"Die Immobiliennot ist objektiv vorhanden", sagt Kultursenatorin von Welck, "als politisch Verantwortliche sind wir ganz gut vorangekommen in den letzten Jahren, aber nicht weit genug." Geld ist da. Zumindest für Hochglanzkultur wie die Elbphilharmonie, ein Konzerthaus im neuen Vorzeigestadtteil Hafencity. Für Künstler wird die neu geschaffene "Kreativagentur" zuständig sein, die ihnen bezahlbare Ateliers vermitteln soll. Wo diese Räume liegen, bestimmen jedoch nicht die Künstler. "Ich frage mich, wo man eigentlich Kunst machen kann", sagt Markus Schreiber, Leiter des Bezirksamts Mitte, "ist es wichtig, dass das in der Nähe St. Paulis passiert - oder geht Wilhelmsburg auch? Dort bieten wir Ateliers an - aber da will kein Schwein hin."
Die Künstler ziehen nicht mit, weil sie endlich Zeichen setzen wollen. Gegen die schleichende Verneureichung ihrer Viertel, in denen die Bewohner nicht ausgetauscht werden sollen wie am Prenzlauer Berg in Berlin - jung gegen alt, solvent statt im Soll. "Wir kommen zusammen, um uns gegenseitig schlauer zu machen", sagt Christoph Schäfer vom Aktionsnetzwerk "Es regnet Kaviar". Er ist einer, der weiß, wie man der Stadt etwas abtrotzt: Der Künstler war mit dafür verantwortlich, dass das letzte Stück Elbblick den St. Paulianern erhalten geblieben ist und nicht zugebaut wurde. Heute ist dort ein kleiner Park mit Palmen - "Park Fiction" genannt. Die Stadt wirbt damit gerne in ihren Broschüren.
Einige Meter neben dem Park beginnt die Bernhard-Nocht-Straße. Thies Mynther wohnt dort, er ist Musiker und Produzent, und er wohnt da gerne, zwischen Hafen- und Herbertstraße - und er ist einer, der es sich eigentlich auch leisten könnte, dort wohnen zu bleiben, falls die Mieten steigen. Die Häuser in der Straße sind alt, aber meist gut erhalten, im Erdgeschoss liegen traditionsreiche Kneipen. In der "Washington Bar" wurde einst Freddy Quinn entdeckt. Es ist ein bisschen schmuddelig hier, das gehört dazu: "Ich bin ja hierher gezogen, weil ich es nicht so geleckt mag", sagt Mynther. Nun aber will ein Investor teure Apartmenthäuser zwischen die Altbauten setzen und die anderen sanieren - ohne dass die Mieten steigen sollen, wie er sagt. Doch hier glaubt ihm das niemand. Aus Erfahrung.
Die Anwohner haben sich zusammengetan, um gegen die Pläne anzugehen. Auf dem Bezirksfest der Bernhard-Nocht-Straße sehen die Besucher, wie kreativ der Widerstand ist: Ein Puppentheater zeigt "Kasperle und der Miethai", nebenan wird "Gentropoly" gespielt, ein riesiges Monopoly-Spiel mit Hamburger Straßennamen. Das klingt alles lustig - ist aber beileibe kein Spaß: "Ich habe lange nur dabei zugeschaut, was um mich herum passiert", sagt Mynther, "aber wenn nun tatsächlich die Mieten hochgehen und der Rentner gegenüber ausziehen muss, und ich habe nichts dagegen gemacht - dann kann ich doch hier niemandem mehr in die Augen schauen."
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