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Grubenunglück in Chile: Heiratsantrag aus 700 Metern Tiefe

Einer der 33 verschütteten Minenarbeiter macht seiner Freundin einen Heiratsantrag. Auf einem Video zeigen die Kumpel, wie sie sich eingerichtet haben.

Verschütteter
Neue Bilder aus der Tiefe zeigen, dass es den Verschütteten noch einigermaßen gut geht.
Foto: dpa
Copiapo –  

Wahrscheinlich bis Weihnachten müssen sie noch warten, bis sie ihre Lieben wieder in die Arme schließen können. Bis dahin trösten sich die 33 in einer chilenischen Mine eingeschlossenen Kumpel und ihre Angehörigen mit kleinen Momenten des Glücks: wenn sie durch die „Rohrpost“ Briefe aus der Tiefe erhalten und ihrerseits kleine Geschenke und Antworten schicken können. Bei den ersten Sendungen warteten beide Seiten mit Überraschungen auf.

„Für wen ist es, für wen ist es?“ Es ist schon spät in der Nacht zum Donnerstag, gerade wollten sich die Familien vom „Camp Hoffnung“ am Rande der kleinen Gold- und Kupfermine San José in ihre Zelte zurückziehen, als die erste Post aus 700 Metern Tiefe eintrifft. Stunden vorher hatten sie ihre ersten Briefe abgesandt und geduldig auf Antwort gewartet, für diese Nacht aber die Hoffnung aufgegeben. Sofort sind Erschöpfung und Kälte vergessen, aufgeregt stürzen sich alle auf die wertvolle Post.

Jessica Yanez lacht ungläubig auf: „Er will mich heiraten“, erzählt sie leicht verschämt den umstehenden Frauen und Männern. Seit 25 Jahren ist sie nun schon mit dem Bergmann Esteban Rojas standesamtlich verheiratet. Schon immer träumten sie von einer Trauung in Weiß - aber irgendwie fand sich nie die Zeit dazu. In seiner ersten Botschaft macht Esteban nun seiner Frau einen Heiratsantrag: „Wenn ich hier rauskomme, kaufen wir Dir sofort ein weißes Kleid und lassen uns trauen“, schreibt er.

Carolina Narvaez ist genauso gerührt wie ihre Nachbarin: „Ich habe ihm geschrieben, wie sehr ich ihn liebe - und jetzt schickt er mir dieselbe Liebe zurück“, sagt sie mit heiserer Stimme und liest immer wieder über die wenigen Worte ihres Mannes Raul Bustos. Carmen Illanes fällt ihr fast ins Wort: „Ich habe ihm geschrieben, was für ein Wunder es ist, dass sie alle noch leben - und er schreibt mir zurück, dass wir Gott danken und zu ihm beten sollen“.

Das chilenische Fernsehen hat erstmals Videoaufnahmen der Bergarbeiter gezeigt, die sich in 700 Metern Tiefe so gut es geht eingerichtet haben. „Wir haben hier alles gut organisiert“, sagt einer der 33 Arbeiter mit nacktem Oberkörper und Bart in die Kamera und zeigt auf eine Art Badezimmerecke, in der Medikamente, Zahnpasta, Deo und auch Alkohol aufbewahrt werden. Aus einem Kanister verteilen sie Wasser für Gesicht und Hände, ein kleines Wasserglas dient zum Zähneputzen. Das Video ist 45 Minuten lang, das Fernsehen zeigte am Donnerstagabend (Ortszeit) Ausschnitte. Aufgenommen wurde es mit einer Mikrokamera, die über den Schacht, über den die Bergarbeiter auch mit Nahrung versorgt werden, hinuntergelassen wurde.

„Hier in dieser Ecke versammeln wir uns, wir treffen uns jeden Tag und stellen einen Plan auf“, fährt der Minenarbeiter fort und geht dann ein paar Meter weiter. „Und hier beten wir.“ Insgesamt waren auf dem Video rund 20 der seit Anfang August verschütteten 33 Bergleute zu sehen. Einige hatten sich hingelegt. Viele der Männer sendeten Botschaften an ihre Familien. „Hallo liebe Familie, bitte holt uns schnell hier raus“, sagte einer von ihnen. Zum Schluss stimmten sie die Nationalhymne an.

Der kleine Schacht, der die seit drei Wochen in einem Notraum der eingestürzten Mine ausharrenden Kumpel mit der Außenwelt verbindet, ist viel zu schmal für die Männer - einen breiteren Schacht zu bohren aber dauert mehrere Monate. Bis dahin müssen sie sich mit der „Nabelschnur“ zufrieden geben: Neben Nahrung und Medikamenten erhalten sie darüber auch all die anderen lebensnotwendigen Dinge: Zuspruch und kleine Geschenke, die zeigen, wie sehr alle an sie denken.

Unter der nächsten Postlieferung für die Eingeschlossenen ist auch ein Trikot der chilenischen National-Fußballmannschaft mit den Unterschriften des aktuellen Teams und ihres Trainers Marcelo Bielsa - ein Geschenk an Franklin Lobos, der in den 1980er Jahren selbst einmal Nationalspieler war und nun mit 55 Jahren sein Geld als Bergmann verdienen muss. „Das wird ihn freuen“, ist seine Tochter Carolina überzeugt, „er bewundert vor allem Bielsa und seine Arbeit“. Die Familie des 34-jährigen Edison Pena hat ein Foto von Elvis Presley besorgt und mit der Botschaft versehen: „Halte durch, bald bist Du so berühmt wie Elvis“.

Ob Zärtlichkeiten oder lustige Durchhalte-Parolen, die Botschaften verfolgen dasselbe Ziel: Sie geben den Eingeschlossenen Hoffnung und Optimismus und helfen ihnen, ihre traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten. „Sie erzählten uns, dass die ersten Tage nach dem Unglück schiere Folter waren - sie dachten, sie müssten langsam zugrunde gehen“, berichtet Edison Penas Vater. „Sie hörten die Bohrer - aber niemals da, wo sie waren. Als es dann doch klappte, fühlten sie sich wie neugeboren.“ (AFP)

Datum:  27 | 8 | 2010
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