Hamburg. Von solchen Ergebnissen können politische Parteien nur träumen. 77 Prozent der Bürger des Bezirks Hamburg-Altona sprachen sich in einem Volksentscheid dafür aus, dass Ikea seinen weltweit ersten Innenstadtmarkt in die Altonaer City bauen darf. Der schwedische Möbelkonzern holte damit mehr Stimmen als CDU, SPD und FDP zusammen bei der Europawahl 2009. Auch die Beteiligung an dem Bürgerentscheid lag mit 43 Prozent um drei Prozentpunkte höher als bei der Abstimmung zum Europäischen Parlament.
Ikea freut sich darüber, dass "die Mehrheit der Bürger Ikea in Altona willkommen heißt". Allerdings steht noch die Entscheidung über die Durchführung eines weiteren Bürgerentscheids aus, der genau das Gegenteil zum Zweck hat, nämlich Ikea zu verhindern. Ob dieser vom Hamburger Senat tatsächlich noch bewilligt wird, ist indes mehr als fraglich.
Hintergrund des für Außenstehende bizarren Vorgangs ist der Streit um eine seit Jahren heruntergekommene Einkaufspassage unweit des Altonaer Bahnhofs. Was in den siebziger Jahren wegen des massiven Einsatzes von Beton als modern galt, ist seit rund zehn Jahren dem wirtschaftlichen Niedergang geweiht. Mittendrin thront ein gigantischer Betonklotz namens "Frappant", in dem einstmals Karstadt saß und den Ikea abreißen und durch einen siebengeschossigen Möbelmarkt ersetzen will, der 2012 seine Tore öffnen soll.
Die übrig gebliebenen Gewerbetreibenden hoffen, dass sich die "Große Bergstraße" durch Ikea endlich wieder belebt und hatten deshalb das Bürgerbegehren für den gesamten Bezirk Altona angestoßen. Dazu zählen auch "bessere" Viertel wie etwa Blankenese.
Die Initiatoren des Anti-Ikea-Begehrens befürchten hingegen, dass die Mieten durch das neue Einrichtungshaus in der Umgebung so stark steigen werden, dass sie für sozial Schwache - anders als heute - nicht mehr bezahlbar sind. Beispiele gibt es genug. Wohnraum in den benachbarten einstigen Kleinbürger- und Arbeiterquartieren Ottensen, St. Pauli und dem Schanzenviertel wurde durch flächendeckende Sanierungen und fehlenden sozialen Wohnungsbau in den letzten Jahren zunehmend nur noch für Besserverdienende bezahlbar.
"Wir rechnen mit einem massiven Verkehrschaos, wenn täglich Tausende Autos nach Altona in die Innenstadt drängen", sagt Jonas Weber von der Initiative "Kein Ikea in Altona". Bisher hat der schwedische Möbelkonzern noch kein Verkehrskonzept vorgelegt. Dass Ikea-Käufer künftig ihr Billy-Regal einfach unter den Arm klemmen, glauben selbst Befürworter wie Heinz Weißsteiner nicht, der in der Einkaufspassage seit 15 Jahren einen Friseursalon unterhält. "Der Verkehr wird sicher zunehmen, aber der wird ja nun immer umweltfreundlicher", ist seine Vision.
Diese Hoffnung teilen offensichtlich nicht alle Anwohner, die nach Auskunft der Gegner in ganzen Straßenzügen für die Gegeninitiative unterschrieben hätten. Mancher habe an der Befragung "pro Ikea" nicht teilgenommen, da, so eine Anwohnerin, sie nicht gewusst habe, dass sie dort auch mit Nein stimmen könne. Doch jetzt dürfte es angesichts der hohen Zustimmung im gesamten Bezirk - zu denen auch Elbvororte weit entfernt vom Geschehen gehören - wohl zu spät sein.
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