Zwei Franzosen können es am besten. Wie im vergangenen Jahr darf sich Sylvain Quimene, Künstlername Günther Love, wieder Luftgitarren-Weltmeister nennen. Er gewann das Finale auf dem Marktplatz der finnischen Stadt Oulu gegen 23 Kontrahenten. Diesmal vor seiner Landsfrau Soraya Garlenq (Künstlername „Eva Gina Runner“) und dem Kanadier Cole Manson („Johnny Utah“). Der 29 Jahre alte Sieger aus Frankreich kam mit Sonnenbrille, durchtrainierten Oberkörper und glänzender Stretchhose auf die Bühne und beeindruckte mit seinem Gitarrenspiel zu „Foxy Lady“ von Jimi Hendrix. Beim großen Finale am Ende des Festivals rockten die Teilnehmer gemeinsam zu „Rockin’ In The Free World“. Die 7000 Zuschauer johlten und pfiffen vor Begeisterung, nach Angaben der Veranstalter fielen mehrere neben der Bühne wartende Groupies in Ohnmacht.
Vor 14 Jahren hatten ein paar Finnen die Idee, inzwischen ist die Weltmeisterschaft in Oulu ein Ereignis geworden, dass weltweit für Aufmerksamkeit sorgt und clever vermarktet wird. Als der Bürgermeister einen Vortrag in Silicon Valley hielt und am Ende beschreiben sollte, wo denn das größte High-Tech-Zentrum Finnlands liegt, griff der Mann zur Gitarre. Oder besser: zur Luftgitarre. Ein Raunen ging durch die Zuhörerschaft: Oulu! Die Hauptstadt der Luftgitarristen.
Angefangen hat alles in der Rotuaari-Einkaufsmeile, wo sich 20 Freunde zur ersten Weltmeisterschaft trafen. Mit ihren Showeinlagen zu Deep Purples „Smoke on the Water“ belegten drei Finnen die drei ersten Plätze. „Da war uns klar, wir brauchen dringend eine richtige Weltmeisterschaft“, erinnert sich Jukka Takalo, damals Jury-Mitglied. Inzwischen werden die einst belächelten Organisatoren und WM-Teilnehmer längst zum Sektempfang beim Bürgermeister erwartet, wo die Honoratioren Oulus mit den zottligen und exotischen Rockern Hände schütteln und fürs Pressefoto posieren. Da treffen Schlips und Kragen auf Rastalocken und Ganzkörper-Tattoos. Auf dem Büfett: Salate und Gummibärchen. Aus Südafrika, den USA und Neuseeland sind die Teilnehmer in den vergangenen Jahren angereist, und ein australisches Filmteam begleitete ihren etwas prolligen Landesmeister auf Schritt und Tritt. Vielleicht haben die Filmemacher auch die Teilnehmer beobachtet, die reichlich kifften. Tapani Launonen, 40-jähriger Begründer der Air Guitar World Championships, versichert: „Hier ist nichts verboten, außer der Gitarre. Du kannst Air Drugs nehmen und natürlich auch Air Groupies.“
Für die 130.000-Seelen-Stadt Oulu ist das Ereignis ein wichtiger Wirtschaftsfaktor im Rahmen der Musikfestivalwoche im August: mit drei Tage lang fast ausgebuchten Hotels, Sponsoren wie Jägermeister, einem Budget von etwa 300.000 Euro und drei fest angestellten WM-Organisatoren. Die Finnair freut sich, das finnische Fernsehen überträgt das Finale live, Reiseveranstalter bieten „Air Guitar Packages“ mit Sauna, Kajak und Luftgitarren-Kursen. „Es lohnt sich“, sagt der stellvertretende Bürgermeister Sinikka Salo. Auf You Tube präsentiert sich Oulu mit einem „Air Guitar Workout“-Video – das rockt und hält fit. Das kuriose Thema ließen sich weder MTV noch CNN oder The Beijing News entgehen. Und schon gibt es in 24 Ländern nationale Meisterschaften in der luftigen Disziplin – von Brasilien und Mexiko über die Ukraine bis nach Japan. Die Bestern haben gute Chancen auf Werbeverträge in ihren Heimatländern. Der japanische Luftgitarren-Meister und zweimalige WM-Champion Ochi „Dainoji“ Yosuke trat in Kinospots auf, seitdem wird Yosuke-san zu Hause um Autogramme gebeten.
Auch der ehemalige US-amerikanische WM-Champion Dan Crane ist alles andere als ein Luftikus: Nicht nur, dass er beim Luftrocken seine Frau fürs Leben kennenlernte und heiratete. Es scheint ihm wie auch dem Berliner Luftgitarren-Profi Christian „Heart Buckboard“ Sweep, der diesmal Zwölfter wurde, gelungen zu sein, auf selbstironische Art tatsächlich mit seiner Leidenschaft Geld zu machen – mit Buch, Dokumentarfilm und Workshops.
Die Veranstaltung stand auch dieses Jahr unter keinem geringeren Motto als dem Weltfrieden: „Wenn alle Menschen auf der Welt Luftgitarre spielen, kann keiner eine Waffe tragen!“ Dieser Logik des Veranstaltungschefs Launonen kann niemand widersprechen, der den WM-Teilnehmern bei ihren zweimal 60-Sekunden dauernden Auftritten zuschaute: Während einige sich cool oder verbissen am Gemächt zu kratzen scheinen („Phallozentrierte Implikationen“ nennt der deutsche Medienwissenschaftler und Luftgitarrist Mathias Mertens das männliche Gehabe) oder sich mit Dauer-Headbanging begnügen, legen andere Teilnehmer viel Wert auf Beinarbeit (im Kreis laufen, auf einem Bein seitwärts hüpfen wie das große Idol Angus Young von AC/DC). Kniefall und Spagat-Luftsprünge à la Van Halen sind ebenso angesagt wie geballte Fäuste, Windmühlen-Arme und diverse Zeichen mit gespreizten Fingern bis hin zur finalen Ekstase auf dem Rücken.
Mittlerweile gibt es weltweit Kurse, Uni-Seminare und Doktorarbeiten zum Thema. Die US-amerikanische Musikethnologin Sydney Hutchinson von der Syracuse University in New York beobachtet das Spaßfestival seit einigen Jahren, auch vor Ort in Oulu, und versucht das Phänomen zu erklären. „Es geht hier um eine ,tricky balance’, den schmalen Grad zwischen Albernheit und Ernsthaftigkeit“, sagt sie und ergänzt: Da wir alle im Zeitalter der Ironie lebten, hätten wir wohl nichts Besseres verdient.
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