ihr noch Wasser in die Trümmer geworfen und Obst, dort, von wo ihre Stimme kam. Seither gibt es kein Lebenszeichen mehr." Maudelaire wendet sich ab, als ihm Tränen in die Augen schießen. Seine letzte Hoffnung ist das Luxemburger Rettungsteam.
Nach zwei Stunden leinen die Bergungsexperten die Spürhunde wieder an. "Für uns gibt es hier nichts mehr zu tun", sagt Einsatzleiter Kevin Thix. "Wir schätzen die Zahl der Leichen in den Trümmern auf 20 bis 25". Mehr als 78 Stunden könnten Menschen unter solch extremen Bedingungen bei großer Hitze und hoher Luftfeuchte kaum überleben - dann lassen die Kräfte nach, und die Hoffnung auf Rettung stirbt als erste. Als Thix den Befehl zum Abrücken gibt, ist Maudelaire schon nicht mehr da.
Menschen verkaufen Holzsärge auf den Straßen
Einen Steinwurf hinter dem Präsidentenpalast gleicht Port-au-Prince einem gigantischen Trümmerfeld. Kein Stein steht mehr auf dem anderen. Schulen, Kirchen, das Gerichtsgebäude, das Oberfinanzamt - an der Rue Monseigneur Guilloux ist alles dem Erdboden gleich. Die Bilder gleichen denen der Wochenschau aus deutschen Städten nach dem Zweiten Weltkrieg. Nur die Trümmerfrauen fehlen. Die Regierung in Haiti hat den Notstand ausgerufen. Der Ausnahmezustand gelte bis Ende Januar.
Stattdessen tragen Menschen Holzsärge durch die Straßen. Auf manchen steht: "A vendre", zu verkaufen. Schon vor dem Erdbeben hatte die Hälfte der Haitianer kein regelmäßiges Einkommen. Seit der Katastrophe haben sich die Preise vervielfacht. Das Pfund Reis kostet nun drei Euro statt einem. Das Essen in den Garküchen am Straßenrand hat sich von einem auf 1,60 Euro verteuert.
Auf den ersten Blick unbeschadet ragt aus dem apokalyptischen Szenarium das Allgemeine Krankenhaus heraus, unwirklich weiß und grün. Doch die Zimmer im größten Hospital der Stadt sind leer, die 1500 Patienten wurden wegen bedrohlicher Risse im Gebäude auf den Parkplatz gebracht. Vor der überfüllten Leichenhalle verrotten die Toten in der feucht-tropischen Hitze, die hier in der Karibik auch im Januar konstant 30 Grad beträgt. Keine hundert Meter entfernt liegen Leicht- und Schwerverletzte auf Betten oder Matratzen, schwären offene Wunden zwischen Leichengeruch und Autoabgasen. Manche liegen schlicht auf Holzplanken.
André Chantelaire ist einer der Patienten. Die Mutter hatte den 13-Jährigen zum Einkaufen geschickt, als das Beben ihn überraschte. Trümmer einer einstürzenden Mauer trafen ihn. Ein junger Notarzt des International Medical Corps aus den USA diktiert der Schwester im Eiltempo die Diagnose: rechte Hüfte, linkes Knie kaputt, Zehen am linken Fuß unbeweglich. Aus einer Platzwunde quer über die ganze Stirn quillt Eiter. "Da hilft nur noch plastische Chirurgie", sagt der Arzt, legt den Verband wieder an.
Ein paar Meter entfernt steht Jacques Pierre-Pierre, Leiter des Krankenhauses, nunmehr des Parkplatz-Lazaretts: "Sehen Sie sich doch um, es fehlt an allem. An chirurgischem Material, an Ärzten, an Platz in der Leichenhalle."
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