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24. Juli 2014

HIV und Aids: Thailands Kampf gegen Aids

 Von 
Behandlung von Aids-Patienten im buddhistischen Tempel von Lopburi.  Foto: REUTERS

Die Vereinten Nationen sehen eine „realistische Chance“, dass Aids in Thailand bis zum Jahr 2030 ausgerottet ist. Ausgerechnet Thailand, in dem unter anderem aufgrund von Sextourismus die schlimmsten Untergangsszenarien als realitisch galten, dient heute als Vorbild.

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Chaiyapoom –  

Die Rippen scheinen durch die Haut des mageren Mannes auf dem Metallbett, dessen Körper vom Hals bis zu den Zehen mit Tätowierungen bedeckt ist. Ein paar Schritte weiter murmelt ein anderer Patient unverständliche Sätze vor sich hin. Nattapong Pooniam wechselt die Bettwäsche des Mannes und streicht ihm beruhigend über die Stirn. Er besitzt keine Ausbildung als Krankenhelfer. Seine Qualifikation ist seine Krankheit.

„Ich habe vor drei Jahren herausgefunden, dass ich HIV positiv bin“, sagt der 35-jährige Mann aus der Stadt Chaiyapoom. „Ich habe mit allen geschlafen, egal ob Männer oder Frauen.“ Seine Geschichte klingt nach dem klassischen Klischee, das die Bekämpfung der Immunschwächekrankheit Aids weltweit so schwierig macht. Nattapong Pooniam ist selbst überzeugt: „Solange es keine Medizin zur Verhinderung von HIV gibt, wird die Krankheit nicht verschwinden“, sagt er und deutet mit dem Zeigefinger auf sich selbst, als ob er das beste Beispiel sei für diese deprimierende Perspektive.

Dabei ist der hagere Mann, der sich in einem nahegelegenen öffentlichen Krankenhaus alle drei Monate kostenlos Medikamente abholt, die seine Krankheit in Schach halten, viel eher das beste Beispiel für eine Hoffnung: „Es gibt eine realistische Chance, dass Aids in Thailand bis zum Jahr 2030 verschwindet“, sagt Tatiana Shoumilina, Landesdirektorin von UNAids, dem gemeinsamen Programm der Vereinten Nationen zur Reduzierung von HIV und Aids.

Ausgerechnet Thailand, in dem unter anderem aufgrund von Sextourismus, Wanderarbeitern und Lebensgewohnheiten vor einem Vierteljahrhundert nur die schlimmsten Untergangsszenarien als realistisch galten, dient heute als Vorbild: „Wir ermutigen das Königreich, seine Führungsrolle auch international stärker in die Waagschale zu werfen“, sagt Shoumilina. Sie weiß, dass die Krankheit nicht völlig verschwinden wird. Das Ziel ist, Aids als ein Problem des öffentlichen Gesundheitswesen zu beseitigen.

Zwar sterben jährlich immer noch etwa 20.000 der 66 Millionen Thailänder an der Epidemie. Bedenklich ist auch, dass die Zahl der jungen Patienten, die sich mit sexuell übertragbaren Infektionen – so genannten STI – anstecken, wieder ansteigt. Im vergangenen Jahr gab es laut UNAids rund 8000 neue HIV-Infektionen in Thailand.

Hoffnungsvolle Zukunftsszenarien

Aber die Zahl schrumpft bereits seit Jahren jährlich um etwa 1000. „Das größte Problem des Landes sind Männer, die Sex mit Männern haben, sich anstecken und die Krankheit weiter verbreiten“, sagt Shoumilina, „das gilt vor allem in den Städten.“

Männer also wie Nattapong Pooniam, dem Helfer im Hospiz von Wat Prabat Namphu in Lopburi. Vor einem Jahrzehnt hätte ihm noch innerhalb kurzer Zeit nach der Ansteckung das Schicksal der Patienten gedroht, die kraftlos auf den Krankenbetten des buddhistischen Klosters Wat Prabat Namphu liegen.

Nicht nur zum Auflbasen: Aufklärung wird in Thailand großgeschrieben. Hier sind die „Swing Service Workers“ in Bangkok unterwegs.  Foto: REUTERS

Lange galt das Hospiz als letzter Zufluchtsort für Thailänder, die von der Familie verstoßen hilflos auf der Straße gelandet waren und mangels Medizin nur noch auf den Tod warteten. Heute werden in dem Kloster alle Patienten mit den neuesten verfügbaren Medikamenten behandelt.

Deshalb gilt der 35-jährige Nattapong, der voll Ehrlichkeit über sein vergangenes Leben in den Kaschemmen von Chaiyapoom spricht, als gutes Beispiel für hoffnungsvolle Zukunftsszenarien bei Thailands Aids-Bekämpfung. 340 Millionen US-Dollar geben die Gesundheitsbehörden des südostasiatischen Königreichs jährlich für ihr beispielhaftes Programm aus. Jeder Patient, der die Diagnose HIV-positiv erhält, wird sofort behandelt. Versicherungen und das öffentliche Gesundheitswesen übernehmen zwei Tests pro Jahr sowie die Medikamentenkosten.

Zwar gilt auch in Thailand weiterhin der Satz, den UNAids-Landesdirektorin Shoumilina unverblümt ausspricht: „Die Verhütung von Aids steht und fällt mit dem Gebrauch von Kondomen.“ In dem südostasiatischen Land gibt es zufällig eine der weltweit größten Fabriken, die das Empfängnisverhütungs- und auch HIV-Schutzmittel herstellt.

Aber Thailands Entschluss, bei jedem Patienten unmittelbar nach der ersten Diagnose der Krankheit zu behandeln, bringt einen weiteren Vorteil bei der Kampagne zur Ausrottung von Aids in Thailand. „Man kann zwar jeden HIV-positiven Patienten bitten, angesichts der Ansteckungsgefahr seinen Lebenswandel anzupassen“, sagt Tatiana Shoumilina, „aber eine Garantie gibt es nicht.“

Die in Thailand weit verbreitete Behandlung mit Medikamenten bringt freilich einen entscheidenden Vorteil: Das Virus wird so stark unterdrückt, dass die Ansteckungsgefahr gering ist – selbst wenn ein HIV-positiver Patient kein Kondom benutzt.

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