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Antiker Lifestyle: Hip Hop ante portas

Latein ist wieder da – in Klassenzimmern ebenso wie auf Unterarmen und Rap-Platten. Die "Ista-Rapper" standen anfangs sogar mit Toga auf der Bühne.

Der Moment, in dem Latein Jugendkultur wurde: Das „Römer, geht nach Hause“-Graffito in Monty Pythons „Das Leben des Brian“.
Der Moment, in dem Latein Jugendkultur wurde: Das „Römer, geht nach Hause“-Graffito in Monty Pythons „Das Leben des Brian“.
Foto: cinetext

Die Rap-Karriere des Clemens Liedtke beginnt 1992, in Wilhelmshaven, im Lateinunterricht. Mit einem Lied der „Fantastischen Vier“ und einer Frage an seinen Lateinlehrer: Was heißt „Die da“? Antwort: Ista. Die Geburtsstunde des lateinischen HipHop, der Band Ista. Einer Formation, die auf Latein rappt.
Mittlerweile haben die Rapper von Ista ein Album veröffentlicht „ISTA omnia – Ista optia“, mehrere Fernsehsender, Magazine und sogar die BBC haben über sie berichtet. Dazu kommen unzählige Konzerte. Auf den Römertagen in Basel vor 1000 Zuschauern, auf den Europäischen Kulturtagen in Bonn, auf Schulveranstaltungen und Lehrertagungen.

Die meisten der acht Ista-Rapper sind Anfang dreißig. Ein Architekt ist dabei, eine Krankenschwester, eine Juristin, der Lateinlehrer von damals. Anfangs standen sie noch in schweren weißen Kutten auf der Bühne. „Aber die Toga trägt sich auf der Bühne unglaublich blöd, deshalb haben wir sie irgendwann gegen Basecaps getauscht“, sagt Liedtke, Frontmann der Band, und fügt hinzu: „Bei den Lehrertagungen werden wir nach dem Konzert oft nach den Literaturquellen unserer Texte gefragt.“ Liedtke ist 32, trägt Brille und weißes Hemd und kann Hieroglyphen lesen. Er promoviert in Ägyptologie. Die Lehrerfrage nach den Literaturquellen beantwortet er so: die Fanta Vier – oder Catull, sein Lieblingsdichter. „Seine Gedichte lesen sich so unheimlich frisch und modern.“

Clemens Liedtke liebt Latein, diese tote Sprache eines untergegangenen Reiches, die einstige Sprache der Dichter und Denker. Den Bewohnern Roms, der damals modernen Welt, ging es gut, die Bürokratie wuchs. Und die Entwicklungsländer, Provinzen genannt, waren nur zum Ausbeuten da. Bis erst die Wirtschaftskrisen, dann die Barbaren kamen. Latein wurde zur Sprache ohne Volk. Zum Aussterben verdammt. Eigentlich. Denn die lingua latina wurde zum Vorgänger des Englischen. Zur Weltsprache, der Sprache der Gebildeten. Heute erreicht sie sogar bildungsferne Schichten. David Beckhams Unterarm verkündet: Perfectio in spiritu – Vollkommenheit im Geiste. Auf Angelina Jolies Bauch steht: Quod me nutrit me destruit – Was mich nährt, zerstört mich. Zugleich hat das Bürgertum das Lateinische in Massen wiederentdeckt: 47 Prozent der bayerischen Gymnasiasten lernen Latein. Bundesweit liegt die Quote bei fast 30 Prozent.

Tempora mutantur – die Zeiten ändern sich

Die totgesagte Sprache feiert ihr Comeback. Tempora mutantur – die Zeiten ändern sich. Im Jahr MMXI nach Christus versuchen die westlichen Länder, Schritt zu halten mit den Emerging Markets, die örtlichen Neo-Neros sprechen von spätrömischer Dekadenz und zu gering ausgeprägter ora-et-la-bora-Mentalität im eigenen Land. Sie sprechen in ihrem unverbindlichen, nichtssagenden Deutsch von Krisen, Schulden, den vielen faulen Hartz-IVlern, dem schwindenden Mittelstand, der abnimmt wie Varus’ Legionen im Teutoburger Wald.

Latein bietet eine Möglichkeit, aus dem Alltag zu fliehen. „Es ist ein Refugium, das mit der modernen Welt erst mal überhaupt nichts zu tun hat“, meint Liedtke. Für ihn ist die alte Sprache wie ein Notausgang. Sie helfe nicht nur, die subjektive Welt zu entschleunigen, sondern auch diese zu verstehen. „Latein vermittelt Bildung, nicht nur Information. Man lernt Verstehen-Lernen.“

Dass ihre Liedtexte verstanden werden, glauben die Ista-Rapper nicht. Und wer den Text ihres ersten Songs hört, ahnt auch wieso: Estne ista, quae ante portas stat? Vel ista, qua te mente captum fit? – Ist es die da, die da am Eingang steht? Oder die da, die dir den Kopf verdreht?
Trotzdem: „Latein groovt“, sagt Liedtke. „Die Leute gehen mit.“ Viele Besucher, erzählt er, würden zwar erstmal volkstümliches Liedgut oder eine Darbietung à la Carmina Burana erwarten. „Denen fliegen aber unmittelbar nach Konzertbeginn die Ohren weg. Meistens dauert es keine zehn Minuten, bis die ersten, dann zaghaft, aber unweigerlich beginnen, mit dem Kopf zu nicken.“ Die Sprache mag Latein sein. Aber es bleibt HipHop.

Autor:  David Binnig
Datum:  24 | 1 | 2011
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