In einem dramatischen Appell hat der Chef der Candoshi-Indianer die Behörden in Peru aufgefordert, gegen eine Hepatitis-Epidemie vorzugehen, da sein Stamm sonst aussterbe. Venancio Ukama, der Apu (Häuptling) des rund 2500 Menschen umfassenden Volkes, ist in den vergangenen Tagen in die Hauptstadt Lima gereist, um sich Gehör zu verschaffen. Das immerhin gelang: Der Auftritt des Häuptlings aus dem fernen Urwald-Departement Loreto erweckte Aufmerksamkeit für das Schicksal eines Indianerstammes, das die Behörden bisher offenkundig kaum interessiert hat. "Mein Volk leidet, wir sind ernsthaft in Gefahr auszusterben!", rief Ukama in seiner Sprache aus.
Wie sehr die Candoshi von den staatlichen Behörden vernachlässigt werden, zeigt sich schon daran, dass keine gesicherten Zahlen über das Ausmaß der Hepatitis-Epidemie vorliegen. Die letzten amtlichen Daten sind neun Jahre alt, danach waren 68 Prozent der Candoshi an Hepatitis B erkrankt. Ein in der Nähe stationierter Tropenarzt schätzt freilich, dass jetzt vier von fünf Candoshi an Hepatitis litten.
In dieser Weise äußerte sich auch Ukama: 2000 der 2500 seiner Stammesgenossen seien erkrankt, 78 von ihnen schwer. Quasi als Beweis hatte er eine erkrankte Frau mitgebracht, die in Lima sofort in eine Notfallstation eingeliefert wurde. Die dortigen Ärzte gaben ihr höchstens noch zwei Jahre Lebenszeit.
Infektionen seit den 90ern - als ein Ölkonzern anrückte
Zwar rief die Regierung auf Ukamas Appell hin den Notstand im Candoshi-Stammesgebiet rund 800 Kilometer nördlich von Lima aus, konnte damit die Indianer aber nicht besänftigen. Als Gesundheitsminister Oscar Ugarte sagte, die Behandlung "wird sehr teuer", erwiderte eine Begleiterin des Häuptlings erregt, ob er denn die Indianer aus Kostengründen lieber sterben lassen wolle.
Gianina Lucana, eine Candoshi-Krankenschwester, die in der Region den Naturschutzverband WWF vertritt, sagte, die Infektionen hätten bereits in den Neunzigern begonnen, als der US-Ölkonzern Occidental eine Bohr- und Förderkonzession in der Gegend erhielt: "Davor kannten wir diese Krankheit gar nicht". 2001 wurde dem WWF zufolge die Epidemie bekämpft, etwa durch Impfung der Kinder, aber das dabei führende UN-Kinderhilfswerk Unicef habe sich vergangenes Jahr zurückgezogen.
Die Candoshi bekamen erstmals 1744 Kontakt zu Weißen, beharrten jedoch lange auf freiwilliger Isolation und begegneten Fremdlingen bis tief ins 20. Jahrhundert mit Feindseligkeit. Kautschuksucher ließen sie nicht auf ihr Gebiet, verkauften ihnen jedoch das selbst gesammelte Latex. Trotz dieser Vorsicht wurden die Candoshi bereits 1940 von einer Epidemie erfasst, bei der Hunderte von ihnen umkamen.
Die prächtige Federkronen tragenden Indianer jagen, fischen und bestellen ihre Felder, deren Erträge sie zum Teil verkaufen. Die Ölgesellschaften in ihrer Region gelten seit langem als der Faktor, der den größten Druck auf ihre Lebensform ausübt - und offenbar auch auf ihre Gesundheit.
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