Über die Rolle des Leibarztes von Michael Jackson gibt es vier Tage nach dem Tod des 50-jährigen Popstars wachsende Diskussionen. Der Kardiologe Conrad Murray soll dem Musiker nun doch keine Schmerzmittel-Spritze gegeben haben, kurz bevor Jackson einen Herzstillstand erlitt. Er habe den Star bereits bewusstlos im Schlafzimmer seines Hauses vorgefunden - das erklärt nun ein Anwalt des Herzspezialisten. "Er prüfte seinen Puls. Der Puls in seiner Oberschenkelarterie war schwach. Er begann mit der Herz-Lungen-Reanimation", erklärte sein Anwalt laut der Los Angeles Times.
Murray selbst soll es auch gewesen sein, der der Jackson-Familie die Autopsie des Leichnams vorgeschlagen hat: "Er hat nicht verstanden, warum Michael Jackson gestorben ist." Murray war am Wochenende drei Stunden lang von der Polizei verhört worden. Die Polizei geht jedoch nicht davon aus, dass Murray etwas vorzuwerfen sei.
Conrad Murray, 51, hatte erst vor wenigen Wochen die Verantwortung für den Gesundheitszustand des "King of Pop" übernommen. Seit Mai betreute er Michael Jackson rund um die Uhr. Murray gilt als angesehener Herzspezialist und hat Zulassungen in mehreren US-Bundesstaaten.
Seine Praxis in Las Vegas hatte Murray geschlossen, nachdem Jackson ihn zu seinem persönlichen Arzt ernannt hatte und Murray bei ihm eingezogen war. Der Musiker sollte fit werden für sein Comeback in diesem Sommer.
Murrays Vergangenheit beschäftigt seit dem plötzlichen Tod Jacksons die US-Medien. Er habe schwere finanzielle Probleme, heißt es. Allein 2008 soll Murray Medienberichten zufolge rund 400.000 Euro Schulden angehäuft haben. Neunmal habe er schon wegen unbezahlter Rechnungen vor Gericht gestanden. Sein Privatleben war bewegt: Murray hat sechs Kinder mit verschiedenen Frauen.
Seiner Karriere wollte der Arzt mit der Betreuung Michael Jacksons seiner Karriere eine neue Richtung geben. Er bezeichnete die neue Aufgabe als "einmalige Chance" in seinem Leben, bevor er seine Praxis in Las Vegas bis auf Weiteres schloss.
Conrad Murray ist seit dem Tod des Superstars selbst ins Rampenlicht gerückt - bis dahin war er ein kaum bekannter Kardiologe, der in Los Angeles, Las Vegas und Texas praktizierte. Heute wissen Millionen von Menschen: Er ist der Arzt, der bei Michael Jackson in dessen letzten Stunden war. Mehr noch: Er hatte Jackson über Jahre hinweg Schmerzmittel verschrieben, an deren Nebenwirkungen der Popstar letztlich wohl starb.
Vor rund zwei Wochen soll sich der Kardiologe von den Patienten seiner Praxis in Las Vegas verabschiedet haben, um sich fortan ganz um Jackson und dessen Vorbereitungen zur geplanten Comeback-Tournee zu widmen. Er schließe die Praxis "wegen einer Chance, die man nur einmal im Leben hat".
Exzessiver Pillenkonsum
Klar ist nur: Jackson, der von einem Comeback träumte und dafür hart trainierte, nahm seit Jahren unzählige Tabletten und bekam Spritzen gesetzt, darunter auch Demerol, ein hochwirksames Schmerzmittel. Das nahm er mindestens seit 2005 - damals, als der Prozess wegen Kindesmissbrauch gegen ihn lief, durchsuchte die Polizei seine Ranch Neverland und beschlagnahmte größere Mengen des Medikaments.
Aber der exzessive Pillenkonsum des 50-jährigen Popsängers reichte noch viel weiter zurück, mindestens bis 1984, als das Haar des Entertainers bei Proben für einen Pepsi-Cola-Werbespot Feuer fing. Seine Verbrennungen mussten mit Schmerzmitteln gelindert werden, auch die Folgen mehrerer Tanzunfälle, und seiner vielen Schönheitsoperationen. 1993, als Jackson das erste Mal vor Gericht stand, bezeichnete er sich erstmals öffentlich als medikamentenabhängig.
Später versuchte Deepak Chopra, Arzt und einer von Jacksons "spirituellen Beratern", ihn davon abzubringen, aber der Popstar "ging einfach nicht mehr ans Telefon", sagte er. Nicht nur seine Familie und die Babysitterin seiner drei Kinder, die ihm mehrmals den Magen auspumpen musste, waren deshalb besorgt.
Auch der Jackson-Biograph Stacey Brown erklärte nun, der Star sei zuletzt schwach und dramatisch untergewichtig gewesen. Zwischendurch bat Jackson Chopra auch darum, ihm das Schmerzmittel Oxycontin zu verschreiben. Aber der lehnte ab. "Michael war abhängig, aber er hatte willige Ärzte, die seine Sucht verstärkt und sogar verursacht hatten", sagt Chopra heute.
Murrays Qualifikation als Facharzt zweifelhaft
Damit meint er wohl Murray. Dieser hatte 1989 auf dem Meharry Medical College in Nashville, Tennessee, seinen Doktor gemacht. Seine Qualifikation als Facharzt ist jedoch ein wenig zweifelhaft: Der Ärzte-Rankingorganisation HealthGrades zufolge ist er weder als Kardiologe noch als Internist von der Fachschaft anerkannt. Das ist zwar rechtlich auch nicht notwendig, um praktizieren zu dürfen, wird aber empfohlen.
Darüberhinaus ist er schwer verschuldet und hatte deshalb in den letzten Jahren auch öfters den Wohnsitz gewechselt, berichteten der Fernsehsender ABC und die New York Times. So hatte Murray alleine an Studiengebühren 71.000 Dollar offen, außerdem hatte er mehr als 400.000 Dollar Schulden, teils an Kindesunterhalt, den er nicht gezahlt hatte, aber auch Schadensersatzforderungen von Patienten, die ihn verklagt hatten, dazu Steuerschulden und 100.000 Dollar für Medikamente, die er bei einer Apotheke bestellt hatte. 1992 meldete er privaten Konkurs in Kalifornien an.
So war die Lebensstellung bei Jacko wohl die Rettung für ihn. Dem Internet-Dienst tmz zufolge wohnte der Arzt gar bei dem Popstar und begleitete ihn auf Reisen. Nach Jacksons Tod ließ die Polizei den BMW des Arztes abschleppen, der vor dessen Haus in Holmby Hills stand. Sie hoffte, dort Proben der verschreibungspflichtigen Substanzen zu finden, die Murray dem Popstar gegeben hatte. "Wer ist dieser Arzt?", fragt nun auch der schwarze Bürgerrechtler Jesse Jackson irritiert, der zurzeit als Sprecher der Familie auftritt. "Warum war er bei Michael? Was hat er ihm gespritzt? Wie oft?"
Neben den Debatten um einen möglicherweise verschreibungsfreudigen Leibarzt zeichnen sich auch Streitigkeiten um Jacksons Kinder ab. Das Sorgerecht für den siebenjährigen Prince Michael Jackson II, der von einer Leihmutter geboren wurde, hat dessen Pate Alvin Malnik. Die Mutter des zwölfjährigen Michael Joseph Jackson und der elfjährige Paris Michael Katherine Jackson ist hingegen die Krankenschwester Debbie Rowe. Zwar hat sie das Sorgerecht 2006 nach einem Gerichtsstreit an Jackson abgegeben. Nun aber möchte sie es wiederhaben. Aber auch die Großmutter Katherine Jackson, 79, die sich in den letzten Jahren um die Kinder gekümmert hat, möchte sie betreuen - und wird dies vorerst auch dürfen, nachdem ein Richter in L.A. ihr am Montag das vorläufige Sorgerecht für die Kinder des King of Pop übertrug.
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