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Haiti: Wettlauf mit der Natur

Der tropische Regen bestätigt schlimmsten Befürchtungen von Meteorologen. Die Menschen sind unterdessen enttäuscht wegen der zögerlichen Hilfe und fordern Zelte. Von Klaus Ehringfeld

Viele Dächer über dem Kopf werden noch gebraucht.
Viele Dächer über dem Kopf werden noch gebraucht.
Foto: rtr

Ein tropischer Regen beendete im Morgengrauen des Donnerstags unsanft den Schlaf Hunderttausender in Haitis Hauptstadt Port-au-Prince. Der Regenguss traf die Menschen auch fünf Wochen nach dem Jahrhundertbeben weitgehend ungeschützt auf Straßen, Plätzen, zwischen Trümmern und in Vorgärten.

Nur einige wenige der Überlebenden verfügen über einen trockenen Schlafplatz im Zelt. Die meisten hausen noch immer dicht an dicht, Karton an Isomatte, unter freiem Himmel, Wellblech oder Plastikplanen. Erschöpft, traurig und ohne Idee, was sie machen oder wohin sie gehen sollen.

Der Regen vom Donnerstag und die Niederschläge der Vortage scheinen die Befürchtungen der Meteorologen zu bestätigen. Diese sagen voraus, dass die Regenzeit dieses Jahr bereits im März und nicht erst im Mai einsetzt. Das zwingt die Helfer bei der ohnehin schwierigen Versorgung der Obdachlosen und Überlebenden zusätzlich zu einem Wettlauf mit der Natur.

"Wir brauchen rasch Latrinen, Zelte, Plastikplanen", sagt der Chef der UN-Mission Minustah, Edmond Mulet. "Der Regen ist schon da, und ich fürchte, wir können nicht alle rechtzeitig unterbringen".

Protest gegen die zögerliche Hilfe

Immer wieder protestieren verzweifelte und enttäuschte Menschen in diesen Tagen auf den Straßen der haitianischen Hauptstadt gegen die zögerliche Hilfe und fordern vor allem Zelte. Immer wieder Zelte. "Es ist alles durchnässt", beschwert sich ein Mann, der mit seiner Familie seit vier Wochen auf dem Marsfeld im Stadtzentrum lebt, genau gegenüber dem eingesackten Präsidentenpalast. "Hier hat niemand etwas verteilt, kein Essen, keine Zelte. Wir fühlen uns im Stich gelassen".

Der Mangel an vernünftigen Notunterkünften ist in diesen Tagen eines der größten Probleme in dem verwüsteten Land. Präsident René Préval beklagt, dass es nicht genügend Zelte auf dem Markt gibt, der UN-Sondergesandte Bill Clinton verspricht sie, kann aber keinen Zeitpunkt nennen, und auch Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy will welche schicken.

Die Zelte haben sich in das Sinnbild der problematischen Versorgung der Bebenopfer in einem Land verwandelt, in dem die Regierung praktisch nicht existiert und die UN-Mission nach dem Tod von knapp 250 führenden Köpfen noch immer vor allem mit sich selbst beschäftigt ist.

1,5 Millionen Menschen auf der Suche nach einer Bleibe

Die UN-Organisation für Migration (IOM) schätzt, dass in ganz Haiti zwischen einer und 1,5 Millionen Menschen auf der Suche nach einer Bleibe sind. Das sind fast drei Mal so viele wie in der Folge des Tsunami in Asien 2004. Aber in Haiti sind sie weitgehend in einer einzigen Stadt konzentriert und nicht auf 17 verschiedene Länder verteilt.

Auch deshalb haben die Vereinten Nationen am Donnerstag den größten Hilfsaufruf ihrer Geschichte gestartet. Generalsekretär Ban Ki Moon und der Haiti-Beauftragte Clinton forderten die 191 Mitgliedsstaaten auf, für dieses Jahr 1,44 Milliarden Dollar (1,06 Milliarden Euro) für Haiti zur Verfügung zu stellen. Nach der Tsunami-Katastrophe hatten die UN um 1,41 Milliarden Dollar Hilfe gebeten.

Der Spendenaufruf aktualisiert jenen vom 15. Januar. Damals wollten die Vereinten Nationen 562 Millionen Dollar für die ersten sechs Monate nach dem Beben. Die Summe hat sich aber als bei weitem nicht ausreichend erwiesen. Mit dem jetzt bezifferten Betrag sollen auch die Landwirtschaft und die Kommunikationsinfrastruktur wieder in Gang gesetzt werden. Zudem ist das Geld für die Unterhaltung der großen Notunterkünfte außerhalb von Port-au-Prince vorgesehen, die sich bei der Bevölkerung aber nur geringer Beliebtheit erfreuen.

Autor:  Klaus Ehringfeld
Datum:  19 | 2 | 2010
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